Was ich so an manchen Tagen mache: 1

Ein Moment des schmerzlichen Wachwerdens.
Manchmal ist das Aufstehen zermürbend, so aufreißend. Dann ist es so, als könne ich liegen bleiben, obwohl ich mich zuvor eigentlich gar nicht hingelegt hatte. Wie passt das zusammen? Notizen von diesem Morgen fielen mir heute in die Hand.

Aufstehen. Bringt ja doch nichts.
Chai aufsetzen
Frühstück machen
Chai, oh Chai

Musik entdecken, die man sich nicht vorstellen kann.
In die Musik eintauchen.
Neue Welten finden. Und plötzlich die Eigene mit anderen Augen sehen.
Prospekte, Kartoffelschalen, Tassen, Küchenhandtücher:
Ständig irgendwas irgendwohin tragen. Immer nur tragen. Ich bin eine Tragende.
Ich bin eine tragende Komödie. Ich bin eine Tragödie.

Im Bett frühstücken. Spätschicht. Im Bett frühstücken. Ein zu früher Dienst.

Wieder an den Küchentisch setzen.
Vieruhrdreiundzwanzig. In Zahlen 4:23.
Nach draußen sehen.
An Wolfgang Herrndorf denken.
Die Episode, als er mit Pinguinkostüm in der Notaufnahme vorspricht: Kopfschmerzen, er kann sich nicht mehr helfen; und erst mal in der Neuropsychiatrie landet. Das mit dem Kostüm sollte ein Witz sein.

Frühstück Teil zwei. Dann fällt mir auf: Ich mache Musik mit meinem Besteck.
Draußen höre ich Leute lachen.
Was mache ich jetzt?

Gestern ein Dialog. Vielleicht das?

„Also einmal, da bin ich von der Leiter gefallen und hatte ein richtiges Loch im Kopf. Und es blutete auch stark. Aber ich konnte den Rettungswagen nicht rufen, ich hatte ja noch nicht geputzt. Bevor ich das Haus verlasse, muss ich immer 3,5 Stunden lang putzen.“
„Aha, okay“, sage ich, „ok.“

„Ähnlich war das auch damals, als ich mir den Arm brach.
Da war es so, dass ich dachte, ich kann doch nicht ohne BH in die Notaufnahme.“

Stille Stille, Wir Wir.

„Haben Sie sich schon einmal mit gebrochenem Arm einen BH angezogen?“
„Nein“, sage ich.
„Ich erzähle das, damit jeder weiß, wie ernst meine Ängste und Zwänge zu nehmen sind.“
„Das finde ich gut“, sage ich.
„Sie glauben gar nicht, wie anstrengend das alles ist.“

Es ist nur das Schreiben, bei dem ich die Welt vergesse.
Zeit und Raum, nichts existiert mehr für mich.
Auch ich bin dann nicht mehr da. Ich bin nicht mehr da.

Ich sehe mich mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahren, es ist schließlich so früh am Morgen. Einmal die Menschen auf dem Markt durch einen Filter betrachten. Kleine Wolken, die aus Mündern kommen, offene Handflächen, schillernde Münzen: Papiertüten.

Meine Tasche voll mit Gemüse und dann zum Goldschmied.
Ich passe hier gar nicht rein, denke ich, und stehe wie eine Frau mit grobem Rucksack in einem zarten Juweliergeschäft.

Guten Tag, Herr Goldschmied, sage ich, ich habe geerbt, sage ich, und setze mich.
Diese Ringe (hier), können Sie die wohl weiten?, frage ich.

Ja, meint der Goldschmied lapidar und versucht mich neben viel Schweigen, Schweigen, Schweigen und Ansehen und Mustern doch noch zu überreden, nämlich dazu, die Ringe eine (nur eine) Nummer kleiner zu machen als ich es wünsche, aber er kennt mich nicht, ich bin empfindlich wenn es darum geht, dass irgendjemand irgendetwas an mir kleiner machen will als es ist und zudem bin ich empfindlich, wenn es darum geht, dass mich etwas zu sehr in Besitz nehmen will, ein Ring zum Beispiel, zwischen den und mich dann kein Atemzug mehr passt.

Nein, Herr Goldschmied, sage ich entschlossen. Ich weiß, was ich tue.
Na gut, Sie müssen es selbst wissen, antwortet dieser, der sonst so selten wenig sagt, aber am Ende, als ich fast gehe, erkundigt er sich:
Wie haben Sie mich nur gefunden?
Google, sage ich.
Und der Goldschmied sieht mich an, als verstünde er nicht.
Sie haben einen Google Eintrag, sage ich.
Der Goldschmied nickt.
Ich sage
Auf Wiedersehen.

Wieder frage ich mich, was das für Tage sind. Tage voller Sturm und Regen im Kopf und in den Händen, schwer sind die Füße und so auch die Selbstzerwürfnisse. Dann aber auch ist alles ganz leicht, das kann ich auch sehr gut. Es kommt bei mir immer auf so vieles an.

„Möchtest du da zu der Frau?“, höre ich einen Mann zu seinem Sohn sagen und er zeigt mit dem Finger auf die Frau, die auf einer Bank in einem Glashaus sitzt: mich. Bitte hören Sie auf, mit Steinen nach mir zu schmeißen. Aber auch denke ich “Aha, ich bin also eine Frau(, die auf einer Bank in einem Häuschen sitzt) und werde auch als solche wahrgenommen.” Manchmal frage ich mich halt, ob ich auf andere eher anders wirke, aber dann wär mein Leben ja auch gar nicht mehr spannend.

Bahnfahren, Bahnfahren und an eine andere Reise denken.
-Was ist, wenn ich niemals bei Dir ankomme?

Menschen rempeln an den Sitzen, als wären sie die Protagonisten dieses Alptraumes.
Niemand entschuldigt sich. Keiner sagt Guten Morgen.
In was für einem Zug fahre ich.

Ich muss mich ablenken, an etwas anderes denken. Raus aus dieser Aussichtlosigkeit. Zug fahren und über Fragen nachdenken, die mir noch nie jemand gestellt hat, aber dessen Antworten ich trotzdem schon weiß, beispielsweise: Welches Wort hast Du wohl zumeist bedacht in Deinem Leben?
Welche Lebensmittelkombination löst Vorfreude in Dir aus?

Es ist die Angst vor Euch allen und vor Niemandem. Eigentlich ist es die Angst vor mir und Niemandem.

Könnt ihr Euch eigentlich vorstellen, wie anstrengend das alles ist?

Obwohl ich schon gar nicht mehr kann, fängt es gerade erst an. Wer glaubt mir das?

Arbeit, Arbeit, immer nur Arbeit. Aber dabei auch nette Menschen, die sich für das, was ich mache, interessieren.
Und mit welcher Maschine fliegst Du, fragt K.
Weiß ich doch nicht, sage ich.
Wie Du weißt es nicht.
Ja ich weiß es nicht.
Sag mal die Flugnummer! Oh wow, es ist ein Airbus a380!
Aha
Wie Aha?
Ja Aha halt
Also ich bin noch nicht mit so einer Maschine geflogen, sagt K., so, als wäre er beleidigt, was in mir die Idee aufkeimen lässt, dass es wohl etwas sehr Besonderes sein muss.
Hm. Ok. Dann … was soll ich dazu jetzt sagen K., das tut mir leid oder … vielleicht: danke?
Wann fliegst Du denn los?, fragt K. und macht damit eine Frage zur Antwort. Wortgesellschaften verändern sich.
Um 13.55.
Aha, mhm. Warte mal… Deine Flugzeit beträgt 7 Stunden und 50 Minuten… Hin.
Ok, danke, das hab ich nicht gewusst, sage ich.
Ja, bitte, sagt K.

„Möchten Sie auch ein Eis?“
„Ich habe einen Apfel, danke sehr“, antworte ich.
Und nur, weil Sie auf der Couch sitzen und aufgrund von zu viel falsch dosierter Medikation die Wirbelsäule nicht mehr strecken können, sehen sie auf mich herab und lächeln. Oder sehen sie auf mich herab, weil ich mich vor Sie auf den Boden gesetzt habe. Finden Sie das komisch? „Möchten Sie einen Pudding?“, frage ich sie, nachdem sie ihr Eis gegessen haben, lächelnd, als hätte ich mich mit Ihnen verbündet. „Ja“, sagen sie. So stehe ich auf, aus dem Schneidersitz heraus. Einmal Pudding, bitte sehr. Und setze mich wieder. So sehen Sie mich an. Und dann lächeln sie. Wieder. Warum?
„Ich wünsche Ihnen, dass sie gesund bleiben“, sagen Sie in die Stille hinein.
„Ich wünsche Ihnen, dass sie gesund werden“, bitte ich in die Stille hinein.
Sie lächeln, ich lächle. Romance.

Nach Hause schleppen: ich: mich.

Hat es geklingelt, ja, das hat es, und jedes Mal freut sich mein Herz, trotz der Müdigkeit, läuft es fast über, so winke ich leise das Mädchen hinein und lege gleichzeitig einen Finger auf den Mund, und wie es das schwere Fahrrad über meine Stufen hievt tut es mir leid, aber ich kann gerade nicht helfen, ich telefoniere noch mit einem Auftraggeber. Ich weiß, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, denke ich. Und da ich keinen Unterschied mache ob das Mädchen da ist oder nicht, telefoniere ich weiter confident und mache Vorschläge und sage, was ich gut oder was ich nicht so gut finde, weil meine Meinung geschätzt wird, und dann denke ich, wieso kann ich mich nie mit einem Mann so fühlen. Warum immer der Vorbehalt. Warum immer dieser Stress. Und als ich dann auflege und das Mädchen entdecke, wie es sich in die Küche geschlichen hat und wie es mein unvollendetes Gericht, das Küchenchaos ignorierend, weil wir sind doch beide so, einfach weiter kochte, da brach ich fast zusammen. Warum ist diese Selbstverständlichkeit nie mit einem Mann möglich. Und dann: Was hat das mit mir zu tun?

Naja Mädchen und jedenfalls, da gegenüber, da ist eine Schlagzeugschule, sage ich.
Stell Dir das mal vor!
Ja, sagt das Mädchen, den Mund voller Vorschusslorbeeren: Schlagzeuger sind sexy.
Der ewig verehrte Mann spielt auch Schlagzeug, sage ich, wie zum Beweis, nur ohne Synonym, mit Vornamen, so, als wären wir bereits eine Symbiose.
Ja stimmt, ich vergaß, der ewig verehrte Mann kann ja alles, antwortet Mädchen.

Ich räuspere mich und sage: „Mädchen“ und lege eine Gabel beiseite: Ziehst Du ihn durch den Kakao Mädchen, machst Du das? Ziehst Du mich und ihn durch den Kakao? Du findest es vielleicht übertrieben aber der ewig verehrte Mann war sogar mal Deutscher Meister in einer ganz bestimmten Sparte dieser Disziplin. Ich sage ja, ich übertreibe nicht, ich täusche mich eventuell, aber übertreiben? Nein. Du wirst schon sehen Mädchen, Du wirst schon sehen, wenn Du ihn siehst, und dann wirst Du sehen, was ich sehe, wenn ich ihn sehe, Du wirst schon sehen.

Wenn ich ihn mal sehe und uns niemand dabei sieht, werde ich endlich das sagen können, worauf ich bereits seit Jahren warte, ich werde Noel Gallagher zitieren und sagen : Excuse me if I spoke too soon, my eyes have always followed you around the room.

Bis dahin Endlosschleife: Was soll ich nur tun, was soll ich nur tun?
Letztlich bedeutet es ja, vorerst zu lernen, zu sich selbst zu stehen, sodass ich endlich aufhöre, neben mich zu fallen, wenn ich vor Dir stehe. This comes first. Das ist alles.

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