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1

Man würde mich sicher wieder fragen, was es denn konkret sei, dass mich so bewege an Dir. Irgendwo las ich mal, wenn man auf (solche / weitere) Fragen keine Antworten wisse, dann sei da meist auch nicht so viel dran, also an der These, dem Gefühl oder der Erinnerung, demnach umso erfreulicher: Ich habe Antworten, viele davon.

Heute, als Du vor mir saßt, direkt vor mir, aus dieser Perspektive umrahmt von meinen Beinen, und ich gebe zu, ich verdrehte mich ein wenig, aber dabei heraus kam dieses unwiderstehlich schöne Bild, welches mich faszinierte und fassungslos machte in einem und welches Du leider nicht mit ansehen konntest weil Du warst ja Protagonist und das Bild plötzlich bewegt und damit real und mehr noch eine Tragödie, aber das war nicht so schlimm, denn in meinem Schoß, da waren wir eins und das war die Hauptsache und ich dachte da gar nichts, ich fragte mich nur atemlos

was –

was –

würde ich jetzt einfach tun was ich wollte –

was dann?

Denn dann hätte ich meine Beine aus dem Stück heraus um Deinen ganzen Körper geschlungen, sodass Du Dich geborgen gefühlt hättest. Und dann hätte ich Deine Haare angefasst, sodass Du dich begehrt gefühlt hättest und ich hätte meinen Mund in Deinen Nacken gelegt, sodass Du dich gemeint gefühlt hättest.

Während ich Dich beschreibe fehlen mir die Worte und ich benutze nur Hände und baue Mauern damit. Wie kann das sein. Wie kann eine Frau, welche Worte mehr liebt als Männer, an einer Beschreibung scheitern. Ich versuche, Dich zu erinnern und alles, was ich erhalte, ist ein Arm mit einer Hand als Kunstwerk, Blutgefäße wie Straßen und der Asphalt ist Gänsehaut und makellose Finger und Ruhe. Ich sehe die Ruhe. Und all das überträgt sich auf mich, Stille und dann sogar auch die Gänsehaut. Finger spreizen und ich sehe dem Geschehen fassungslos zu. Das ist Zauber, denke ich fasziniert, das ist Zauber! Einer, den man nicht erlernen kann, denn er ist gegeben. Und dann denke ich an mein Bild von Dir, wie Du Bleistift und Notizheft hältst und dann an Erotik, weil Logik.

„Verstehst Du“, wiederhole ich, „Erotik, auf die tiefste Art, die Du dir vorstellen kannst, Erotik bis auf das wunde Fleisch sozusagen, obwohl angezogen, deswegen vielleicht nicht frierend. Verstehst Du.“ Und der Zuhörer nickt zweifelnd.

Ich atme laut aus und halte mir die Stirn in beiden Händen und denke Ihr seid doch alle

2

Ich sehe Dich also an, wie Du so vor mir stehst und beobachte und bemerke und wäge ab und plötzlich fällt mir auf, dass ich alles von Dir wissen will, einfach so, beispielsweise, wie Deine Uhr, die immer mal wieder unter dem Hemdsärmel sichtbar wird, aussieht, und wie Deine Haut (es ist Winter). Was deine Werte sind, wie Du küsst und wie Du kommst. Womit Du deine freie Zeit verbringst und ob Du ein Festnetztelefon hast und ob Du abends mit Frauen auch außerhalb intrafamiliär telefonierst (hoffentlich nicht) und ob Du Oliven magst und worüber Du lachen kannst und ob man mit Dir stundenlang sitzen und reden könnte.

Wenn der Fokus vom Subjekt zum Objekt zoomt, ist das dann Liebe?

„Sie sehen mich so erwartungsvoll an. Haben Sie Fragen?“, unterbrichst Du Dich selbst beim Reden und meinst mit dieser Frage wirklich mich.
“Eh. Nein“, versichere ich schnell und sehe direkt daraufhin auf den Tisch vor mir und nehme einen Stift in meine Hand. Später fiel mir ein, ich hätte confident antworten sollen: “Ja, viele. Später, Du und Ich?” Aber das hätten dann andere auch gehört und ich hätte es nicht ertragen, ich hätte es nicht ertragen, wäre nur ein Jemand dabei gewesen, der dazu auch nur eine Frage gestellt hätte.

3

Ich sortiere mich selbst durch Zeit und Raum. Ich versuche zu denken, was ich fühle. Ergibt denn nichts mehr hier Sinn? Ich bin der Sinnlichkeit verfallen und kann auch nicht mehr arbeiten jetzt. Im Vorbeigehen sehe ich meine schmalen Brüste und meinen heute flachen Bauch und meine runden Po. Meine wilden Haare, mein erschöpftes Gesicht. So sehe ich also aus. Rote Linien durchziehen den weißen Hintergrund, welche das Bild erst interessant machen.

Ich denke, dass es einfach passieren soll. Das Kennenlernen, das Miteinanderschlafen, das Miteinanderkommen, -kochen und –essen. Das Sitzen und Schweigen, das Sehen und Denken, das Liegen und Biegen und Renken. Das Insbettreden und das Hinauskomplementieren. Das Grenzen testen und teilen, das Lachen, das Heulen, das Schreien, das Lieben. Dann lege ich mein Gesicht in beide Hände. Wie denn?

Schwamm auf Teller, Löffel auf Gabel, Wasser an Wasser und alles verschwimmt. Wie oft muss ich Dich noch flüstern. Wie lang muss ich Dich noch atmen. Wie sehr muss ich Dich noch begehren. Verrückt geworden bin ich doch schon.

4

Ich will anfangen, aber weiß nicht, wann. Jetzt?

Ich will anfangen, aber weiß nicht, womit.
Ich will losgehen jetzt, aber weiß nicht, wohin.
Ich will lernen, aber weiß nicht, was.
Ich will Austausch, aber weiß nicht, mit wem.
Ich will mich emanzipieren, aber weiß nicht, wovon.
Ich will lieben, aber weiß nicht, wen.
Ich will lieben, aber weiß nicht, wie.

Wenn man nicht mehr weiß, wo man anfangen soll, lässt man es dann einfach? Wenn man nicht mehr weiß, was man schreiben soll, liest man es dann einfach?

5

Wie soll ich denn das alles erklären?
Als heute die Tür hinter mir ins Schloss fiel, stellte ich fest, zwei Möglichkeiten zu haben, nämlich: Ok, endlich mal wieder heulen jetzt oder ok, endlich mal wieder kochen jetzt. Hab dann gemerkt, dass ich gar nicht heulen kann jetzt, weil alles noch total verkrampft vom Auskotzen davor ist. Hab dann gedacht mach dich mal locker jetzt und hab gekocht und gegessen auch und gedacht: Diese Woche mit Mann ist geschafft, glücklicherweise, beruhige Dich, beruhige Dich. Kein Mann ist Dein Vater, noch nicht einmal Deine Familie ist irgendein Mann. Und ja, auch, wenn es irgendwie peinlich war: Du hast es eben geschafft.

Was sagt man, wenn man verliebt ist? Wie spricht man, wer ist man? Doch nicht ernsthaft der gleiche Mensch, der man war, als es noch kurz vor Verfall war. Und wann fängt man wieder an zu essen, bevor sich eine Essstörung vollständig etablieren kann?

Ich kann vor Dir nicht reden, ich kann vor Dir nicht loslassen. Noch nicht einmal greifen und atmen kann ich vor Dir und dann pocht es mir plötzlich heiß gegen die Haut von innen, als würde da jemand wütend gegen die Türe schlagen: hallohallo! Und dann: bist Du verrückt geworden?, mach die Tür auf! Denn wenn du nicht langsam irgendetwas unternimmst, ersticke ich! (Das war Ich an Über-Ich, Es hat das beobachtet und war zwar stoned, aber anwesend.)

Donut Panic erinnere ich mich. Durchatmen jetzt, und überleg doch mal.
Und dann verlasse ich den Raum und weiß nicht, wie Vibration abbauen und wie überhaupt das jetzt einem Fremden erklären, denn mehr seid ihr für mich nicht und alle sehen sie mich an, als wäre ich irgendwie komisch. I‘m not that weird!, möchte ich dann den anderen mit meiner Handfläche in Richtung crowd, die Abstand signalisieren soll und einer hochgezogenen Augenbraue, die So what?! heißen soll, sagen. Es muss ein Trauma sein, möchte ich mich dann beruhigen. Es kann nur ein Trauma sein. Anders ist es nicht erklärbar. Es ist anders nicht erklärbar, das habe ich mir doch soeben erklärt und ausgerechnet Du, der es lösen könnte, entfacht das in mir. Das kann doch nur ein schlechter Scherz sein. Und bitte warum lache ich darüber?

Ich denke dann an übergriffige Männer, die, wenn man sagt, dass es sich so herum für einen selbst falsch anfühlt, meinen, man denke nur zu viel nach und solle sich einfach mal entspannen jetzt. Oder auch solche, die glauben, man brauche gar nichts finden, sondern einfach mitmachen. Oder an Männer, die einem immer wieder die eigenen Gefühle absprechen. Ich denke dann an mich, für die das viel zu lange Alltag war. Ich habe das nicht nur gemeint, sondern auch gesagt. Das habe ich doch. Oder?

Frau!, sage ich mir selbst stattdessen, ich bin sicher, dieser Mann, den Du magst, mag Dich genau so, wie Du bist. Ich weiß sogar, dass es so ist. Wieso kannst Du das nicht glauben? Und wie lang soll es noch gehen, bis Du das endlich glauben kannst. Frau!, mach das nicht, denke ich dann, wenn ich mir die Hände vor das Gesicht schlage. Frau zeig jetzt endlich allen, wer Du bist denke ich dann und frage einfach mal A.

A., frage ich, wie geht das? Mit einem Mann sein? Einfach so, ohne Angst und ohne Anstrengung auch. Einfach sein, weil man endlich auf Augenhöhe lieben möchte und sich selbst bei allergrößter Sehnsucht fürs unter Niveau ficken zu schön geworden ist.

A sagt ja, aber nicht, weil sie eine Antwort, sondern nur, weil sie die Frage verstanden hat. Weiß ich jetzt auch nicht ergänzt sie und dann wird mir die ganze Welt klar, denn auf A folgen B, C, D und E. Wie verrückt man selbst ist, wird einem immer erst im Kontext Mensch, und zwar nicht Lieblingsmensch, offenbart. Denn Letztere haben die gleichen Ängste und mit ihnen fühlte auch ich mich ewigkeitenlang weniger komisch. Ha!, das war ein Trick, und ich dachte, ich führe hiermit zuverlässig die ganze Welt an meiner Nase herum, aber eigentlich, eigentlich habe ich damit nur mich selbst ausgetrickst. Blöd, ne. Musste ich halt ein paar Jahre lang auf der Couch für liegen, aber auch ok, denn jetzt stehe ich auf.

6

Zwei Beweise dafür, dass Erotik auch einfach sein kann. Beweis 1:
Es war der gleiche Tag und der Tag war wohl der, an dem ich etwas Besonderes an mir hatte, denn ich rannte die Treppe hinauf, nahm manchmal sogar zwei Stufen mit einem Mal, um daraufhin dem Zug hinterhersehen zu können. Ich ballte die Fäuste und stampfte mit meinen Stiefeln auf Asphalt und dachte dann Was solls. Und dann setzte ich mich. Und dann saß ich da, auf einer Bank, Bahnsteig 4. Erschöpft, wartend und dann amüsiert. Denn ich nahm wahr, dass ich mich sehr nah neben Dich gesetzt hatte, obwohl alles neben uns noch frei war. Ich versteckte das Lachen hinter meinem Anorak und vermied es auch, Dich direkt anzusehen. Ich fühlte mich schüchtern und immer nur dann, als Du in die andere Richtung blicktest, konnte ich der Versuchung doch nicht widerstehen. Das ist doch Blödsinn, dachte ich, öffnete eine cloud und korrigierte einen Text, denn that’s my business und dann passierte etwas und ich wurde Zeugin. Ich sah, wie Dein Blick leise und langsam von meinem Fuß bis zu meinem Knie ging. Das war so erotisch. Und damit wurde mir klar, wie subtil Flirten ist.

7

Beweis 2: Es war der gleiche Tag und der Tag war wohl der, an dem ich etwas Besonderes an mir hatte, denn bereits als die Türen hinter Dir wütend zusammenfielen, sah ich Dich an, durch die Menschenmenge erkannte ich Dich und als ich Dich so ansah, erinnertest Du mich an jemanden, den ich mal gekannt hatte. Die Farbe Deiner Haare, die Größe Deiner Gestalt, die Form der Hände und der interessierte und selbstsichere Blick. Sogar hattest Du die gleichen Schuhe an, die der Mann damals trug und in denen er mich Tag für Tag durch mein Leben begleitete und auch bemüht war, Schritt zu halten.
All das ließ mich Dich kurz anlächeln, impulsive Menschen kennen keine Grenzen.
Und dann dachte ich, lass doch, Mädchen, lass doch, denn ich bin nicht bereit und falls doch, nur für den Einen. Also schlage ich wieder meine Zeitung auf und das blieb auch so, bis ich an meiner Haltestelle angekommen war.
Und während ich aussteige und noch während ich mich selbst in der Menschenmenge untergehen und Dich vor mir laufen sehe, muss ich bereits lachen, denn Du wirst plötzlich langsamer und steigst aus, verlässt den Strom an Menschen, wartest wie ein Raubtier am Ufer eben dieses Flusses, sodass ich nicht nur an Dir vorbei muss, sondern wir uns auch an der Verkehrsampel, die eben rot ist, als hättest Du sie nur für mich einmal in Farbe getaucht, wieder treffen. Und da stehen wir, Tier an Tier, Jäger nächst Trophäe, nicht über- oder hinter, nebeneinander, denn beide sind berechtigt. Und ich schwöre im Namen dieses Blogeintrages, ich habe nichts gesagt oder gemacht, höchstens habe ich in mich hinein gefeixt aber selbst das, wie jedes Jahr im Winter, hinter einer schwarzen Wand aus Anorak.
„Guten Tag“, sagst Du, neben mir stehend.
Ich nehme das Lied aus meinem Ohr und sage: „Guten Tag“, und lache dann.
„Ich heiße S. und wie heißt Du?“
„Ich heiße Nina“, sage ich, und weil ich weiß, was jetzt kommt, lache ich noch mehr.
„Schöner Name“, sagst Du, „er ist schön und einfach“, antworte ich.
Und so passiert es, das wir zusammen ein Stück gehen und wüssten wir beide nicht, unsere Geschichte hat noch nicht einmal begonnen, so könnte man meinen in Anbetracht unserer Symbiose, dass uns das Leben eine gemeinsame Geschichte zeichnete. Zusammen gingen wir also und dann fragtest Du mich, woher ich komme und dann erzähltest Du mir, woher Du kommst aber eigentlich, eigentlich kommst Du woanders her, so sagst Du das und dann: Damaskus.

Die Hauptstadt, sage ich. Die Hauptstadt, wiederholst Du.

Und ich habe wenig Zeit, dabei Dich anzusehen, denn wir gehen nebeneinander und seit wann begleitet ein Mann mich in meine Richtung frage ich mich und dabei hatte ich es doch zu eilig, um kurz mal Deinen Arm festzuhalten und zu sagen: „Hey, warte mal, lass uns mal kurz ansehen und schön finden jetzt“, obwohl ich dachte, Du wärst dafür bestimmt der richtige Typ Mensch gewesen.

Zusammen gehen wir in das Gebäude und es muss so gewesen sein, dass Du in dieser Geschichte plötzlich ganz fest zu dem Protagonist Begleiter wurdest, denn ich kannte mein Ziel und Du warst es, der einfach mitkam. Und dann sagte ich: „Ich muss jetzt hier hoch“, und zeigte auf das Schild, auf dem eine 5 stand.

„Können wir uns kennenlernen?“
fragtest Du mich und ich überlegte echt ganz kurz und als Antwort pochte es von innen gegen die Hitze und ich weiß das noch ganz genau, dass ich sehr schnell an den Stress, den ich im Kopf hatte, dachte, dass ich das niemandem antun kann und schon gar nicht mir selbst und sagte: „Das geht leider nicht, tut mir sehr leid.“ Dann sahen wir uns etwas länger an und ich sagte: „Alles Gute“ und reichte Dir meine Hand, „Ja, alles Gute“, sagtest Du und hieltest lange die meine oder vielleicht hielt ich auch Deine oder wir unsere und eigentlich damit unsere ganze Welt. Und noch während ich nicht losließ ging ich zwei Stufen nach oben und je weiter ich ging desto mehr bog sich meine Wirbelsäule in Deine Richtung und ich dachte dabei nicht an Dich, sondern an Yoga und hätte ich nicht auch das Geländer genau so fest gehalten, wie Dich in meiner Hand, ich wäre sicher in Deine Arme gefallen und hätte mich dann verfangen in einem Nest aus Wärme und Liebe und Leidenschaft, aber nein, und ich wiederholte „Alles Gute“ und ließ Dich los.

Ich war frei. Endlich wieder frei. Und beglückt erfasste ich wieder zwei Stufen auf einmal und atmete das Leben. Du bist frei Mädchen, dachte ich, genieß das mal. Du bist frei Mädchen, dachte ich, das erfordert Mut und den hast Du doch nicht umsonst aufgebracht.

8

Allen Menschen, die meinen, man wisse ja gar nicht mehr, was man denn nun noch sagen oder tun dürfe und so weiter, sei dieser Text gewidmet. Sagen darf man fast alles, man muss es nur auch richtig meinen. Hashtag youtoo. Bye.

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