9 – 18

09

Frühdienst und leise leise durch den frühen Morgen fahren.
Fahrrad fahren.
Niemand atmet die Luft, die ich atme.
Ich bin einzigatmig.
In den Zug steigen. Sitzend Fahrrad ansehen.
Fahrrad einsam und angekettet in einem Zug stehen sehen. So fehlplatziert. Die Zeit zur Seite legen.
Melancholisch werden. Und plötzlich Einfall: Fahrrad, Du bist Metapher für mich. Denn genau so, wie Du da stehst, fühle ich mich manchmal auch. Einsam und angekettet und fehlplatziert.
Fahrrad, ich hab feelings for you.

10

Aussteigen und da sind sie. Männer mit dunkel grauen melierten Haaren und roten Hemden. Männer, die auf ihr Smartphone starren und den Kopf schütteln aufgrund von Fassungslosigkeit aufgrund von was frage ich mich aber nehme nur die Frage ohne Antwort mit. Frauen, die ihre jugendlichen Söhne an der Kapuze zurückhalten weil Zug fährt ein und Sorge Sorge Sorge. Ein ehemals großes Begehren personifiziert auf einer großen Straße treffen und nicht wissen, was zu sagen, also nur ein bisschen rote Wangen haben und schweigen und Luft anhalten auch. Kaffee to go in die eigentlich fremde Hand drücken, weil selbst das für diesen Moment zu schwer in der Eigenen geworden ist. Halt doch mal kurz bitte, damit ich Dich fassen und mich halten kann. Ein unendliches Lächeln dafür bekommen, weil es erinnert, an was nur? Eigentlich an nichts, denn alles nur im Kopf stattgefunden. Ansehen. Und jetzt? Ich habe noch einen halben Tag vor mir und einmal, einmal den Kaffee bitte, den hätt ich gern zurück. Jetzt. Danke.

11

Die Kontrolle über seinen body verlieren, sich selbst in die Mitte eines Raumes stellen und einmal einen ganzen Eimer Scheiße darüber auskippen. Schande, Schande, Schande. Scham, Scham, Scham. Hass, Hass, Hass. Irgendwo, unter all dem, bin ich. Bin ich doch, oder?

Nach fünf Jahren Psychoanalyse ein neues Thema auf die Tagesordnung setzen.
„Ja, hi, ich würde gerne über Selbsthass reden.“
„Oh – oh -, ja, das ist, also ja, wirklich ein großes Thema.“
Dann: Können wir es nicht erstmal umbenennen in fehlende Selbstliebe? Das macht auch was im Kopf.
Und ich so ja ok meinetwegen.

– Ist das jetzt diese Psychoanalyse?

Während dieser fünf Jahre gab es immer wieder Phasen, in denen ich wusste, mir kann niemand mehr was erzählen. Schon gar nicht mehr über mich selbst. In so kleine Scheibchen habe ich mich selbst zer-legt und wieder ge-legt. In die richtige Position, in die meinige. Diese Phasen enden, wenn ich bereit bin alles zu glauben, was man(n) mir erzählt.

Endkonditionierung denke ich und atme mich in Ruhe. Endkonditionierung is the key.

Später, sortierter, ehrlicher gesagter. Immer ist es zu viel. Und immer denke ich, ich schaffe zu wenig.
Manchmal auch nichts, aber meistens eher zu wenig.
Das bin ich, in der Mitte auseinandergerissen, von nie genug, aber immer zu viel,
nackt und breitbeinig wie eine geschälte Mandarine, wenn ich sie schäle.
Ich denke an die Worte des Mädchens: Akzeptier das endlich, dass Du so bist!
Und dann denke ich daran, dass das Mädchen sagte: Das hat auch was mit einer besonderen Ebene der Intelligenz zu tun. Und dann denke ich daran, dass da letztlich jemand neben mir saß, der ganz unprätentiös sagte:
Ich glaube das auch.

Leben. Eigentlich voll anstrengend.
Leben. Eigentlich voll schön so.

12

Ich bin mit einem Mann in einem Supermarkt, weil ich spontan fragte: Musst Du vielleicht auch einkaufen? Ja, er musste. Und plötzlich, zwischen all den Regalen, fiel es mir ein, des Mädchens weiterer Rat an mich: Du musst es zulassen, sagte sie, mit Männern auch positive Erfahrungen zu machen. Lass Dich fallen, sagte sie. Here we are.

Ich weiß noch, wie ich damals mit dem Auto von einer Stadt in die nächste fuhr und mich kosmopolitisch fühlte.
Genau so ist das jetzt auch, nur anders.

13

Gewellte, lange Haare. Deine Haare, deine Haare, sagen die Anderen. Und eine sagt: wenn ich von Dir erzähle, dann erzähle ich Deine Haaren immer mit. Ich denke: Wenn ich mit mir ausgehe, dann nehme ich meine Ängste immer mit. Ich denke: mich endlich wieder raus trauen, endlich wieder unter Menschen sein. Endlich wieder selbst ein Mensch sein.
– So müsste das doch gehen, oder?

Geht so.
Also dann endlich mal wieder ein Mädchentreffen und ich mache mit.
Gleichberechtigung – eigentlich immer noch voll gescheitert. Und ich höre mich empören, dass das doch ein gesellschaftliches Problem ist. Und dann stehe ich wieder da.
Nämlich als eine von uns sagt: „Ok, formulier doch mal die Frage zu diesem Problem!“

Wie mein Thema, meinen Kosmos, mein Universum, in eine Frage packen? Hallo hallo, das ist eine von möglichen Metaphern meines Lebens, metastasiert. Denn ich kann nicht. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr implodiert meine Farbwolke, bildet dennoch Ableger, die letztlich explodieren, verschwimmen, zu Staub verfallen. Alles Kolorit, Staub, Husten, Husten. So ist das in meinem Kopf. Und dann soll ich – was? Hat hier grad jemand was gesagt?

Später genau davon träumen, dass der verehrte Mann, der heimlich geliebte Mann, in meinem Traum, in meiner Utopie, der wie nach dem Aufwachen noch, aber auch noch zu wenig, da ist, mit an dem Tisch sitzt und dann eine Wiederholung: Ok, formulier doch mal eine Frage zu diesem Problem! und ich kann, kann, kann nicht, weil ich alles immer so groß und laut und bunt denke, sodass es letztlich nirgendwo mehr herein passt. Einfach und echt nirgendwo bitte glaubt mir das. Aber auch der in meinem Kopf Geliebte denkt das geht so nicht, denn er denkt anders als ich, es muss doch möglich sein, würde er vielleicht sagen, strukturiert zu denken, und ich bin empört, stehe auf, bin krank und ängstlich zugleich, alles sitzt tief und schwer und atmen ist auch nicht mehr so wie zuvor und es ist wie immer: nicht verstanden.
Ich gehe jetzt, ich gehe, das sage ich, ich verlasse Euch jetzt. Habt ihr wenigstens das verstanden?
Aller Weltschmerz in mir versammelt. Ich werde nicht verstanden. Ich werde nicht verstanden.

14

Ich wachte auf und plötzlich saßst Du da. Wieder: wie erklären? Meine Hände formen Schalen, damit sich endlich auch die Antworten setzen, sanft wie Regentropfen sich an meine Hände schmiegen, aber nichts geschieht, nichts geschieht und alles bleibt leer. Was soll ich tun, wo soll ich hin. Wie losgehen?

15

Ich habe zu viele Stifte. Vielleicht ist es das?
Würde mir bitte einmal jemand die Stifte wegnehmen, vielleicht dann.

Beuys hören. Kafka lesen. Danach geht’s meistens wieder ein bisschen.

16

Klingeln an der Tür.
“Können Sie ein Paket für Ihren Nachbar annehmen?”
“Ja, eh, sicher” (Sie erwischen mich im verwirrten Modus)
“Super. Name?”
“NH”
“Handynummer?”
… “Eh. Was?”
Lächeln. Lächeln: „Handynummer!“
… “Eh. Was?“

17

Mit Kaffeetasse auf den unteren Türrahmen setzen. Ein Bein innen und eins draußen, auch das wie immer.
Sehnsüchtig das Wetter erwarten, Sturm, Regen, Wind. Endlich.
Der Zorn muss raus, die Selbstzweifel auch.
Was ich empfinde ist zu groß für mein Herz und für meinen Kopf auch, es passt ja noch nichtmal auf meine Zunge, zum Schlucken, in meinen Mund auch nicht, obwohl ich genau für die Prägung eben dessen auch immer mal wieder Komplimente bekomme oder anderes – je nach Selbstbewusstsein und je nach Rolle, die ich nach Meinung der Anderen gerade habe. Aber ich bin so nicht. Egal, was wer sagt, ich bin so nicht. Put me on your „topics I know nothing about“-list.

18

Ich bin eine Frau auf einem bike.
Ich bin keine Frau ohne Ideen.
Wenn ich nicht alles auf einmal haben kann, dann nehme ich lieber nichts. So?

– Draußen: Regen. Jetzt. Endlich. Wind auch. Endlich endlich. Der Tag ist vorbei.
Ich bin es nicht. Guten Abend.

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chaoskopf.

vorher: ja mein Bett begrenzt mich halt! wie Dein Bett begrenzt dich wie meinst du das denn ja weil vorne und hinten da ist ja Schluss also grenze wieso verstehstn das nicht? Man ey alles muss ich dir erklären ich fahre jetzt nach hause! hey! jetzt sei doch nicht so! doch so bin ich aber ich habs dir doch schonmal erklärt nee hast du nicht doch wohl und alles was du kannst ist stress machen weil das jeder kann und mir ist das zu anstrengend jetzt ich fahre!

Ok dann 1730 und als ich da mit dem fahrrad eben über kopfstein fahre hat jeder ein wohnzimmer und aus jedem Wohnzimmer da kommen bunte lichter ich will so nicht sein um 1730 die nachrichten gucken weil es 1730 ist und tristesse tristesse und wieso wollt ihr das überhaupt habt ihr darüber überhaupt schon einmal nachgedacht frage ich mich und ich frage mich auch wie komme ich hier je wieder lebend raus.

mittendrin: so! sagt jemand, der du bist und dann: mein kopf ist so leer ich muss jetzt fahren. oh mein gott dein kopf ist leer? wow wie geht das denn das ist ja toll und interessant auch darf ich mal sehen? Ja darfst du und dann wuschel ich schon durch deine haare und deine blauen augen die sind so stechend und gerade ist da echt nichts drin in deinem kopf aber das liegt eigentlich bestimmt an deiner tiefe dass da grade nichts zu sehen ist also anders kann das ja gar nicht sein denn sonst wäre ich dir nie so nah gekommen auch vorher nicht was ja jetzt überhaupt dazu führte dass ich in deinen kopf hinein sehen darf.

später dann jemand anders und ok ich mach jetzt den anfang ich machs jetzt einfach also vielleicht so: vielleicht kannst du mir einfach sagen was du willst und dann kann ich ja sehen ob sich das mit dem was ich will übereinbringen lässt – so irgendwie? und dann sagst du gar nichts und siehst mich nur an mit deinen kleinen verletzten augen in blau und weil du nicht weißt was das jetzt heißen soll oder weil du auch denkst oh man das ist mir zu kompliziert und dann ich so hä wie jetzt kompliziert ich wollte doch nur dass sich deine Verliebtheit nicht von meiner Fleischeslust niederringen lässt und dann plötzlich da liegt und ausblutet und vorwürfe macht wie immer so nach dem motto ich habe doch gesagt von anfang an bei mir war das liebe und zwar große weil über monate fand ich keine worte für das gefühl und nur stumm in der beobachtungshaltung stand ich und bewegen konnte ich mich auch nicht vor lauter …schmerz und also was ich damit sagen will es ging doch jetzt nur um dich und wieso verwirrt dich das denn wenn es lediglich um dich geht hast du dich etwa noch nie im spiegel angesehen oder was? und davon mal abgesehen wer war es denn der da lässig in meinem türrahmen stand und sich da sogar auch anlehnte und mit herausforderndem Blick fragte: handynummer? und wer war es der mein nein in stift und papier verwandelte und etwas schrieb das wie ein name aussah und wie eine telefonnummer klang und wie kann es sein dass wenn ich dann frage ja also was willst du denn dass du darauf keine antwort weißt wie soll ich dir denn bereits jetzt schon sagen können ob ich dich liebe wenn du noch nichtmal weißt wer du bist und was du sagen sollst weil bis jetzt da kam wieder gar nichts naja dann mache ich jetzt halt einfach denke ich, dann mache ich jetzt halt einfach und das ist zu verstehen als eine warnung bist du dir darüber im klaren? Ich mach jetzt und komm danach nicht auf die idee wieder von wegen blutung und herz weil frauen sind es die bluten und nicht männer und wenn du willst dann kann ich das sogar beweisen merk dir das!

nachher: hm seltsam war fast alles nur interpretation hab ich grade festgestellt schade alles umsonst.

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1bis8

1

Man würde mich sicher wieder fragen, was es denn konkret sei, dass mich so bewege an Dir. Irgendwo las ich mal, wenn man auf (solche / weitere) Fragen keine Antworten wisse, dann sei da meist auch nicht so viel dran, also an der These, dem Gefühl oder der Erinnerung, demnach umso erfreulicher: Ich habe Antworten, viele davon.

Heute, als Du vor mir saßt, direkt vor mir, aus dieser Perspektive umrahmt von meinen Beinen, und ich gebe zu, ich verdrehte mich ein wenig, aber dabei heraus kam dieses unwiderstehlich schöne Bild, welches mich faszinierte und fassungslos machte in einem und welches Du leider nicht mit ansehen konntest weil Du warst ja Protagonist und das Bild plötzlich bewegt und damit real und mehr noch eine Tragödie, aber das war nicht so schlimm, denn in meinem Schoß, da waren wir eins und das war die Hauptsache und ich dachte da gar nichts, ich fragte mich nur atemlos

was –

was –

würde ich jetzt einfach tun was ich wollte –

was dann?

Denn dann hätte ich meine Beine aus dem Stück heraus um Deinen ganzen Körper geschlungen, sodass Du Dich geborgen gefühlt hättest. Und dann hätte ich Deine Haare angefasst, sodass Du dich begehrt gefühlt hättest und ich hätte meinen Mund in Deinen Nacken gelegt, sodass Du dich gemeint gefühlt hättest.

Während ich Dich beschreibe fehlen mir die Worte und ich benutze nur Hände und baue Mauern damit. Wie kann das sein. Wie kann eine Frau, welche Worte mehr liebt als Männer, an einer Beschreibung scheitern. Ich versuche, Dich zu erinnern und alles, was ich erhalte, ist ein Arm mit einer Hand als Kunstwerk, Blutgefäße wie Straßen und der Asphalt ist Gänsehaut und makellose Finger und Ruhe. Ich sehe die Ruhe. Und all das überträgt sich auf mich, Stille und dann sogar auch die Gänsehaut. Finger spreizen und ich sehe dem Geschehen fassungslos zu. Das ist Zauber, denke ich fasziniert, das ist Zauber! Einer, den man nicht erlernen kann, denn er ist gegeben. Und dann denke ich an mein Bild von Dir, wie Du Bleistift und Notizheft hältst und dann an Erotik, weil Logik.

„Verstehst Du“, wiederhole ich, „Erotik, auf die tiefste Art, die Du dir vorstellen kannst, Erotik bis auf das wunde Fleisch sozusagen, obwohl angezogen, deswegen vielleicht nicht frierend. Verstehst Du.“ Und der Zuhörer nickt zweifelnd.

Ich atme laut aus und halte mir die Stirn in beiden Händen und denke Ihr seid doch alle

2

Ich sehe Dich also an, wie Du so vor mir stehst und beobachte und bemerke und wäge ab und plötzlich fällt mir auf, dass ich alles von Dir wissen will, einfach so, beispielsweise, wie Deine Uhr, die immer mal wieder unter dem Hemdsärmel sichtbar wird, aussieht, und wie Deine Haut (es ist Winter). Was deine Werte sind, wie Du küsst und wie Du kommst. Womit Du deine freie Zeit verbringst und ob Du ein Festnetztelefon hast und ob Du abends mit Frauen auch außerhalb intrafamiliär telefonierst (hoffentlich nicht) und ob Du Oliven magst und worüber Du lachen kannst und ob man mit Dir stundenlang sitzen und reden könnte.

Wenn der Fokus vom Subjekt zum Objekt zoomt, ist das dann Liebe?

„Sie sehen mich so erwartungsvoll an. Haben Sie Fragen?“, unterbrichst Du Dich selbst beim Reden und meinst mit dieser Frage wirklich mich.
“Eh. Nein“, versichere ich schnell und sehe direkt daraufhin auf den Tisch vor mir und nehme einen Stift in meine Hand. Später fiel mir ein, ich hätte confident antworten sollen: “Ja, viele. Später, Du und Ich?” Aber das hätten dann andere auch gehört und ich hätte es nicht ertragen, ich hätte es nicht ertragen, wäre nur ein Jemand dabei gewesen, der dazu auch nur eine Frage gestellt hätte.

3

Ich sortiere mich selbst durch Zeit und Raum. Ich versuche zu denken, was ich fühle. Ergibt denn nichts mehr hier Sinn? Ich bin der Sinnlichkeit verfallen und kann auch nicht mehr arbeiten jetzt. Im Vorbeigehen sehe ich meine schmalen Brüste und meinen heute flachen Bauch und meine runden Po. Meine wilden Haare, mein erschöpftes Gesicht. So sehe ich also aus. Rote Linien durchziehen den weißen Hintergrund, welche das Bild erst interessant machen.

Ich denke, dass es einfach passieren soll. Das Kennenlernen, das Miteinanderschlafen, das Miteinanderkommen, -kochen und –essen. Das Sitzen und Schweigen, das Sehen und Denken, das Liegen und Biegen und Renken. Das Insbettreden und das Hinauskomplementieren. Das Grenzen testen und teilen, das Lachen, das Heulen, das Schreien, das Lieben. Dann lege ich mein Gesicht in beide Hände. Wie denn?

Schwamm auf Teller, Löffel auf Gabel, Wasser an Wasser und alles verschwimmt. Wie oft muss ich Dich noch flüstern. Wie lang muss ich Dich noch atmen. Wie sehr muss ich Dich noch begehren. Verrückt geworden bin ich doch schon.

4

Ich will anfangen, aber weiß nicht, wann. Jetzt?

Ich will anfangen, aber weiß nicht, womit.
Ich will losgehen jetzt, aber weiß nicht, wohin.
Ich will lernen, aber weiß nicht, was.
Ich will Austausch, aber weiß nicht, mit wem.
Ich will mich emanzipieren, aber weiß nicht, wovon.
Ich will lieben, aber weiß nicht, wen.
Ich will lieben, aber weiß nicht, wie.

Wenn man nicht mehr weiß, wo man anfangen soll, lässt man es dann einfach? Wenn man nicht mehr weiß, was man schreiben soll, liest man es dann einfach?

5

Wie soll ich denn das alles erklären?
Als heute die Tür hinter mir ins Schloss fiel, stellte ich fest, zwei Möglichkeiten zu haben, nämlich: Ok, endlich mal wieder heulen jetzt oder ok, endlich mal wieder kochen jetzt. Hab dann gemerkt, dass ich gar nicht heulen kann jetzt, weil alles noch total verkrampft vom Auskotzen davor ist. Hab dann gedacht mach dich mal locker jetzt und hab gekocht und gegessen auch und gedacht: Diese Woche mit Mann ist geschafft, glücklicherweise, beruhige Dich, beruhige Dich. Kein Mann ist Dein Vater, noch nicht einmal Deine Familie ist irgendein Mann. Und ja, auch, wenn es irgendwie peinlich war: Du hast es eben geschafft.

Was sagt man, wenn man verliebt ist? Wie spricht man, wer ist man? Doch nicht ernsthaft der gleiche Mensch, der man war, als es noch kurz vor Verfall war. Und wann fängt man wieder an zu essen, bevor sich eine Essstörung vollständig etablieren kann?

Ich kann vor Dir nicht reden, ich kann vor Dir nicht loslassen. Noch nicht einmal greifen und atmen kann ich vor Dir und dann pocht es mir plötzlich heiß gegen die Haut von innen, als würde da jemand wütend gegen die Türe schlagen: hallohallo! Und dann: bist Du verrückt geworden?, mach die Tür auf! Denn wenn du nicht langsam irgendetwas unternimmst, ersticke ich! (Das war Ich an Über-Ich, Es hat das beobachtet und war zwar stoned, aber anwesend.)

Donut Panic erinnere ich mich. Durchatmen jetzt, und überleg doch mal.
Und dann verlasse ich den Raum und weiß nicht, wie Vibration abbauen und wie überhaupt das jetzt einem Fremden erklären, denn mehr seid ihr für mich nicht und alle sehen sie mich an, als wäre ich irgendwie komisch. I‘m not that weird!, möchte ich dann den anderen mit meiner Handfläche in Richtung crowd, die Abstand signalisieren soll und einer hochgezogenen Augenbraue, die So what?! heißen soll, sagen. Es muss ein Trauma sein, möchte ich mich dann beruhigen. Es kann nur ein Trauma sein. Anders ist es nicht erklärbar. Es ist anders nicht erklärbar, das habe ich mir doch soeben erklärt und ausgerechnet Du, der es lösen könnte, entfacht das in mir. Das kann doch nur ein schlechter Scherz sein. Und bitte warum lache ich darüber?

Ich denke dann an übergriffige Männer, die, wenn man sagt, dass es sich so herum für einen selbst falsch anfühlt, meinen, man denke nur zu viel nach und solle sich einfach mal entspannen jetzt. Oder auch solche, die glauben, man brauche gar nichts finden, sondern einfach mitmachen. Oder an Männer, die einem immer wieder die eigenen Gefühle absprechen. Ich denke dann an mich, für die das viel zu lange Alltag war. Ich habe das nicht nur gemeint, sondern auch gesagt. Das habe ich doch. Oder?

Frau!, sage ich mir selbst stattdessen, ich bin sicher, dieser Mann, den Du magst, mag Dich genau so, wie Du bist. Ich weiß sogar, dass es so ist. Wieso kannst Du das nicht glauben? Und wie lang soll es noch gehen, bis Du das endlich glauben kannst. Frau!, mach das nicht, denke ich dann, wenn ich mir die Hände vor das Gesicht schlage. Frau zeig jetzt endlich allen, wer Du bist denke ich dann und frage einfach mal A.

A., frage ich, wie geht das? Mit einem Mann sein? Einfach so, ohne Angst und ohne Anstrengung auch. Einfach sein, weil man endlich auf Augenhöhe lieben möchte und sich selbst bei allergrößter Sehnsucht fürs unter Niveau ficken zu schön geworden ist.

A sagt ja, aber nicht, weil sie eine Antwort, sondern nur, weil sie die Frage verstanden hat. Weiß ich jetzt auch nicht ergänzt sie und dann wird mir die ganze Welt klar, denn auf A folgen B, C, D und E. Wie verrückt man selbst ist, wird einem immer erst im Kontext Mensch, und zwar nicht Lieblingsmensch, offenbart. Denn Letztere haben die gleichen Ängste und mit ihnen fühlte auch ich mich ewigkeitenlang weniger komisch. Ha!, das war ein Trick, und ich dachte, ich führe hiermit zuverlässig die ganze Welt an meiner Nase herum, aber eigentlich, eigentlich habe ich damit nur mich selbst ausgetrickst. Blöd, ne. Musste ich halt ein paar Jahre lang auf der Couch für liegen, aber auch ok, denn jetzt stehe ich auf.

6

Zwei Beweise dafür, dass Erotik auch einfach sein kann. Beweis 1:
Es war der gleiche Tag und der Tag war wohl der, an dem ich etwas Besonderes an mir hatte, denn ich rannte die Treppe hinauf, nahm manchmal sogar zwei Stufen mit einem Mal, um daraufhin dem Zug hinterhersehen zu können. Ich ballte die Fäuste und stampfte mit meinen Stiefeln auf Asphalt und dachte dann Was solls. Und dann setzte ich mich. Und dann saß ich da, auf einer Bank, Bahnsteig 4. Erschöpft, wartend und dann amüsiert. Denn ich nahm wahr, dass ich mich sehr nah neben Dich gesetzt hatte, obwohl alles neben uns noch frei war. Ich versteckte das Lachen hinter meinem Anorak und vermied es auch, Dich direkt anzusehen. Ich fühlte mich schüchtern und immer nur dann, als Du in die andere Richtung blicktest, konnte ich der Versuchung doch nicht widerstehen. Das ist doch Blödsinn, dachte ich, öffnete eine cloud und korrigierte einen Text, denn that’s my business und dann passierte etwas und ich wurde Zeugin. Ich sah, wie Dein Blick leise und langsam von meinem Fuß bis zu meinem Knie ging. Das war so erotisch. Und damit wurde mir klar, wie subtil Flirten ist.

7

Beweis 2: Es war der gleiche Tag und der Tag war wohl der, an dem ich etwas Besonderes an mir hatte, denn bereits als die Türen hinter Dir wütend zusammenfielen, sah ich Dich an, durch die Menschenmenge erkannte ich Dich und als ich Dich so ansah, erinnertest Du mich an jemanden, den ich mal gekannt hatte. Die Farbe Deiner Haare, die Größe Deiner Gestalt, die Form der Hände und der interessierte und selbstsichere Blick. Sogar hattest Du die gleichen Schuhe an, die der Mann damals trug und in denen er mich Tag für Tag durch mein Leben begleitete und auch bemüht war, Schritt zu halten.
All das ließ mich Dich kurz anlächeln, impulsive Menschen kennen keine Grenzen.
Und dann dachte ich, lass doch, Mädchen, lass doch, denn ich bin nicht bereit und falls doch, nur für den Einen. Also schlage ich wieder meine Zeitung auf und das blieb auch so, bis ich an meiner Haltestelle angekommen war.
Und während ich aussteige und noch während ich mich selbst in der Menschenmenge untergehen und Dich vor mir laufen sehe, muss ich bereits lachen, denn Du wirst plötzlich langsamer und steigst aus, verlässt den Strom an Menschen, wartest wie ein Raubtier am Ufer eben dieses Flusses, sodass ich nicht nur an Dir vorbei muss, sondern wir uns auch an der Verkehrsampel, die eben rot ist, als hättest Du sie nur für mich einmal in Farbe getaucht, wieder treffen. Und da stehen wir, Tier an Tier, Jäger nächst Trophäe, nicht über- oder hinter, nebeneinander, denn beide sind berechtigt. Und ich schwöre im Namen dieses Blogeintrages, ich habe nichts gesagt oder gemacht, höchstens habe ich in mich hinein gefeixt aber selbst das, wie jedes Jahr im Winter, hinter einer schwarzen Wand aus Anorak.
„Guten Tag“, sagst Du, neben mir stehend.
Ich nehme das Lied aus meinem Ohr und sage: „Guten Tag“, und lache dann.
„Ich heiße S. und wie heißt Du?“
„Ich heiße Nina“, sage ich, und weil ich weiß, was jetzt kommt, lache ich noch mehr.
„Schöner Name“, sagst Du, „er ist schön und einfach“, antworte ich.
Und so passiert es, das wir zusammen ein Stück gehen und wüssten wir beide nicht, unsere Geschichte hat noch nicht einmal begonnen, so könnte man meinen in Anbetracht unserer Symbiose, dass uns das Leben eine gemeinsame Geschichte zeichnete. Zusammen gingen wir also und dann fragtest Du mich, woher ich komme und dann erzähltest Du mir, woher Du kommst aber eigentlich, eigentlich kommst Du woanders her, so sagst Du das und dann: Damaskus.

Die Hauptstadt, sage ich. Die Hauptstadt, wiederholst Du.

Und ich habe wenig Zeit, dabei Dich anzusehen, denn wir gehen nebeneinander und seit wann begleitet ein Mann mich in meine Richtung frage ich mich und dabei hatte ich es doch zu eilig, um kurz mal Deinen Arm festzuhalten und zu sagen: „Hey, warte mal, lass uns mal kurz ansehen und schön finden jetzt“, obwohl ich dachte, Du wärst dafür bestimmt der richtige Typ Mensch gewesen.

Zusammen gehen wir in das Gebäude und es muss so gewesen sein, dass Du in dieser Geschichte plötzlich ganz fest zu dem Protagonist Begleiter wurdest, denn ich kannte mein Ziel und Du warst es, der einfach mitkam. Und dann sagte ich: „Ich muss jetzt hier hoch“, und zeigte auf das Schild, auf dem eine 5 stand.

„Können wir uns kennenlernen?“
fragtest Du mich und ich überlegte echt ganz kurz und als Antwort pochte es von innen gegen die Hitze und ich weiß das noch ganz genau, dass ich sehr schnell an den Stress, den ich im Kopf hatte, dachte, dass ich das niemandem antun kann und schon gar nicht mir selbst und sagte: „Das geht leider nicht, tut mir sehr leid.“ Dann sahen wir uns etwas länger an und ich sagte: „Alles Gute“ und reichte Dir meine Hand, „Ja, alles Gute“, sagtest Du und hieltest lange die meine oder vielleicht hielt ich auch Deine oder wir unsere und eigentlich damit unsere ganze Welt. Und noch während ich nicht losließ ging ich zwei Stufen nach oben und je weiter ich ging desto mehr bog sich meine Wirbelsäule in Deine Richtung und ich dachte dabei nicht an Dich, sondern an Yoga und hätte ich nicht auch das Geländer genau so fest gehalten, wie Dich in meiner Hand, ich wäre sicher in Deine Arme gefallen und hätte mich dann verfangen in einem Nest aus Wärme und Liebe und Leidenschaft, aber nein, und ich wiederholte „Alles Gute“ und ließ Dich los.

Ich war frei. Endlich wieder frei. Und beglückt erfasste ich wieder zwei Stufen auf einmal und atmete das Leben. Du bist frei Mädchen, dachte ich, genieß das mal. Du bist frei Mädchen, dachte ich, das erfordert Mut und den hast Du doch nicht umsonst aufgebracht.

8

Allen Menschen, die meinen, man wisse ja gar nicht mehr, was man denn nun noch sagen oder tun dürfe und so weiter, sei dieser Text gewidmet. Sagen darf man fast alles, man muss es nur auch richtig meinen. Hashtag youtoo. Bye.

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Wie es geht

Bevor man das Neue bekommt, muss man das Alte loslassen. Nackt sein und frieren und schwitzen und kotzen und heulen und schreien und greifen und strecken und doch.nicht.genügen. Sehnsucht haben. Nach allem und nichts. Unterträgliche, sich wie Kaugummi ziehende, verzweifelte, überlebensgroße Sehnsucht. Voll und auch leer sein. Haare raufen. Sich selbst ohrfeigen und wieder lieben. Im Sturm stehen und ste.hen. Aushalten. Und wenn das vorübergeht, wenn man mit den Füßen aufstampft und herausfordernd schauend immer noch steht, ausgehalten hat, dann, dann kann es los gehen.

Dann kann es los gehen.
Das Leben, welches Mut erfordert.

So, glaub ich, Leute, geht das.
Und ich bin damit auch noch nicht fertig. Hi!

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