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59

Als ich ein Kind war, träumte ich immer wieder den gleichen Traum:
ein Hochhaus würde einstürzen, und mittendrin: ich.
Als ich ein Kind war, durchdachte ich immer wieder das gleiche Szenario:
Wo wäre die Chance, diese Katastrophe zu überleben, wohl am größten, in einem der oberen Stockwerke (tiefer Fall) oder in einem der niedrigen Stockwerke (tiefe Schlucht)?

Wie lang habe ich darüber gebrütet und konnte meinen eigenen Tod doch nicht entscheiden?
Mein Kindheitsrätsel.
Andere Kinder spielten Gesellschaftsspiele, ich spielte Überlebenskämpfe.

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Heutzutage sind die Nächte Überlebenskämpfe. Und mittendrin: ich, wie Kafka und Schlaf und Fieber, mein Körper, wie er aufbegehrt, gegen sich selbst kämpft, sich nährt und gebärt, sich schüttelt und in Wallung gerät. Noch unkontrollierbar zwischen Sein und Nichtsein schwankt und sich dabei Haare, Nägel und Zähne ausreißt.

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Manchmal, wenn ein Mann über Nacht zu Besuch ist, dann fühle ich mich, als wäre ich gänzlich hundertprozentig. Spirituell.

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Ich habe eine Schwäche für Männeruhren.
Das Romantische an ihnen ist, wie gut sie über das Gemüt ihrer Träger Bescheid wissen. Ihnen entgeht kein Pulsschlag. Wie konstant in Korrespendenz sie dabei mit dem Objekt der Begierde sind. Innenpolitik.

Vielleicht ist es auch lediglich die Nähe. So nah wie all die Uhren wollte ich all den Männern auch immer sein. Selbst dem ewig verehrten Mann blicke ich immer mal wieder heimlich auf die Uhr. Und meistens seufze ich dann kurz. Vor Erleichterung, vor Spannungsabbau vor allem.

Der Unterschied zwischen Dir und dem ewig verehrten Mann ist, dass ich Dich bereits kennengelernt habe. Das ist es, was heute vieles in einem anderen Licht erscheinen lässt. Eine Garantie dafür, einen Traum zu zerstören, ist seine Erfüllung. Oder so ähnlich. Nachdenken darf ich darüber nicht. Aus dieser Verzweiflung käme ich nicht wieder lebend heraus.

[Dein Vater hat Dich vergöttert, sagen sie mir, am Küchentisch sitzend schwören sie das in ihre verzweifelten Hände hinein. Dein Vater hat Dich vergöttert. Bitte glaub uns das.
-Wer versteht wen oder was nicht?]

Für den Vorgang des Uhrausziehens hege ich ebenfalls Faszination, für den Vorgang des Legens: Metall auf Holz. Erstarrt bleiben dabei beobachtend dann all meine Herzen stehen, so ernst ist mir das.

Alles fiel mir auf, als Du noch in Meditation versunken und in Laken verhüllt saßst und ich von Morgenromantik umarmt vor dem Holztisch stehend aus das Werkzeug betrachtete, auf dem unsere Zeit (ab-)lief. Da nahm ich es in die kalten und zarten Hände und das Utensil war mein Gegenteil, nämlich warm, weich und schwer. Wie konnte das sein? Nachdenklich kippte ich Materie von einer auf die andere Handaußenseite. Dabei baute sie eine Brücke zwischen Dir und mir.

Verloren war ich, mehr noch als gestern, nur leiser, beim langsamen Entblößen einer Mandarine, beim Schälen all ihrer Häute, und ich meine: all ihrer Häute, bis nur noch Fischlaich übrig blieb, als Du neben mir liegend fordernd sprachst: Was findest Du so erotisch daran, sag es mir. Erzähl mir eine Geschichte, antwortete ich leise, so erschöpft wie ich war, und Du begannst, mir eine Geschichte zu erzählen, und noch eine und noch eine. Es geschahen Wunder für mich.

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Sag mir, sagst Du, wie Du so plötzlich vor mir, Tisch und Uhr stehst, womit kann ich Dir eine Freude machen.

Was?

Stille // und wenig später nur schwebt Wasser aggregativ vielseitig durch Papier, sucht sich Wege, die nach Rom führen, extra fein gemahlen. Gestern noch hattest Du mir die Reifen meines Fahrrads aufgepumpt und den Backofen repariert. Gestern.

Und plötzlich denke ich an Nebensächlichkeiten, daran, dass als es noch ein damals gab ich Dir immer nur Fragen stellte.
Wie schwer trägst Du, hm?
Geht es darum, Dinge zu tragen?, antwortetest Du, falls ja, dann 9.
Nein, darum geht es nicht.
Ach so, ok. Aber ich bleibe trotzdem bei 9. Ich bin schließlich auch groß.
Einmeterneunzig bin ich groß sagtest Du damals und ich war geschockt.
Was, wie groß bist Du, einmeterneunzig?
Ja.
Auch manche Deiner Worte, mögen sie noch so klein sein, irgendwie sind auch sie einmeterneunzig groß und als Du es sagtest, wusste ich plötzlich, warum ich stetig zusammenzuckte, sah ich Männer, die einmeternenunziggroß an mir vorbei gingen und sich bewegten, wie Du es tust.

Heute die Frage: Kann ich Dir je wieder entgegenkommen, ohne Vorsicht? Ohne mich zu erschrecken? Kann da je wieder Wärme zwischen uns entstehen?
Immerhin. Mein Bett konnte ich schon immer gut mit Dir teilen.
Erwachsenenrätsel.

Und dann erinnere ich mich an das erste Mal, und daran, dass wir wenig später gemeinsam an einem Tisch saßen und ich trug ein Kleid und darunter trug ich nichts, wusstest Du das. Aber ich fühlte und fühle mich nicht so, weißt Du das. Du strecktest damals die Arme in die Luft und alles legte sich mit kurzen Geräuschen wieder in Position. Das will ich auch können, habe ich dann zu Dir gesagt, fast habe ich es geflüstert, und Du antwortetest: Dann mach das doch einfach auch mal. Das war eine Metapher für mich. Eine Öffnung aller Kanäle. Und dann habe ich so vieles auch einfach mal gemacht. Mach das doch einfach auch mal, hast Du mir gesagt. Das implizierte Wachstum, für welches ich bereit war.

Irgendwann dann wurde alles Schöne verlässlich schlimm. Als gäbe es uns nicht mehr.
Ich habe eine Frau getroffen, sagtest Du, die ich interessant finde.
Du meintest nicht mich.
Ich denke, sie ist zu intelligent für mich, sagtest Du.
Du meintest nicht mich.

-Bist Du noch normal?

Und während ich so stehend an meinem neuen Backofen lehne, höre ich mich sprechen: Du hast mir bereits Freude gemacht, und denke dann weiter an was eigentlich und plötzlich da sehe ich wie der Wind dort draußen aus einem weißen Sonnenschirm ein weißes Gespenst macht, welches sich

Hallo träumst Du?

Was?
Nein!

Und schon möchte ich Dir in deinen wartenden Blick schauen, aber da stehst Du nicht mehr vor mir, schon bist Du woanders, aber immer noch bei mir, und beginnst meine Fenstervorsteher zu mustern. Alles hängt schief bei mir, alles hängt so schief, dass es vielleicht auch wieder gerade ist, und ich sage „Lass ruhig, lass ruhig, es ist nicht mehr reparabel und längst habe ich mich auch dran gewöhnt“, obwohl ich mich eigentlich nie daran gewöhnte, aber Du nimmst Dein Werkzeug, ein Taschenmesser in rot, und beginnst, Stahl zu schneiden, Kordel zu fädeln und Plastik zu formen und etwa eine Viertelstunde später stehe ich vor Parallelen und Du beginnst schweigend, das zweite Fenster zu richten und dann das dritte und plötzlich fällt Sonne auf meinen Lebensmittelpunkt. Aber das hat nichts mehr mit mir zu tun, denke ich. Danke, sage ich, und meine es so. Mein Herz tankt Licht und da fragst Du: Was kann ich noch tun, damit Du dich freust, und dann fallen mir Dinge ein und Du machst Dinge und immer wieder fragst Du: Hast Du denn noch eine halbe Stunde? Wenn Du noch eine halbe Stunde hast, sage ich. Wäre Dein Ego kleiner, würdest Du mich sogar noch länger aushalten, sagst Du und trägst das Lächeln, welches ich gerne habe. Und als wir uns verabschieden, da stehen wir erstmal da und als wir uns loslassen, da küsst Du mich auf die Wange, so, wie ich Dich auf die Wange geküsst hätte, aber Du bist mir zuvor gekommen.
Danke, sagst Du.
Ja, ich danke auch, sage ich.

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An einem anderen Tag in einem Secondhandgeschäft hängen sie, große, schwere Herrenmantel.
Genau so, denke ich.
„Du siehst aus wie ein Anwalt“, sagt mir die fremde mich duzende Frau. „Anwältin“, korrigiere ich und denke natürlich an den ewig verehrten Mann. Ich will keine Frau Anwältin sein. Ich will eine Frau sein. Heute will ich eine Frau in einem Herrenmantel sein, denke ich.

Das hier ist ein ganz spezielles Soziotop, wirklich wahr, denn hier trifft sich Hinz mit Kunz und so treffe ich einen Mann, der „Wow“ sagt, als ich aus der Umkleidekabine trete, obwohl er mich nicht kennt. Und fast ist es mir peinlich, aber nach „Wow“ fügt er sachlich hinzu: „Schicker Mantel!, ist der nicht für Herren?“, was dann die schüchterne Sache rettet.
„Ich denke so nicht“, antworte ich und füge großzügig hinzu, „aber wenn es so gemeint war, kannst Du ihn gern auch einmal anprobieren.“ Der Mann sagt wirklich „Ok“ und so tauschen wir unsere Kleider und tatsächlich: er kauft zwar nicht diesen, aber so einen Herrenmantel, wie ich ihn zuvor trug. Der Mann trägt jetzt einen Damenmantel. „Danke“, sagt er, und geht wehend seines Weges. Wow, denke ich.

„Ba!“, sagt jemand anders, reißt mich aus dem Traum heraus und meint dabei mich.
„Sie sehen aus wie ein Grufti!“
Was, ich? Ich: was?

Was ich alles nach Meinung der anderen in einem Mantel bin: erstaunlich. Dabei urteilt doch jeder eigentlich nur aus seiner eigenen Kleidung heraus.

„Vielleicht bin ich ja ein Grufti“, lächle ich aus einem schwarzen Schmuckstück heraus.
„Grufti Grufti“ sagt jemand anders, während sie sich an mir vorbei schleicht, „Grufti Grufti!“

Gekauft, sage ich, und lege zwei Scheine auf den Tisch.
Durch Herrenmantelgravitation noch mehr erschwert schleife ich mich und meine Beute nach Hause. So warm kann nur ein Männermantel sein denke ich und dann verlasse ich die romantische Ebene und habe Wut auf die Welt, denn so warm im Winter war mir noch nie und ich denke Frauen sollen wohl systematisch frieren, damit sie Schutz suchen in den Mänteln (Armen) der Männer! Und wo gibt es schon Männermäntel ohne Männer, ha!, denke ich, Menschen emanzipieren sich, und dieser Mantel gehört jetzt mir, ich schütze mich selbst. Hallo.

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Und als hätte mich einer der guten Männer schimpfen gehört, so schreibt er Neuigkeiten, so gute Neuigkeiten, und ich überschütte ihn mit meiner Freude für ihn und meinem Lob und am Ende dann schreibt er Wie geht es Dir.

Es geht so, sage ich, verwirrt sitzend an einem zu kleinen Tisch, meine Geister, meine Geister, ein Kampf im Kopf. Aber es lohnt sich, ich weiß das. Das schreibe ich.

Hör mal, sagt eine ehemals große Liebe, ich glaube an Dich. Ich glaube an Dich, Du warst immer eine starke Frau und so wirst Du auch weiterhin sein.

Danke, sage ich, vielen Dank.

Immer habe ich Männer vermieden, und plötzlich sind sie alle da. Wie eine Familie, so langsam gebaren auch sie sich selbst in mein System.

Zuvor war es fast so: ab- und verkannt werden, zweifeln bis zum Existenzminimum, die Blutgruppe ändern, einen eigenen Weg finden und endlich, endlich: frei sein. Fast.

Die Männer, die nun zu meiner Familie gehören, haben mich eigentlich viel mehr geheilt als dass sie mir geschadet haben.

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