Im Museum

Seit ein paar Stunden, eigentlich, seitdem ich wieder zu Hause bin, habe ich Angst, mir den Fußknöchel zu brechen.
 

 
So viele Regeln. Ist das der richtige Ort, gegen den Strom zu schwimmen? Gibt es etwas, zu dem man zurückkehren kann?
 
Die Vergangenheit ist nicht die Vergangenheit.
Ein Zuschauer ist ein Zuschauer.
Sag, was Du willst.
A walk (with the boy)
 
Und am Ende dann die wichtige Einbindung der Besuchenden in die Ausstellung. „Möchtest Du?“, frage ich den boy. „Ich weiß nicht“, sagt er. „Erstmal will ich nur wissen, wie schwer das Material ist.“ Und so gehen wir doch in ein Bad aus kleinen Einzelheiten, Aluminiumklötze. Menschen bauen Häuser und Straßen, legen Schienen und Grenzen. Auch wir sind part of the art, doch eher laufen und sichten, manchmal drehen wir einzelne Teile, nur, um zu sehen, dass darunter nicht sehr viel mehr ist. „Ich nehme Teil an dem Geschehen. Ich verändere die Gesellschaft“, sage ich dann, eher zu mir, und mit Blick auf die Anderen zu dem boy: „Es ist gut, dass Menschen das machen, dass sie wieder lernen, zu spielen“, während dessen lege ich Stein auf Stein, aber es langweilt mich auch ein wenig, ich gebe das zu und sage weiter „dass sie lernen, Dinge sinnfrei und nicht leistungsorientiert zu…“
„Girl ich hab irgendwie Lust, das alles zu zerstören“, sagt der boy unvermittelt mit Blick in das Geschehen. So, wie er da am Rand steht, mit verschränkten Armen, sieht er aus, als würde er sich einen Überblick verschaffen wollen, als wäre das alles im Kopf bereits ein Schlachtfeld. Ich bin so verwundert, es war wie heute Morgen, als der boy ausnahmsweise mal in mein Auto stieg und ich sagte: „Hey na wie geht’s, hier, das ist ein roter Smoothie, für Dich. Bitte sehr!“ „Ach, das gibt’s doch gar nicht“, sagte da der boy, und dann „Hier!, das ist der Smoothie, den ich eben für Dich gemacht habe. Er ist grün.“ 
 
„Boy das ist ja sehr interessant dass Du das sagst“, sage ich dann kniend vor Plastiken, „mich packt die gleiche Zerstörungswut. Seltsam. Aber ich glaube, das darf man nicht, obwohl es ja Kunst im eigentlichen Sinn wäre. Es wäre kraftvoll und produktiv, explosiv nicht implosiv. Es wäre ganz neu. Das ist es ja, was Kunst eigentlich auch will. Die Dinge neu machen und neu betrachten. Ok boy, lass und hier raus gehen bevor wir noch…“
„Ok. Aber erst trage ich mich jetzt ins Gästebuch ein. Ich lese auch, was die Anderen hier so…“
Ok ok, mach mal –

„Entschuldigung, ich habe eine Frage, und zwar, diese Steine, man soll mit ihnen arbeiten und sie verrücken, aber wir beide, wir hatten seltsamerweise die ganze Zeit Lust, das alles zerstören zu wollen, alles, was bisher gelegt wurde, zu zerstören. Alles neu machen, sozusagen. Dürfen wir das?“ Die Frau hinter dem Museumsempfang verliert wirklich ganz plötzlich das totale Lächeln, das war fast absurd und dann sieht sie aus, als wüsste sie weder, wovon ich, noch, wovon sie spricht, als sie sagt: „Eh nein! Sie sollen sich zwar einbringen, aber es geht darum, die Dinge anders zu legen und zu verschieben und nicht zu schmeißen. Die Steine sind recht schwer und es wäre zu laut, das geht nicht!“
„Ah ok danke“, sage ich und drehe mich um.
 
„Boy, hast Du gehört, was die Frau gesagt hat?“
„Ja, habe ich. Lass uns gehen.“
„Boy, ich hab zwar Zerstörungswut, krasse Aggression grade in mir, ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich hab auch die ganze Zeit während ich da drin war aufgehört zu denken. Seltsam oder“
„Jaja. Ich auch girl, ich auch girl.“
 

 
Ich gehe über das Leben in das Leben, über das Leben in die Existenzberechtigung. Nicht über den Erwerb und auch nicht über die Gebärmutter meiner Mutter.

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