Was ich so an manchen Tagen mache: 4

Was war das denn?



Was war das denn?
 

 
Kommt zusammen und nehmt mir all meine Schuld. Kollektiv. Schuld. 
So ist es doch gemeint, oder.

“Ich kann verstehen, was Dich so an einem Stuhlkreis stört”, sagt sie. Sie ist jetzt meine Verbündete, denke ich, und lege die Hände gefalten zusammen.
 

 
Wenn es in einem Leben 1 jahrelangen Prozess gibt, gibt es dann auch einen Prozesstag. Und falls ja, was passiert dann dort, frage ich mich. 
 

Transgenerationale Weitergabe kriegsbedingter Traumatisierungen.
Transgenerationale Weitergabe persönlichkeitsgestörter 
Transgenerationale Weitergabe 
Transgenerational
 

 
Menschen, Menschen, da sind sie wieder. Vor mir, hinter mir, neben mir. Alle laut und alle schnell, keiner sieht hin, keiner lacht los. Alle schreien und hetzen und drängen und drücken und sind sich selbst am nächsten. Und wer bin ich?
Vorsicht!, möchte ich leise sagen, Ihr Handy rutscht gleich aus der Tasche. Kommen Sie mal her, möchte ich fast sagen, – und dann? Ich möchte auf alle aufpassen, denke ich. “Vielleicht möchten Sie auch nur, dass alle auf Sie aufpassen”, würde Frau Professorin sicherlich anmerken. Trauen Sie sich, ihr Kind zu leben!Stehen Sie zu Ihren kindlichen Bedürfnissen! Nehmen Sie sich, was Sie nie bekommen haben. Es wird Ihnen niemand sonst mehr geben!, sowas sagt und meint sie.
 

 
Menschen, Menschen, Da sind sie wieder. Vor mir, hinter mir, neben mir. Alle laut und alle schnell, keiner sieht hin, keiner lacht los. Alle schreien und hetzen und drängen und drücken und sind sie sich nicht selbst am nächsten? Und falls ja: wer bin ich? „Excuse me, excuse me, do you speak English?” Of course, I do, of course, I do, sage ich (und beruhige / wen eigentlich?), but would you please stop shouting at me, would you please stop shouting at me! But yes, the next train is the right one, so do not panic, do not panic.
 

 
Bitte erkläre es mir, ich würde es so gerne verstehen, sagt er. 
Schon im Zug mit Dir im Kopf. Ich würde es so gerne verstehen, sagt er, vielleicht meint er auch Ich würde Dich so gerne verstehen.
 
Im Zug und nicht alles rauscht vorbei, sondern ich rausche vorbei, auch an einem Schadstoffhof. Alles funktioniert. Alles hat seinen Platz, denke ich. A place for everything and everything on it‘s place. Gibt es hier noch einen Platz zum Leben?
 
Kann ich hier leben?

Ich bin vermutlich ausgestiegen.
Denn plötzlich sind sie da.
 
„Isst Du mit uns?“
Hm? Was?
Ach so. Essen. Eh. Ja. Ja. Vielleicht. Wenn nur diese Ängste nicht wären, wenn nur diese Ängste nicht wären aber ja, gut, ok.
 

 
Hi!
Hi!
Hi!
Hi!
 
Hi.
Endlich ist etwas übrig geblieben für mich.
Endlich ist etwas übrig geblieben für mich.
Endlich ist jemand übrig geblieben für mich. 
Wenn Du schon die Stadt verlassen hast, die uns beiden nicht gehört, so ist endlich jemand übrig geblieben für mich.
 

 
Alles hier muss raus, rufe ich nicht so viel später und lege dabei die Hände auf Höhe der Ohren. „Boy!“, rufe ich in den Lautsprecher hinein, alles hier muss raus, ich brauche Deine Hilfe, bitte komm! „Boy!“, sage ich. „Girl!”, sagt der boy. “Bist Du denn nun völlig verrückt geworden? Bald findet sich nichts mehr in Deinem Zuhause. Wo willst Du nur hin?“

Ich will Platz machen für Möglichkeiten, in denen eine Bewegung die andere freigibt denke ich. Wieso glaubt mir das keiner. 

___

*„Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ (WMDEDGT) ist ein Projekt von Frau Brüllen.
An jedem fünften eines Monats fragt sie Bloggerinnen und Blogger, was sie so erlebt haben, an diesem einen Tag im Monat. Dabei ist es nicht wichtig, ob es Montag, Dienstag, Mittwoch, kalt, warm, regnerisch oder stürmisch draußen oder im Herzen ist. Wer antworten will, findet Antworten.

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Was ich so an manchen Tagen mache: 3

Ein Kaffeehaus. Ein Kaffeehaus und hier riecht es wie Zuhause, nach Wärme, Romantik und Geborgenheit. Nach Leben und auch nach Entschleunigung. Am gleichen Ort: stehen, staunen, hören.

„Ganz ehrlich, ich würd‘ wieder die AfD wählen. Was hier los ist in Deutschland, das ist doch nicht mehr normal!“

Laut.


Dass die da vorne so über die AfD sprechen, ist das normal?

Leise.


Ja und schrecklich!, sagt die Frau hinter der Kaffeeverkaufstheke. Jeden Tag geht das so! Sie glauben gar nicht, was die für einen Blödsinn erzählen. Und wir dürfen hier ja nichts sagen. Aber die Theke haben sie uns weiter nach hinten gebaut, damit hören wir sie wenigstens nicht mehr.

Die Theke weiter nach hinten gebaut.
Die Theke weiter nach hinten gebaut.

Hinter mir ein freundlich blickender Mann. Ich nehme einen Kaffee für Jetzt. So hatte ich das nicht geplant, fühle ich mich doch noch nicht fertig genug für Kaffee in einer Welt, aber ich setze mich. To-go das Getränk, ich mag es nicht besonders, dafür gibt es viele Gründe, aber im Notfall kann ich damit eben wieder gehen. Die Möglichkeit zu haben mag ich schon. Ich sitze an einem langen hohen Tisch, der Blick legt sich nach draußen. Da ist das Leben, da ist das Leben. Hinter einer Glasscheibe sitze ich. Da sitze ich. Da sitze ich. Die vierte Wand. Auf welche Seite gehöre ich. Neben mir der Mann, der die AfD wählt. Der freundlich lächelnde Mann setzt sich dazu und sagt Guten Tag. Guten Tag, sage ich. Kann ich hier meinen Kaffee abstellen, fragt der AfD-Mann. Ja sicher, antworte ich. Es ist genug Platz für alle da. Sind das Ihre Freunde?, frage ich den freundlich Lächelnden. Nein, eher entfernte Bekannte, wieso frage Sie das. Na weil sie die AfD wählen, sage ich und dann beginnen wir, uns zu unterhalten, es ist früh am Morgen. Wann sind Sie denn geboren?, frage ich. 1932 antwortet der Mann. Das sieht man Ihnen gar nicht an, sage ich.

Gestern ein Bick, den ich auch heute noch schwer auf meinen Schultern trage. Denn irgendwie habe ich mir mich selbst ganz anders vorgestellt. Denn so, wie ich dort stehe, weiß ich nicht, ob ich was sagen soll, und falls ich was sagen soll, was. Wenn man frei ist, soll man dann nicht auch frei sprechen? Ich jedoch soll hier stehen und ich soll was sagen und ich weiß nicht was, also frei sieht auf jeden Fall anders aus, das weiß ich, und ich will nicht s(t)ehen, wo ich bin und wo genau ich stehen soll weiß ich auch nicht. Halb-frei gibt es nicht, es ist eine Katastrophe und die Katastrophe steht mir ins Gesicht geschrieben. Katastrophe steht da Katastrophe. Holt jemand bitte die Notärztin. 

Frau Notärztin hallo ich hab Schmerzen. Aber wo, das kann ich nicht sagen. Überhaupt: Bin ich Ärztin oder Patientin? Wie kann man den Schmerz beschreiben eines Individuums, welches kann und will und nicht darf. Oder welches darf und will und noch nicht kann. So? Und ich bin mit mir selbst nicht zufrieden, wie könnt ihr es dann sein, aber das ist kein Grund für Vorwurf, sondern für Verständnis. Verständnis. Ständnis. Stehen. Alle sehen mich an und manchmal auch Niemand aber alle wissen es: You don’t belong here, you don’t belong here, es ist ein Sprechchor, oder? Bilde ich mir das nur ein? Aber eins bilde ich mir nicht ein, denn da ist er, ein Blick, ein Blick. Er bohrt sich durch meine Haut, mein Herz, mein Selbst und durch alles, was ich glaubte, zu dürfen. Ich kriege kaum Luft und meine Haut ist mir zu dünn.

Stopp jetzt!
Augen schließen.
Niemals mehr soll mich jemand so ansehen.

Perspektivwechsel.

Sich gegenseitig blöd ansehen. Ja, warum denn auch nicht könnte man sich fragen. Was soll ich denn sonst tun, könnte sich der blödguckende Mensch fragen. Sag doch mal jetzt, was könnte ich sonst tun, abgesehen von blöd gucken. Ich kann nur das. Ich kann nur so.

Doch das kann nicht die Lösung sein und das ist auch nicht mein Schmerz. 

Gesprächswertig ist ein anderes Wort für reißerisch. Das ist ihre Meinung.

Antwort.
Stunden vergehen.
Es ist so viel passiert.
Gegenfrage: Ich kann es nicht sehr gut ertragen, unter Niveau zu bleiben. Sag mal, ist das gut oder ist das schlecht.



Mensch, sitzen Sie etwa die ganze Nacht hier draußen?
Nee, erst seit halb 6, antworten Sie. Ich hab Stress mit dem Amt. Danke, sagen Sie später.

Es muss, sagen Sie. Es muss.

Gestern habe ich mit ihm geschlafen, obwohl ich nicht wollte.
Wieso haben Sie das getan?, frage ich leise und bin erschrocken. 
Sie glauben nicht, was dann passiert wäre.
Aber wenigstens hat es nicht lang gedauert.
Aber wenigstens hat es nicht lang gedauert.

Stand ich wirklich am gleichen Tag noch woanders und war so viel schlechter als jetzt?

Verdiente ich wirklich sehr viel mehr Geld damit, über Nebensächlichkeiten zu diskutieren und dabei sehr schlecht zu argumentieren?

Mit dem Gedanken an einen Blick einschlafen und mit dem Gedanken und mit dem Schmerz wieder aufwachen. Heute. Kaffeehaus. Stumm sein. Stimmt, hier bin ich, hier bin ich. Keine richtigen Worte finden, nicht für die Welt und nichtmal für mich selbst. Aber mich ohrfeigen wollen dafür, das schon. 

Ja, so ist es wohl, wenn man sich selbst sucht – eigentlich findet.

Stumme Schmerzen und laute Zweifel. Hinter den Zweifeln, irgendwo, liege ich.

Beiseite räumen. 
Darunter liege ich. 

Es ist wie eine Überraschung, dass ich da bin, und so soll es auch betont werden.

Ach da liege ich! 
Ach so!
Da liege ich also!

Hatte mich bisher immer (wo-)anders vermutet. 

Was macht Mensch, wenn er eine Krise hat. An sich aber eigentlich an der Welt. Krise=Kraft würde Beuys vielleicht auf eine Tafel schreiben. Das habe ich jetzt jedenfalls gesagt.



*„Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ (WMDEDGT) ist ein Projekt von Frau Brüllen.

An jedem fünften eines Monats fragt sie Bloggerinnen und Blogger, was sie so erlebt haben, an diesem einen Tag im Monat. Dabei ist es nicht wichtig, ob es Montag, Dienstag, Mittwoch, kalt, warm, regnerisch oder stürmisch draußen oder im Herzen ist. Wer antworten will, findet Antworten.

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Was ich so an manchen Tagen mache: 2

Ich sitze in einem Zug, den ich nicht anhalten kann. Ich sitze in einem Zug und ich weiß nicht wen ich meine als ich frage Wohin fährst Du? Und die einzige Hoffnung ist ein Blick, er gleitet über ein Feld und am Ende die aufgehende Sonne und wie immer ist dann die Sehnsucht nach Fallenlassen da. Aussteigen, losgehen, hinlegen. Die Erde, die Sonne, der Nebel. Mann wird mich nicht sehen. Und ich werde endlich wieder atmen können. Frei atmen. Mir liegt alles schwer auf der Brust.

Marie ist freundlich. Und Marie erzählt gern Dinge über sich. Marie will mal in die Theaterpädagogik und Marie wundert sich, wie sehr Kinder abstürzen, wenn sie bspw. ihre Eltern verlieren, oder auch nur ein Elternteil. Über Marie werden Lieder geschrieben.

Aussteigen, einsteigen, aussteigen. Da sitze ich und da steht sie. Niemand von uns auf einem Feld, eine von uns Frau Dr., nicht ich. Und die Frau, die weiß viel, das merkt man, wenn man zuhört. Sie weiß sogar mehr noch, als nötig wäre, denn wenn sie von sich selbst spricht, dann sagt sie: „Ich Trottel“/ „Ich bin ja auch bescheuert“ / „Ich kann halt nicht schön schreiben.“ / “Ich bin eben manchmal ein bisschen doof”

Broken heart disease, ganz plötzlich. Auch anders, Wut vielleicht. Und dann denke ich an das Mädchen, welches sagte: Kennst Du Frauen, die sich nicht klein machen? Und dann denke ich darüber nach, ob ich schon einmal einen Mann vor Publikum so über sich habe sprechen hören und dann denke ich an den Tweet einer Frau: „Ich wünschte, ich hätte das Selbstbewusstsein eines durchschnittlichen weißen Mannes“

Hi. Endlich habe ich es geschafft. Spät, aber nicht zu spät.
Mantel über die Stuhllehne. Ich will über dieses Vergehen nicht nur schreiben, ich will es anzeigen!, sage ich.
Ok, ok. Gut.
Stille Stille und so alte Telefone habe ich ja noch nie gesehen und alles wird hier analog weitergegeben. Das hier ist eine Polizeidienststelle und ich werde geduzt, weil wir uns ein bisschen kennen. Wenn Du viele Menschen kennst, kann Dir nichts passieren, sagte mal jemand. Mir ist immer so viel passiert, ich habe irgendwann angefangen, viele Leute kennen zu wollen.

Stille Stille und dann einmal erhebst Du dich und gehst in das Nebenbüro, von wo aus ich Dich sprechen höre: „Verwendung verfassungsfeindlicher Zeichen, unter welcher Kategorie, welcher Paragraph…“
§ 86a StgB. Ich studiere Soziale Arbeit, unter anderem, ich weiß das, unter anderem.
„Und einen Strafantrag willst Du auch stellen?“
Ja, richtig.
„Du bist ledig, oder?“
Ja
Da sieht mich der Polizeibeamte an und sagt: „Warum eigentlich, Du bist doch so eine gutaussehende Frau.“

Hinter uns eine Geborgenheit aus Stille, vor uns dann die Weite des Wassers, so haben Sie es sich gewünscht, um ein wenig sprechen zu können. Um ein paar Rätsel lösen zu können, die im Kopf sind. Zwischen so vielen Fragen ein kleines bisschen Mut finden.
„Er sagt, er ist nicht mehr bei mir, weil er mich liebt, sondern nur noch, weil er mich zerstören will.“ Sie sehen auf das Wasser und dann sehen Sie mich an und sagen: „Das ist doch keine Liebe, oder?“

Es ist sehr viel später, als ich sage, Wie wäre es mit einem Kaffee.
Ja gut ok, sagen Sie, Und dann geht es ein wenig darum, was sie wohl sonst so tun könnten, abgesehen von dem Denken, welches nicht immer alles besser macht.
„Was machen Sie eigentlich so den ganzen Tag?“, möchte ich wissen.
„Mich anpassen“, sagen sie und lächeln, unsicher darüber, ob das so ankommt, wie Sie meinen. Ich denke schon, und lächele zurück. Charming.
„Na gut, ok. Und wie sieht‘s aus mit der Gruppentherapie. Läuft‘s?“
„Ich will da nicht mehr hin. Die haben zu mir gesagt, ich soll in mich gehen. Ich war in mir und bin schreiend wieder raus gelaufen! Ich will da nicht mehr hin!“
„Ok alles klar war nur eine Frage.“

So viele Rückwege, und doch komme ich nicht richtig an. Und da sehe ich sie, Sessel und Stühle an einem Straßenrand, chsrmant gestapelt und das ist echt nicht ok! Und immer habe ich Mitleid und Faszination zugleich und ich suche und drehe und hebe und wende und dann habe ich mich entschieden und bin zu einer Tragenden geworden, noch bevor ich wusste, ob ich mir das leisten kann.

„Kann ich Ihnen helfen?“
Kommt mir da ein Mann entgegen? Mir kommt ein Mann mit Hund entgegen!
Ich lasse mir Gepäck abnehmen und sage: Aber Vorsicht, schwer!
Hier muss er rein, der Sessel, ergänze ich noch.
Der Mann nickt und versucht und ist dann auch versucht zu sagen Das geht nicht, während ich denke:
Das geht! und hätte ich mal besser allein…
Ok Moment, sagt der Mann, geht in sein Haus und lässt den Hund bei mir (gute Idee?) welcher derweil in mein Auto steigt (süß!) (Regen!) (Er will es auch!) und schnürt kurze Zeit später den Sessel fest.
„Brauchen Sie denn den Gurt nicht mehr?“, frage ich.
„Nein, den schenke ich Ihnen.“
„Kool danke“ sage ich und blicke auf ein Geschöpf in meinem Auto.
Du kannst das nicht fragen, denke ich, lass es jetzt!
„Ok, meinen Sie, das hält?“ sage ich stattdessen etwas verlegen aufgrund des Gedanken.
„Ja, Sie müssen nur sehen, wie Sie es nachher wieder aufbekommen, nämlich so.“
Ich so mit Blick auf das Fell zwischen meinen Fingern: „Ja ok alles klar danke.“

Angekommen dann fehlt mir ein Hund, und wie war das nochmal mit dem Gurt ich weiß nicht mehr. Erstmal rütteln denke ich aber nichts und wie kann es sein dass… Erstmal der Frau Schneiderin eine Schachtel Merci durch die Tür geben. Weil Sie immer die Pakete annehmen und so vielen Dank.

Und dann stehe ich weiter vor einem Gurt, einer Absperrung genau genommen. Vielleicht hätte ich den Sessel doch nicht… Ok erstmal überlegen jetzt, aber ich weiß nicht, was ich überlegen soll. Ich bin ja keine Ingenieurin. Was überlegt man so überlege ich, als da ein Mann vorbei kommt. „Hallo!“, sage ich. „Hallo!“ so der Mann, und freut sich. „Entschuldigung, könnten Sie mir helfen?“ „Aber sicher“, antwortet der Mann und stellt seine Aktentasche auf den Boden. Der Mann trägt Anzug und Krawatte und sieht schön aus. Ob ich mir dafür den Richtigen… „Da haben Sie sich aber den Richtigen ausgesucht“, sagt er ironisch, mit Blick auf mein Problem. „Ja das passiert mir öfters“ sage ich und lache und dann heule ich, während der Mann werkelt. Ja, das passiert mit öfters, und am Ende, da hat er es tatsächlich geschafft. Ich möchte den Mann belohnen. „Möchten Sie ihn haben, den Gurt?“ frage ich. „Danke“, sagt der Mann, „aber ich glaube, Sie transportieren öfters, oder?“ „Wie bitte?“ „Naja, wissen Sie es denn nicht mehr. Als Sie hier einzogen, da habe ich Ihnen mit dem Fahrrad geholfen.“

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Was ich so an manchen Tagen mache: 1

Ein Moment des schmerzlichen Wachwerdens.
Manchmal ist das Aufstehen zermürbend, so aufreißend. Dann ist es so, als könne ich liegen bleiben, obwohl ich mich zuvor eigentlich gar nicht hingelegt hatte. Wie passt das zusammen? Notizen von diesem Morgen fielen mir heute in die Hand.

Aufstehen. Bringt ja doch nichts.
Chai aufsetzen
Frühstück machen
Chai, oh Chai

Musik entdecken, die man sich nicht vorstellen kann.
In die Musik eintauchen.
Neue Welten finden. Und plötzlich die Eigene mit anderen Augen sehen.
Prospekte, Kartoffelschalen, Tassen, Küchenhandtücher:
Ständig irgendwas irgendwohin tragen. Immer nur tragen. Ich bin eine Tragende.
Ich bin eine tragende Komödie. Ich bin eine Tragödie.

Im Bett frühstücken. Spätschicht. Im Bett frühstücken. Ein zu früher Dienst.

Wieder an den Küchentisch setzen.
Vieruhrdreiundzwanzig. In Zahlen 4:23.
Nach draußen sehen.
An Wolfgang Herrndorf denken.
Die Episode, als er mit Pinguinkostüm in der Notaufnahme vorspricht: Kopfschmerzen, er kann sich nicht mehr helfen; und erst mal in der Neuropsychiatrie landet. Das mit dem Kostüm sollte ein Witz sein.

Frühstück Teil zwei. Dann fällt mir auf: Ich mache Musik mit meinem Besteck.
Draußen höre ich Leute lachen.
Was mache ich jetzt?

Gestern ein Dialog. Vielleicht das?

„Also einmal, da bin ich von der Leiter gefallen und hatte ein richtiges Loch im Kopf. Und es blutete auch stark. Aber ich konnte den Rettungswagen nicht rufen, ich hatte ja noch nicht geputzt. Bevor ich das Haus verlasse, muss ich immer 3,5 Stunden lang putzen.“
„Aha, okay“, sage ich, „ok.“

„Ähnlich war das auch damals, als ich mir den Arm brach.
Da war es so, dass ich dachte, ich kann doch nicht ohne BH in die Notaufnahme.“

Stille Stille, Wir Wir.

„Haben Sie sich schon einmal mit gebrochenem Arm einen BH angezogen?“
„Nein“, sage ich.
„Ich erzähle das, damit jeder weiß, wie ernst meine Ängste und Zwänge zu nehmen sind.“
„Das finde ich gut“, sage ich.
„Sie glauben gar nicht, wie anstrengend das alles ist.“

Es ist nur das Schreiben, bei dem ich die Welt vergesse.
Zeit und Raum, nichts existiert mehr für mich.
Auch ich bin dann nicht mehr da. Ich bin nicht mehr da.

Ich sehe mich mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahren, es ist schließlich so früh am Morgen. Einmal die Menschen auf dem Markt durch einen Filter betrachten. Kleine Wolken, die aus Mündern kommen, offene Handflächen, schillernde Münzen: Papiertüten.

Meine Tasche voll mit Gemüse und dann zum Goldschmied.
Ich passe hier gar nicht rein, denke ich, und stehe wie eine Frau mit grobem Rucksack in einem zarten Juweliergeschäft.

Guten Tag, Herr Goldschmied, sage ich, ich habe geerbt, sage ich, und setze mich.
Diese Ringe (hier), können Sie die wohl weiten?, frage ich.

Ja, meint der Goldschmied lapidar und versucht mich neben viel Schweigen, Schweigen, Schweigen und Ansehen und Mustern doch noch zu überreden, nämlich dazu, die Ringe eine (nur eine) Nummer kleiner zu machen als ich es wünsche, aber er kennt mich nicht, ich bin empfindlich wenn es darum geht, dass irgendjemand irgendetwas an mir kleiner machen will als es ist und zudem bin ich empfindlich, wenn es darum geht, dass mich etwas zu sehr in Besitz nehmen will, ein Ring zum Beispiel, zwischen den und mich dann kein Atemzug mehr passt.

Nein, Herr Goldschmied, sage ich entschlossen. Ich weiß, was ich tue.
Na gut, Sie müssen es selbst wissen, antwortet dieser, der sonst so selten wenig sagt, aber am Ende, als ich fast gehe, erkundigt er sich:
Wie haben Sie mich nur gefunden?
Google, sage ich.
Und der Goldschmied sieht mich an, als verstünde er nicht.
Sie haben einen Google Eintrag, sage ich.
Der Goldschmied nickt.
Ich sage
Auf Wiedersehen.

Wieder frage ich mich, was das für Tage sind. Tage voller Sturm und Regen im Kopf und in den Händen, schwer sind die Füße und so auch die Selbstzerwürfnisse. Dann aber auch ist alles ganz leicht, das kann ich auch sehr gut. Es kommt bei mir immer auf so vieles an.

„Möchtest du da zu der Frau?“, höre ich einen Mann zu seinem Sohn sagen und er zeigt mit dem Finger auf die Frau, die auf einer Bank in einem Glashaus sitzt: mich. Bitte hören Sie auf, mit Steinen nach mir zu schmeißen. Aber auch denke ich “Aha, ich bin also eine Frau(, die auf einer Bank in einem Häuschen sitzt) und werde auch als solche wahrgenommen.” Manchmal frage ich mich halt, ob ich auf andere eher anders wirke, aber dann wär mein Leben ja auch gar nicht mehr spannend.

Bahnfahren, Bahnfahren und an eine andere Reise denken.
-Was ist, wenn ich niemals bei Dir ankomme?

Menschen rempeln an den Sitzen, als wären sie die Protagonisten dieses Alptraumes.
Niemand entschuldigt sich. Keiner sagt Guten Morgen.
In was für einem Zug fahre ich.

Ich muss mich ablenken, an etwas anderes denken. Raus aus dieser Aussichtlosigkeit. Zug fahren und über Fragen nachdenken, die mir noch nie jemand gestellt hat, aber dessen Antworten ich trotzdem schon weiß, beispielsweise: Welches Wort hast Du wohl zumeist bedacht in Deinem Leben?
Welche Lebensmittelkombination löst Vorfreude in Dir aus?

Es ist die Angst vor Euch allen und vor Niemandem. Eigentlich ist es die Angst vor mir und Niemandem.

Könnt ihr Euch eigentlich vorstellen, wie anstrengend das alles ist?

Obwohl ich schon gar nicht mehr kann, fängt es gerade erst an. Wer glaubt mir das?

Arbeit, Arbeit, immer nur Arbeit. Aber dabei auch nette Menschen, die sich für das, was ich mache, interessieren.
Und mit welcher Maschine fliegst Du, fragt K.
Weiß ich doch nicht, sage ich.
Wie Du weißt es nicht.
Ja ich weiß es nicht.
Sag mal die Flugnummer! Oh wow, es ist ein Airbus a380!
Aha
Wie Aha?
Ja Aha halt
Also ich bin noch nicht mit so einer Maschine geflogen, sagt K., so, als wäre er beleidigt, was in mir die Idee aufkeimen lässt, dass es wohl etwas sehr Besonderes sein muss.
Hm. Ok. Dann … was soll ich dazu jetzt sagen K., das tut mir leid oder … vielleicht: danke?
Wann fliegst Du denn los?, fragt K. und macht damit eine Frage zur Antwort. Wortgesellschaften verändern sich.
Um 13.55.
Aha, mhm. Warte mal… Deine Flugzeit beträgt 7 Stunden und 50 Minuten… Hin.
Ok, danke, das hab ich nicht gewusst, sage ich.
Ja, bitte, sagt K.

„Möchten Sie auch ein Eis?“
„Ich habe einen Apfel, danke sehr“, antworte ich.
Und nur, weil Sie auf der Couch sitzen und aufgrund von zu viel falsch dosierter Medikation die Wirbelsäule nicht mehr strecken können, sehen sie auf mich herab und lächeln. Oder sehen sie auf mich herab, weil ich mich vor Sie auf den Boden gesetzt habe. Finden Sie das komisch? „Möchten Sie einen Pudding?“, frage ich sie, nachdem sie ihr Eis gegessen haben, lächelnd, als hätte ich mich mit Ihnen verbündet. „Ja“, sagen sie. So stehe ich auf, aus dem Schneidersitz heraus. Einmal Pudding, bitte sehr. Und setze mich wieder. So sehen Sie mich an. Und dann lächeln sie. Wieder. Warum?
„Ich wünsche Ihnen, dass sie gesund bleiben“, sagen Sie in die Stille hinein.
„Ich wünsche Ihnen, dass sie gesund werden“, bitte ich in die Stille hinein.
Sie lächeln, ich lächle. Romance.

Nach Hause schleppen: ich: mich.

Hat es geklingelt, ja, das hat es, und jedes Mal freut sich mein Herz, trotz der Müdigkeit, läuft es fast über, so winke ich leise das Mädchen hinein und lege gleichzeitig einen Finger auf den Mund, und wie es das schwere Fahrrad über meine Stufen hievt tut es mir leid, aber ich kann gerade nicht helfen, ich telefoniere noch mit einem Auftraggeber. Ich weiß, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, denke ich. Und da ich keinen Unterschied mache ob das Mädchen da ist oder nicht, telefoniere ich weiter confident und mache Vorschläge und sage, was ich gut oder was ich nicht so gut finde, weil meine Meinung geschätzt wird, und dann denke ich, wieso kann ich mich nie mit einem Mann so fühlen. Warum immer der Vorbehalt. Warum immer dieser Stress. Und als ich dann auflege und das Mädchen entdecke, wie es sich in die Küche geschlichen hat und wie es mein unvollendetes Gericht, das Küchenchaos ignorierend, weil wir sind doch beide so, einfach weiter kochte, da brach ich fast zusammen. Warum ist diese Selbstverständlichkeit nie mit einem Mann möglich. Und dann: Was hat das mit mir zu tun?

Naja Mädchen und jedenfalls, da gegenüber, da ist eine Schlagzeugschule, sage ich.
Stell Dir das mal vor!
Ja, sagt das Mädchen, den Mund voller Vorschusslorbeeren: Schlagzeuger sind sexy.
Der ewig verehrte Mann spielt auch Schlagzeug, sage ich, wie zum Beweis, nur ohne Synonym, mit Vornamen, so, als wären wir bereits eine Symbiose.
Ja stimmt, ich vergaß, der ewig verehrte Mann kann ja alles, antwortet Mädchen.

Ich räuspere mich und sage: „Mädchen“ und lege eine Gabel beiseite: Ziehst Du ihn durch den Kakao Mädchen, machst Du das? Ziehst Du mich und ihn durch den Kakao? Du findest es vielleicht übertrieben aber der ewig verehrte Mann war sogar mal Deutscher Meister in einer ganz bestimmten Sparte dieser Disziplin. Ich sage ja, ich übertreibe nicht, ich täusche mich eventuell, aber übertreiben? Nein. Du wirst schon sehen Mädchen, Du wirst schon sehen, wenn Du ihn siehst, und dann wirst Du sehen, was ich sehe, wenn ich ihn sehe, Du wirst schon sehen.

Wenn ich ihn mal sehe und uns niemand dabei sieht, werde ich endlich das sagen können, worauf ich bereits seit Jahren warte, ich werde Noel Gallagher zitieren und sagen : Excuse me if I spoke too soon, my eyes have always followed you around the room.

Bis dahin Endlosschleife: Was soll ich nur tun, was soll ich nur tun?
Letztlich bedeutet es ja, vorerst zu lernen, zu sich selbst zu stehen, sodass ich endlich aufhöre, neben mich zu fallen, wenn ich vor Dir stehe. This comes first. Das ist alles.

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