Was ich so an manchen Tagen mache: 3

Ein Kaffeehaus. Ein Kaffeehaus und hier riecht es wie Zuhause, nach Wärme, Romantik und Geborgenheit. Nach Leben und auch nach Entschleunigung. Am gleichen Ort: stehen, staunen, hören.

„Ganz ehrlich, ich würd‘ wieder die AfD wählen. Was hier los ist in Deutschland, das ist doch nicht mehr normal!“

Laut.


Dass die da vorne so über die AfD sprechen, ist das normal?


Leise.



Ja und schrecklich!, sagt die Frau hinter der Kaffeeverkaufstheke. Jeden Tag geht das so! Sie glauben gar nicht, was die für einen Blödsinn erzählen. Und wir dürfen hier ja nichts sagen. Aber die Theke haben sie uns weiter nach hinten gebaut, damit hören wir sie wenigstens nicht mehr.

Die Theke weiter nach hinten gebaut.
Die Theke weiter nach hinten gebaut.

Hinter mir ein freundlich blickender Mann. Ich nehme einen Kaffee für Jetzt. So hatte ich das nicht geplant, fühle ich mich doch noch nicht fertig genug für Kaffee in einer Welt, aber ich setze mich. To-go das Getränk, ich mag es nicht besonders, dafür gibt es viele Gründe, aber im Notfall kann ich damit eben wieder gehen. Die Möglichkeit zu haben mag ich schon. Ich sitze an einem langen hohen Tisch, der Blick legt sich nach draußen. Da ist das Leben, da ist das Leben. Hinter einer Glasscheibe sitze ich. Da sitze ich. Da sitze ich. Die vierte Wand. Auf welche Seite gehöre ich. Neben mir der Mann, der die AfD wählt. Der freundlich lächelnde Mann setzt sich dazu und sagt Guten Tag. Guten Tag, sage ich. Kann ich hier meinen Kaffee abstellen, fragt der AfD-Mann. Ja sicher, antworte ich. Es ist genug Platz für alle da. Sind das Ihre Freunde?, frage ich den freundlich Lächelnden. Nein, eher entfernte Bekannte, wieso frage Sie das. Na weil sie die AfD wählen, sage ich und dann beginnen wir, uns zu unterhalten, es ist früh am Morgen. Wann sind Sie denn geboren?, frage ich. 1932 antwortet der Mann. Das sieht man Ihnen gar nicht an, sage ich.

Gestern ein Bick, den ich auch heute noch schwer auf meinen Schultern trage. Denn irgendwie habe ich mir mich selbst ganz anders vorgestellt. Denn so, wie ich dort stehe, weiß ich nicht, ob ich was sagen soll, und falls ich was sagen soll, was. Wenn man frei ist, soll man dann nicht auch frei sprechen? Ich jedoch soll hier stehen und ich soll was sagen und ich weiß nicht was, also frei sieht auf jeden Fall anders aus, das weiß ich, und ich will nicht s(t)ehen, wo ich bin und wo genau ich stehen soll weiß ich auch nicht. Halb-frei gibt es nicht, es ist eine Katastrophe und die Katastrophe steht mir ins Gesicht geschrieben. Katastrophe steht da Katastrophe. Holt jemand bitte die Notärztin. 

Frau Notärztin hallo ich hab Schmerzen. Aber wo, das kann ich nicht sagen. Überhaupt: Bin ich Ärztin oder Patientin? Wie kann man den Schmerz beschreiben eines Individuums, welches kann und will und nicht darf. Oder welches darf und will und noch nicht kann. So? Und ich bin mit mir selbst nicht zufrieden, wie könnt ihr es dann sein, aber das ist kein Grund für Vorwurf, sondern für Verständnis. Alle sehen mich an und manchmal auch Niemand aber alle wissen es: You don’t belong here, you don’t belong here, es ist ein Sprechchor, oder bilde ich mir das nur ein? Aber eins bilde ich mir nicht ein, denn da ist er, ein Blick. Er bohrt sich durch meine Haut, mein Herz, mein Selbst und durch alles, was ich glaubte, zu dürfen. Ich kriege kaum Luft und meine Haut ist, sie ist mir zu dünn.

Stopp jetzt!
Augen schließen.

Niemals mehr soll mich jemand so ansehen.

Perspektivwechsel: sich gegenseitig blöd ansehen. Ja, warum denn auch nicht könnte man sich fragen. Was soll ich denn sonst tun, könnte sich der blödguckende Mensch fragen. Sag doch mal jetzt, was könnte ich sonst tun, abgesehen von blöd gucken. Ich kann nur das. Ich kann nur so.

Doch das kann nicht die Lösung sein und das ist auch nicht mein Schmerz. 

Gesprächswertig ist ein anderes Wort für reißerisch. Das ist ihre Meinung.

Antwort.
Stunden vergehen.
Es ist so viel passiert.
Gegenfrage: Ich kann es nicht sehr gut ertragen, unter Niveau zu bleiben. Sag mal, ist das gut oder ist das schlecht.



Mensch, sitzen Sie etwa die ganze Nacht hier draußen?
Nee, erst seit halb 6, antworten Sie. Ich hab Stress mit dem Amt. Danke, sagen Sie später.

Es muss, sagen Sie. Es muss.

Gestern habe ich mit ihm geschlafen, obwohl ich nicht wollte.
Wieso haben Sie das getan?, frage ich leise und bin erschrocken. 
Sie glauben nicht, was dann passiert wäre. Aber wenigstens hat es nicht lang gedauert. Aber wenigstens hat es nicht lang gedauert.


Stand ich wirklich am gleichen Tag noch woanders und war so viel schlechter als jetzt?

Verdiente ich wirklich sehr viel mehr Geld damit, über Nebensächlichkeiten zu diskutieren und dabei sehr schlecht zu argumentieren?


Mit dem Gedanken an einen Blick einschlafen und mit dem Gedanken und mit dem Schmerz wieder aufwachen. Heute. Kaffeehaus. Stumm sein. Stimmt, hier bin ich, hier bin ich. Keine richtigen Worte finden, nicht für die Welt und nichtmal für mich selbst. Aber mich ohrfeigen wollen dafür, das schon. 

Ja, so ist es wohl, wenn man sich selbst sucht – eigentlich findet.

Stumme Schmerzen und laute Zweifel. Hinter den Zweifeln, irgendwo, liege ich.

Beiseite räumen. 
Darunter liege ich. 

Es ist wie eine Überraschung, dass ich da bin, und so soll es auch betont werden.

Ach da liege ich! 
Ach so!
Da liege ich also!

Hatte mich bisher immer (wo-)anders vermutet. 

Was macht Mensch, wenn er eine Krise hat. An sich aber eigentlich an der Welt. Krise=Kraft würde Beuys vielleicht auf eine Tafel schreiben. Das habe ich jetzt jedenfalls gesagt.



 

*„Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ (WMDEDGT) ist ein Projekt von Frau Brüllen.

An jedem fünften eines Monats fragt sie Bloggerinnen und Blogger, was sie so erlebt haben, an diesem einen Tag im Monat. Dabei ist es nicht wichtig, ob es Montag, Dienstag, Mittwoch, kalt, warm, regnerisch oder stürmisch draußen oder im Herzen ist. Wer antworten will, findet Antworten.

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