19 – 29

19

Glaubst Du denn, er wird sich an ihren Geburtstag erinnern?
Er hat ja eine Mutter, antwortet sie. Und bleibt dabei.
Und angesichts dessen, angesichts dieser Angelegenheit, bin ich fassungslos.
Und auch weiß ich nicht, ist da Ironie in ihrer Stimme.
Ich möchte sie kurz schütteln und sagen: Ist da Ironie in Deiner Stimme, ist es das? Ja oder nein?
Was soll das heißen, er hat eine Mutter, flüstere ich stattdessen.
Er hat keine Mutter, er hat eine Tochter, darum geht es doch.
Eine Tochter, deren Geburtstag er zur Hälfte mitbestimmt hat, deren Geburtstag doch aus ihm heraus entstanden ist.
Eine Tochter hat er, niemanden interessieren die Mütter, so ist es doch.

Ich denke an all die Briefe, die ich gelesen habe, all die verschiedenen Absender, all die gleichen Entschuldigungen, und nicht im eigentlichen Sinne waren es Entschuldigungen, sondern mehr waren es Rechtfertigungen für die Taten der Täter selbst. Darin waren sie sich stets einig. Aber so funktioniert Leben nicht. So funktioniert das Leben nicht.

20

Der Spannung Raum geben. Mutig sein.

Ich würde die Tür öffnen und sagen Hi. Komm, komm in meinen Arm, lehn Dich an mein Herz, leg Dich in meine Hand. Einfach so und warum auch nicht, einfach und frei, ohne Erwartungen, denn Erwartungen habe ich nicht, erstmalig nicht.

21

Und jetzt, wo das Neue an die Tür klopft, eile ich noch einmal zurück, irgendwas holen, bevor ich endgültig alle Türen verschließe. Ich will es wissen, bevor ich das neue Haus betrete, den Schmutz abtreten. Wie war das denn für Dich, frage ich, als wir zusammen waren. Was dachtest Du, als Du mich das erste Mal sahst.
– Wieso brauchte ich so lang, um Dir diese Fragen zu stellen, wenn Deine Antwort darauf doch so schnell kommt.

Als ich Dich gesehen habe, wollte ich Dich kennenlernen, weil Du klug aussiehst.

Und dann sagtest Du: Als wir zusammen waren, hast Du mir sehr geholfen. Ich denke, Du verdienst alles und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Dir nichts gegeben habe. Meine Meinung zu Dir hat sich nicht geändert. Du bist immer dieselbe Person für mich.

Eine Liebe, die so endet, ist nicht beendet, sondern nur transformiert.

22

Alles strengt mich an, besonders der Kontakt mit Euch, und im Besonderen strengt es mich an, Euch stetig abzuweisen. Das würde auch nie passieren, wärt ihr einfach mal so feinfühlig, wie ich es bin.

Denn ich trage Last und dann kommt ihr an mit Eurer Heiterkeit, aufgrund dieser formt sich mir bereits eine erste Frage, wie erwartbar von Euch nicht beantwortbar: Warum eigentlich? und btw ihr macht es mir durch eben diese Heiterkeit und die Fragen, die sich mir daraus formen, nicht leichter, sondern schwerer. Worüber ihr redet und die Art, wie ihr lacht. Alles fühlt sich wie ein Fremdkörper für mich an. Und dann gehe ich neben Dir, noch ein weiterer Fremdkörper, wie an mir dran gewachsen, angeheftet, Hauptsache bei mir sein, ohne zu fragen, wieso eigentlich und ohne zu prüfen, ob Du etwas zu geben hast. Und weil Du nicht loslässt mache ich es Dir nach, ich habe es nie anders gelernt und nun fühle ich mich so, als könnte ich mich nicht mehr trennen, wie eine sorglose Mutter nach der Empfängnis fühle ich mich, die es sich nun, da nichts mehr rückgängig zu machen ist, nicht wagt, den Vater dafür ebenso zur Verantwortung zu ziehen. Also gehe ich mit Dir, neben Dir, alles schwer, schwer, schwer, Hindernisse neben, vor und über uns und nichts an Dir ergibt Sinn für mich in meinen Gedanken. Rede mit mir, denke ich, lache nicht mit mir.

Bringe mich über das Reden zum Lachen. Nicht über das Lachen zum Reden.
Wieso verstehst Du das nicht?

Ich weiß, wie ich funktioniere: so nicht.
Wenigstens ich weiß das.

Komm, erzähl mir eine Geschichte, möchte ich Dir noch sagen.
Eine Chance damit geben. Aber ich weiß schon jetzt, was kommen wird und dennoch.

Warum bin ich so, warum bin es immer nur ich selbst, die sich infrage stellt. Als dürfte ich in diesem Leben nicht nach mehr fragen. Als wäre das Leben nur für Euch allein gemacht, und weniger für mich. Als wärt ihr mein Maßstab, und nicht ich selbst.

Einschließen, der Tristesse entkommen. In den Spiegel sehen. So sehe ich also mittlerweile aus, aha. Wasser ins Gesicht, früher, da hätte ich mich das nicht getraut, früher, da war da nur Mauer und Maske, ich hätte das Risiko nie gewagt, alles hätte kaputt gehen können. Jetzt bin ich echt und flexibel damit auch.

So stehe ich da und stelle fest: Es gibt keine Geschichte mehr zu erzählen.
Ich will mich scheiden lassen. Aber wie mache ich Euch das klar?

23

„Ja, ich bin halt da.“
„Ja, Sie sind da. Und?“
„Das reicht schon.“
„Was ist denn das Problem?“
„Vielleicht suche ich nach Existenzberechtigung und finde keine. Vielleicht ist das das Problem“

24

Jede Minute öffne ich den Briefkasten, und es ist zuverlässig ein Liebesbrief von Dir darin. Qualität, nicht Quantität. Damit kommt diese der Nachsicht nicht hinterher. Und bereits da beginnt mein Leiden, es beginnt immer, obwohl ich weiß, dass es darum gar nicht geht. Schuss jetzt, denke ich, es reicht.

Dein Drang nach Freiheit verdrängt meinen Platz, den ich innerhalb einer Verbindung stets innehatte. Immer war ich es, die sich Platz erkämpfen musste, die sich zugeschnürt und okkupiert, verantwortlich, schwer und des Lebens und seiner Abenteuer beraubt fühlte, Schuld empfand für die eigene Unabhängigkeit, immer wieder verzweifelte: Bitte gib mir Raum, Dich zu vermissen. Wenn schon nicht für mich, dann doch wenigstens für Dich, verstehst Du das wirklich nicht?

Die Freiheit, die Freiheit war und bin ich, und immer wieder nahm ich mir als das große Substantiv unterschiedliche Adjektive. Mal war ich sexuelle Freiheit, mal war ich individuelle Freiheit. Mal wandelte ich mich und war religiös frei oder machte Gebrauch von meiner Meinungsfreiheit.

Ich war frei zu sprechen, zu schreien, zu heulen, zu kotzen, zu wüten und ja, zu lieben. Das auch. Das Allerwichtigste war jedoch: Ich war stets frei, zu entscheiden.

Nun, da Du diese Position innehast frage ich mich.
Wo gehöre ich mit dir hin?

Du öffnest, als wüsstest Du, wie und als wüsstest Du gar nicht, was das für jemanden wie mich zu bedeutet hat. Wenn noch ein jemand einen selbst nicht nur aushält und versteht, was man sagt, sondern davon immer und immer nur mehr provoziert, weil man es verarbeiten kann. Dass nicht nur meine Gedanken um mich kreisen, sondern dass sie über Dich zu mir zurück finden, Blütenstaub mit sich bringen und größer werden sodass ausgerechnet ich immer wieder kapituliere: Ich habe keinen Platz für die Worte, die mir zu Dir einfallen.

25

Über den Hof schallen sie und steigen liebevoll getragen durch das Fenster in meinen Raum, die Töne, nach sanfter Lust und dringender Begierde, nach süßem Honig, Schweiß, Salz und Zucker, wir alle hören es und sind stumme Zeugen, wie wir schwitzend in unseren Betten liegen, während ihr den ganzen Hof mit Liebe beschallt.

26

Später dann (m)ein anderes Leben: Angst, Angst und immer nur Angst. Mensch sagst Du, als Du meine Hand nimmst, alles so kalt an Dir, was ist denn? Angst, schaffe ich noch zu flüstern. Aber wovor denn? Siehst Du sie nicht, sage ich mit Blick auf die Anderen gerichtet, siehst Du sie nicht.
Wo bin ich, wo bin ich? Ich habe mich verloren und finde mich nicht wieder.

Komm, sagst Du, gib mir Deine Hand, wir gehen hier zusammen durch und ich entscheide mich. Wo soll das hinführen. Allein will ich gehen, mutig will ich sein. Lass mich los, schaffe ich gerade noch zu sagen, ich will lernen, für mich allein zu gehen.

27

„Eine Gruppe, es ist eine Gruppe.“
„Hm, ok. Und was sind das so für Leute?“
„Ganz unterschiedliche“
„Aha, hm hm. Und was … also was machen diese Leute dann da?“
„Es ist ganz offen und einfach…“
„Und ich kann auch einfach so, also… einfach so teilnehmen?“
„Ja, natürlich können Sie das.“
„Aha, ok, ja gut“

28

Du weißt nichts von meinem Leben. Außer, ich erzähle dir davon.

Wenn jemand stirbt, verlässt er, im schlimmsten Fall. & hinterlässt er, das im besten Fall. In diesem einen bestimmten besten Fall, Briefe über Briefe, Tagebucheinträge, Abschriften. Niemand kann sich mehr rausreden, niemand kann mehr sagen, er hätte es nicht gewusst. Rechtfertigungen reihen sich an Forderungen, Wünsche umarmen Ideen und Rezepte werfen sich schützend über Deine Ideologien. Berührend und abstoßend, alles zugleich. Du als ein kleines Medium der Familie, der auch ich entstamme. Du als das Brecheisen, auch als Dein eigenes Bindeglied, dann, wenn man Dir nicht zuhören wollte, Dir nicht glauben wollte. Vielleicht taten das die Meisten so, die auch Wir sind, und dann warst Du irgendwann vielleicht nur noch auf Verzicht aus, aber jetzt, wo sich Dir niemand mehr wiedersetzen kann, da hinterlässt du, was Du zu sagen hattest. Ist das jetzt mutig oder ist das feige?

29

Aber nein, nein, Du hast mich mal wieder falsch verstanden, denn so oft, wie Du Dich mir verweigert hast, so oft kann ich Dich bis zum Ende meines Lebens nicht mehr zurückverweigern. Also habe ich beschlossen, ich bin bereits einfach jetzt bei Null angekommen. Ich habe Dir alles zurück gegeben, es sind nicht mehr meine Schuldzuweisungen, nicht mehr meine Ängste, es sind nicht mal mehr meine Traumata. Ein Teil bin ich zwar Du, aber geboren habe ich mich selbst. Denn ich bin die Frau, die ich immer sein wollte jetzt, zumindest fast, und ich lasse mich. In Ruhe. In Frieden. Ich entfalte mich jetzt. Ich musste mich verstehen lernen, weil ihr das nie konntet. Es gibt dem nichts hinzuzufügen.

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