Du hast mir so viel gezeigt. Und ich mir erst: 50 – 58

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Meine Beine, nackt, wie sie sind. Vernarbt und ein wenig verliebt und nicht sehr straff, ein wenig nur, auch das. Diese Beine umarmen Dein Äußeres. Bist Du mehr als das? Bist Du (noch) da? Wirklich? Und manchmal, glaube ich, lege ich kurz das Kinn auf meine Hände, die widerum auf Deinen Schultern ruhen. Das erste Mal also, seitdem ich mit Dir zusammen bin, kann ich meine Nähe fließen lassen. Fast, fast. Ich weiß nicht mehr, was es dabei berührt. Aber Moment, das ist ja fast das Ende einer Geschichte. Als hätte ich es bereits vorher gewusst, begann ich mit dem Ende dieser Geschichte.

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Ok, lass uns ein Stück laufen, ok? Ein Stück, vielleicht zu dem Fluss, mit Proviant?
Gut, meine ich.
Welches Proviant magst Du. Ich würde sagen, wir besorgen dort etwas. Und ich sehe nicht, wohin Dein Finger zeigt, aber es ist auch nicht wichtig, denn: Ich weiß nicht, sage ich, mir ist alles zu viel.
Ok, sagst Du, wir laufen einfach, and I ask myself: Sind wir nicht genug Proviant?
Müssen wir weit laufen?, frage ich, warum frage ich das. Laufen kommt meinem Zustand entgegen.
Ich würde vorschlagen, wir nehmen diesen Bus hier, sagst Du, als der Mann, der oft gute Lösungen hat.
Ich weiß nicht, mir ist alles zu viel, antworte ich.
Ok, schon gut, wir laufen, sagst Du, als der Mann, der oft simples Verständnis hat.

Eine Brücke, eine Straße, was ist denn. Wenn ich könnte, aber ich kann noch nicht, denn noch lerne ich, aber wenn ich schon könnte, so hätte ich dich kurz am Arm gefasst und das Tempo raus genommen und gefragt „Was ist denn?“, aber eventuell war das auch nur ich, die nicht wusste, was war.

Ein Schluck Wasser.
Darf ich auch einen Schluck.
Ja, natürlich
Oh, Du hast Durst, sage ich.
Du siehst mir zu, während Du trinkst. Und ich wünschte, ich könnte das genau so, Dir zusehen und wichtiger noch: mich ansehen lassen. Bin ich verwirrt oder verlegen oder nur schüchtern wie es heißt

„Ich kann kaum sprechen“, sagst Du
„Ja, das verstehe ich“, sage ich und dann: “Du hättest absagen können, ich hätte es sehr verstanden. Aber jetzt, jetzt bin ich hier und ich habe viel zu sagen und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Willst Du vielleicht beginnen?“
„Nein, nein“, sagst Du, „red‘ bitte weiter.“
Und so rede ich weiter.
Vielleicht habe ich zu klar gesprochen, aber aufhalten konntest Du mich auch nicht mehr.
So weit weg warst Du bereits, vielleicht schon in anderen Armen.
„Nein, nein“, sagst Du wieder, „so ist es nicht.“
„Ok, aber wie dann.“

Ich verstehe nicht, was Du sagst. Wer von uns beiden hat sich was vorgemacht?
Du weichst mir aus, Du weichst Dir aus. Das ist es. Oder bin ich nur überheblich und eigentlich diejenige, die ausweicht, Dir und mir. Du kannst Dich nicht so für mich entscheiden, wie ich mich für Dich entscheiden könnte, und ich meine damit nur einen Moment, wer kann schon wissen, wo wir morgen sind, aber Du scheinst es nicht zu verstehen, und ich scheine es ebenso nicht zu verstehen. Gut, sage ich, dann beschließe ich mich eben: Das ist mir nicht genug.

Dann war Stille und die Sonne schien und alle anderen gingen mit Proviant in einen Park und alle anderen waren glücklich, nur wir nicht. Oder vielleicht waren wir es doch?

So stand ich da, broken heart disease ganz plötzlich, erstickt an meinen eigenen Worten, alle sind glücklich, nur wir nicht, alle sind glücklich, nur wir nicht, merkte ich es dann selbst: „Ich kriege keine Luft mehr“, sagte ich, und streckte die Hände in Richtung Himmel, „ich bin kurzatmig jetzt.”

Du bist so couragiert, sagst Du. Wenig später wird das Mädchen zu mir sagen: Das hat noch nie ein Mann zu mir gesagt.

Brauchst Du einen Rucksack für Deine Reise?, fragst Du. Was soll das heißen, einen Rucksack, Ich so zu mir. Ich trage doch einen Rucksack. Siehst Du ihn nicht.
Ich habe einen, in den einige Kilogramm passen. Du musst wissen, was Deine Prioritäten sind, sagst Du.
Ist das eine Metapher, frage ich mich. Brauchst Du einen kleinen Koffer, antwortest Du, so einen habe ich auch. Du kannst ihn Dir gleich ansehen. Ich kriege so schlecht Luft. Sag mir, wie kann ich atmen.

So!, sagst Du, und zählst mit mir beim Einatmen 1 2 3 4 und beim Ausatmen 1 2 3 4 5 6.

Dann ist es wie immer eine Grenze, die es zu überwinden gilt, und ich kann gut klettern, aber nicht in Sandalen, die kein Profil haben. Und wie damals gingst Du vor und ich ließ mich einfach auf Deine Haut fallen, weil es ja auch keine Alternative gab und die Sandalen rutschten zuverlässig, im Supermarkt mit Einkaufswagen macht das besonders viel Spaß, aber das hier, das war kein Einkauf und Du, Du warst zwar stabil, aber nicht aus Stahl und auch nicht direkt kalt, eher lebendig und flexibel aber nein, Du warst kein Fels, an dem ich lehnte. Und ich lachte ganz, ganz leise in mich hinein, während ich mir beim Boden verlieren zusah, ich mag es, wenn das Schicksal seine Größe zeigt. Aber eigentlich war ich mehr ruhig und Du warst es auch. Es war wie damals.

Und irgendwann sind wir da. Und ich weiß gar nicht: Ergibt es noch Sinn, hier zu sein. Vielleicht denkst Du das Gleiche, denke ich, und Du beginnst zu laufen und zu sammeln und ich beginne zu sitzen und auszupacken. Sind wir ein Klischee am Fluss? Ich will es auch noch nicht wahrhaben, es ist vielleicht das letzte Mal, dass Du Feuer machst und ich Dir dabei zusehe. Ich lege mich, ich lege mich, ich kann Dir dabei nicht zusehen, solch ein Trauerspiel, aber am Ende, da kann ich auch nicht widerstehen. So, als hätte mich eine Panik ergriffen, so setze ich mich und beginne mit der Genauigkeit, die ich durch einen anderen Mann lernte, zu beobachten. Jedes Sandkorn, jeden Handgriff und jeden Atemstoß sehe ich. Ich sehe, wie Du alles zusammenlegst, auch die großen Baumstämme und es sieht elegant aus für mich und es ist auch souverän, wie Du diese nur ein einziges Mal und langsam und kraftvoll zugleich auf die Felsen schlägst, die vor Dir Platz nahmen. Und als ob das Holz Deine Sprache spräche, zerfällt es in zwei gleiche Teile, lässt es sich spalten, ohne Gegenwehr, fast, als wäre es Dir dafür noch dankbar, lässt es sich in Dein Nest tragen, welches doch Eliminierung bedeutet. Eliminierung. Wieso bist Du dabei so souverän. Seht ihr es denn nicht, möchte ich fast warnend flüstern, aber ich sitze wie gebannt in der Beobachtung, einer Lähmung verfallen. Und ihr wollt mir erzählen, telepathiere ich, ihr hättet Jahreszeit um Jahreszeit Naturgewalten standgehalten, dem Wind, dem Regen, der gnadenlosen Hitze? Und einmal fallt ihr in sanfte Hände und gebt nach. Ich weiß, wovon ich rede, denn auch ich kenne Naturgewalten und auch ich bin in sanfte Hände gefallen, und doch gab ich so schnell nicht nach. Ich habe wenigstens noch um mein Leben gekämpft und mich zu beherrschen versucht. Es ist ein Verrat, beschließe ich. Ihr seid verräterisch und dafür werdet ihr jetzt brennen.

„Feuer?“ fragst Du.
„Feuer“, sage und reiche ich. Ich kann auch souverän sein, denke ich. Seit wann machst Du Feuer mit einem herkömmlichen Anzünder. So nachlässig, wo sind Deine Kräfte hin. Bist Du wirklich so ausgemergelt. Und nur so schnell, wie ich auch sehen konnte, ergaben Feuer und Feuer Feuer. Und so schnell saßen wir vor unserem Kind und bestaunten es. Und es leuchtete und wärmte auch. Wir waren zu Eltern geworden und ich weinte weil der Rauch.

“Erzähl doch mal“, sagst Du. Ich weiß nicht, antworte ich, es ist nicht die spannendste Geschichte der letzten vier Wochen. „Doch, ist sie“, sagst Du, und ich verstehe schon, das hätte mich verführen können, wäre es die Wahrheit gewesen, aber vielleicht verstehst Du nicht: Ich bin anspruchsvoller als Du glaubst, ich säße sonst nicht mit Dir hier, Metaebene, und auch bin ich nicht mehr die Frau, die Nein sagt und Ja meint. Und hättest Du gewusst, welches die spannendste Geschichte der letzten vier Wochen gewesen ist, es hätte Dich bestimmt beeindruckt und gereizt und auseinandergezogen, aber wahrscheinlich hätte es Dir auch nur noch mehr Angst gemacht. Und so erzähle ich Dir nicht die spannendste Geschichte, sondern die, welche Du für die Spannendste hältst und um welche Du batst.

Ich will Dir nicht zu nahe treten, so beginnst Du Deinen Ratschlag kundzutun, oder ist es vielleicht auch nur eine Meinung, weißt Du, sagst Du, wenn Kinder plötzlich die Rolle der Eltern übernehmen und die Eltern sie so behandeln, beispielsweise, als wären sie Erwachsene, stell Dir vor, sogar so, als wären es ihre Partner, sind es dennoch Kinder. Sie werden immer Kinder bleiben, so sehr Du dir auch wünschst, dass sie Erwachsene wären, aber das sind sie nicht. Sie bleiben Kinder. Sie bleiben Kinder. Es ist so.“

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Meine Schwester, meine Schwester, sage ich nur einen Tag später, sitzend auf dem Boden, woanders kann ich nicht bestehen, versteh es doch. Sie werden immer Kinder bleiben, so sehr Du dir auch wünschst, dass sie Erwachsene wären, aber das sind sie nicht. Sie bleiben Kinder. Sie bleiben Kinder, es ist so. Lass ruhen den Stein, er trifft Dein eigenes Haupt, und während ich das singe, fange ich an zu weinen, in das Telefon hinein. Es wird kaputt gehen, es wird ertrinken, denke ich, so, wie wir bereits ertrunken sind. Schwester, Schwester, sagst Du, wieso weinst Du denn. Es ist nicht meine Idee sage ich, die Idee, sie ist von ihm. Sie hat mich gelöst. Es war seine letzte Idee für mich. Sie war nicht schlecht. Es tut mir so leid, sagt die Schwester. Ja, mir auch für Dich, sage ich.

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Wir laufen, wir laufen. Und plötzlich ist da dieser Hund und er knurrt und er bellt. Was will er uns sagen. Will er uns aufhalten. Laufen wir in verkehrte Richtungen? Was machen wir falsch, so sag es doch. Normalerweise, das heißt, wenn Du nicht bei mir gewesen wärst, ich hätte mich zu dem Hund gelegt und ich bin sicher, er hätte sich von mir beruhigen lassen. Ich kann bellende Hunde beruhigen. Ich kann ihnen über den Kopf streicheln, auch, wenn sie bellen. Aber ich war ja selbst so aufgelöst. Ich war ja selbst so unsicher. Ich hätte mit einem Kniefall alles nur noch schlimmer gemacht und nicht mal mehr der Hund hätte mich verstanden. Ich hätte alles nur noch schlimmer gemacht, denn dann hättest Du gesehen, dass ich nichtmal mehr das kann.

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SMS-Verlauf

Ich weiß, ich weiß. Aber immer vage, Hauptsache vage. Angst ist das. Vielleicht habe ich es aber auch nur nicht verstanden. Was denkst Du, verstehe ich Dinge nicht? –
Ja, alles passiert zum Besten, ich weiß. Wer nicht bleiben will, muss gehen gelassen werden.

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Wir kannst Du nur so sein, möchte ich wissen. Hast Du es erlernt, möchte ich wissen. Hat man dir so die Liebe gezeigt. Ja, sagst Du, aber das war früher. In die Stille hinein denke ich es: Nein, es ist heute, siehst Du es nicht. Und wäre der Raum für Dich möglich gewesen, ich hätte meine Hände vor das Gesicht geschlagen und Deine Tränen geweint.
Aber ich wollte Dir nicht zu nahe treten.

Eine Fahrt durch die Stadt und ich glaube, Du lachst. Ich kann Dich mit meinen Armen berühren, wieso kann ich das plötzlich. Und dann sind wir da, endlich und auch unglücklicherweise.

Du bist wie manchmal nur schneller mit allem.

„Hier“, sagst Du, als ob Du wüsstest, was es für mich als Linkshänderin bedeutet, einen Helm zu öffnen, der für die Mehrheit gemacht ist. Du siehst mich an und hilfst mir nicht wie beim letzten Mal. Du siehst mich nur an und sagst mit einer ruhigen Stimme, die mir neu und so vertraut auch ist: Es gibt eine Art Gurt, daran musst Du ziehen. Ich mache das genau so, wie Du es sagst, und bin frei. Isn‘t it ironic.

It is and it is not, all at once.
For it isn‘t just because I trust in practical things you say. You are one of few men who can manage an aspiring daily life. Who can start and put out a fire at the same time? That‘s why I was lying without fear in the field, while the fire took slowly over the place. „Do you have control over it?“, I asked. „I have“, you replied and I lay down again, and neither my backpack or my feet didn‘t asked What if all the people are right and as soon as you can even understand something everything will burn and with everything you‘ll burn. And it‘s meant as an image, at least regarding the sentence before the second last. However. It was you who showed me how to put out a safety helmet. However.

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So schleppe ich mich selbst neben Dir und zähle die Stunden, die ich bereits wach bin. Es sind zu viele. „Ich muss jetzt hier hoch“, sage ich und zeige auf ein Schild mit der Nummer 5. Habe ich ein Deja vu? „Ich möchte da allein hoch gehen“, sage ich. Ich habe ein Deja vu.
„Was ist, wenn ich Dich einfach nach oben begleite?“
„Ich bitte Dich, das zu respektieren“, sage ich.
„Ok, ok, gut“, sagst Du.
Und da breite ich meine Arme aus oder warst es Du, der sagte: Muss das sein?
Beides würde passen, zu Dir, zu mir.
Meine Bereitwilligkeit, die vielen Arme um Dich und Deinen Körper zu legen und Deine Bereitwilligkeit, ein Ja und Nein aus einem Mund gleichzeitig heraus zu sprechen. Muss das sein. Ja, sage ich, und umarme Dich mit der letzten Kraft, die ich noch habe. Sie ist nicht sehr stark, aber sie ist da.

Under normal circumstances, ich hätte meine Hände vielleicht kurz in Deinen Nacken gelegt. Denn jetzt, als es irgendwie vorbei war, fühlte ich mich freier. Als bräuchte ich mich nicht mehr zurückhalten, weil ich es ja sagte: Keine Angst, ich lasse Dich gehen. Vielleicht, wäre die Kraft nur ein wenig mehr da gewesen, hätte ich auch noch Deine Arme angefasst. Deine Arme. Ich weiß gar nicht, wie ist sie, Deine Haut. Kalt oder warm. Ich weiß es nicht. Dabei hattest Du es mir noch angeboten. Oder hattest Du es eigentlich nur Dir angeboten? Und ganz, ganz eventuell, wenn das mit den Armen in Ordnung gewesen wäre, hätte ich beide Hände an Deine Wange Wange gelegt, ich hätte gesagt. Danke sehr, danke sehr, ich konnte wachsen, ich konnte reifen, danke sehr, mit Dir als Medium konnte ich so viel über mich selbst lernen, einen Vorgeschmack konnte ich erhalten, auf das, zu was ich fähig bin, wenn da nur jemand sitzt, der ebenso fähig und bereit ist. Danke sehr, auch wenn ich nicht lieben konnte, ich konnte wachsen, ich konnte reifen und ist das nicht irgendwie das Gleiche wie lieben. Danke sehr.

Und leider weiß ich gar nicht mehr, was wir wirklich sagten, während wir da so kurz umarmt standen, so sehr hatte ich schon einen Schutzwall gebaut, ich habe nichts mehr gehört und gesehen und vor allem nicht gerochen oder gefühlt, aber ich glaube, irgendwas sagten wir. Ich erinnere nur noch deine letzten Worte zum Abschied, wie immer ein wenig charmant und ironisch. Aber da sehe ich mich schon gehen. Zwei Stufen auf einmal, als könnte ich nicht schnell genug von Dir weg kommen. Ich habe mich nicht umgedreht, ich habe das noch nie gemacht.

Was ist mit Dir, bist Du stehengeblieben. Ich werde es nie mehr wissen. Aber ich kann leben damit. Es hätte ja nichts geändert. Noch mehr Schritte auf Dich zumachen, während Du stehen bleibst, ich hätte das wohl nicht verkraftet.

Und da bin ich schon. Menschen, Menschen, noch nicht, aber langsam, langsam, und ich bin müde, so müde, aber ein bisschen bin ich bei mir. Ein Foto habe ich dann von mir gemacht. Dieser Abend, meine Erschöpfung, meine Schwäche und meine Stärke, meine Sprachlosigkeit, alles soll mir in Erinnerung bleiben. So sehe ich aus, wenn ein Kampf vorbei ist, wenn etwas verloren und etwas gewonnen wurde.

Der Weg zurück dann auf den Beinen. Männer schauen mich an. Was denn.
Der Weg nach Haus ist so unglaublich lang. Relativitätstheorie. Einstein. Jüdisches Leben. Ist heute Schabbat. Ich weiß es nicht.

Ein guter Mann. So heißen Playlist, Ordner und Notizvorlagen zu Dir. Ein guter Mann. Gute Menschen lassen gute Menschen ziehen, wenn sie es nicht mehr gut meinen mit einem. Wenn Sie weiter ziehen wollen, müssen. Ein guter Mann geht seinen Weg, eine gute Frau geht ihren.

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Slip inside the eye of your mind
Don’t you know you might find
A better place to play

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Eine Playlist

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6 Uhr, habe ich geschlafen. Bin ich ins Bett gekommen. 6 Uhr, ich kann es nicht fassen. Wie ich aufwache und das erste, was meine Sinne vernehmen, ist Feuer. Feuer in meinen Haaren, in meiner Unterwäsche, in meinen Händen. Selbst mein Bett, es brennt. Und als wäre das der rettende Instinkt, fällt Wasser aus den Augen auf all die Laken, wir löschen jetzt, sagt jemand. Aber es ist vergebens. Salzwasser, das hilft bei anderen Dingen, aber doch nicht bei einem Brand. Halt es zurück, es wird schlimmer.

Wie kann ich aufstehen. Wie kann ich aufstehen.

Du kannst aufstehen, weil Du weißt, es gibt Menschen, denen geht es so viel schlechter als Dir. So kannst Du aufstehen. Tür zu, Wasser, Wasser, wieder ein Löschzug.
Essen?
Es ist vielleicht unangemessen, aber zu arbeiten jetzt ist es ja auch. Nachrichten, Nachrichten. Auch hier: Es gibt Menschen, denen geht es so viel schlechter als Dir.

Wenige Stunden später, sitzend in einem Hausflur, finden Sie das komisch? „Und dann haben sie mich an der deutsch-niederländischen Grenze erwischt. Mit sieben Kilo K***. Und dann ging‘s bergab. Das war 1992.“

Wie sehr ist bergab, wenn es seit 1992 geht. Ich rechne.

„Ich verstehe“, sage ich dann und schweige erstmal. So sitzen wir da, im Hausflur einer Arztpraxis. Und immer, wenn neue Erkrankte kommen, fragen sie mit erstickten Gesichtern: Oh. Ist noch geschlossen?

Nein, eigentlich sitzen wir hier aufgrund einer Angststörung, ausnahmsweise mal nicht meiner eigenen. Denn jemand anders kann nicht mehr allein das Haus verlassen und im Wartezimmer mit anderen Menschen, das geht schonmal gar nicht, es sind schließlich Menschen. Ist doch klar, macht doch mal die Augen auf, denke ich. Jemand, der neben mir sitzt, sagt: „Nein, wir sitzen nur so hier / dort drinnen ist es mir zu voll, zu warm, zu viel. So gehen Sie doch bitte hinein.“ An mich gewandt sagt Jemand: „Ich wünschte, ich wäre unsichtbar.“ „Ja”, sage ich, “das verstehe ich sehr gut.”

10 Uhr und schon ist alles vorbei.

Was ist mit ihm los, was stimmt nicht mit ihm. Ich sehe es doch. Ist es die Unruhe, schon wieder? Von einem Raum zum nächsten, so stützen sich 91 Jahre von Raum zu Raum und suchen Halt. Ich bin 31 Jahre alt und suche Halt. Sind wir wirklich so unterschiedlich?

91 Jahre, langsam, langsam, aber entschlossen und immer wieder kehrend.
Du sprichst nicht klar, sagte ich zuvor. Wie kannst Du die anderen so abwerten, nur, weil sie nicht Deiner Meinung sind. „In meinem Leben habe ich dreimal mit nichts als einem Rucksack angefangen, nichts hatte ich mehr, nichts! Ich war Flüchtling, Kind. Und alles habe ich allein geschafft, vergiss das nicht!“, sagt er, als er mich ermahnt. Und ich denke: Was hat das ausgerechnet jetzt damit zu tun?, und gehe trotzdem auf Dich ein. „Meinst Du denn wirklich, Du wärst heute der Vater, der Du bist, hättest Du nicht die Frau, welche Dich und Deinen Rucksack in die Arme schloss.“ Und das Gespräch kann er gerade nicht weiter führen. Aber wieder kommt er, das hat er gesagt. Die Unruhe, immer diese Unruhe. Ist es Dein letzter Kampf. Und welchen Kampf führe ich hier. „Der läuft wieder weg“, sagst Du, welche die Mutter aller Mütter für mich ist, weil sie nie an wen anders als an ihre Kinder dachte. Eine Mutter. Vielleicht kämpfe ich ihren Kampf. Ich halte mir die Hände vor den Mund, wahrer wird’s heute nicht mehr. Ich sehe sie erst nur an und meine Blicke, sie sagen es. Sie sagen: Noch nie habe ich Dich so nachdrücklich sprechen hören. Was ist passiert.
Wovor denn, frage ich.
Vor allem und seit immer höre ich Dich sagen.

Dass ich mich nicht übergab an diesem Morgen, in die Keramikschüssel, in die ich den noch warmen Kaffeefilter legte und gleichzeitig meine Hände stützte, dass ich mich nicht übergab vor Erschöpfung und vor Offenbarung, das war fast ein Wunder.

Und als ich das denke, stehst Du wieder da. „Ich finde es nicht richtig, dass Du allein verreist!“, sagst Du nun schon zum zweiten Mal, wie jedes Jahr. „Ja, ich weiß“, sage ich wie jedes Jahr und wenn Du könntest, würdest Du mich zurückhalten, ich weiß. „Ich bin so froh, wenn Du wieder zurück bist“, sagt sie wie jedes Jahr. „Ja“, sage ich, wie jedes Jahr. So sitzen wir da, und wie seit jeher messen wir unseren Blutdruck, immer der Reihe nach. Was für ein seltsames Ritual. 160 zu 121. „Das kann doch nicht“, sage ich an die Mutter aller Mütter gewandt. Denn ich war immer besonders stolz auf meinen konstant angemessenen Blutdruck. Kann es das Herz sein, welches brach, kann es das wirklich sein? Oder ist es die Rebellion in mir: Keiner von Euch nimmt mir mehr meine Freiheit. „Halt den Mund dabei“, sagen 91 Jahre und manchmal, nicht mehr oft, aber manchmal muss ich über die Art, wie Du sprichst, in mich hinein lachen. Ich weiß ja, wie Du es eigentlich meinst. Ich antworte also nicht und messe erneut und nehme nun auch den anderen Arm. 91 Jahre lassen sich fallen und sagen: Das Leben ist so kurz und trotzdem so lang. 121 zu 72.

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Ich sage alles ab, wenn Du das willst
Ich bin so fertig, antworte ich, ich kann gar nichts mehr. Meine Augen fallen aus meinem Kopf heraus, so schwer sind sie. „Keine Panik“, sagt das Mädchen. Ich stehe auf, ich schäle mich heraus hier und sehe plötzlich mein eigenes Spiegelbild, es ist so viel schlimmer als am Abend zuvor. Aber auch irgendwie schön, weil es so echt dabei ist und denkt: Niemand kommt mich heute mehr besuchen.

Ich sage alles für Dich ab, das höre ich auch Dich sagen.
Nein, danke, wofür denn.
Ok, na gut. Aber Samstag, Samstag kommst Du? Alle freuen sich auf dich.
Samstag Samstag, wo ist da der Mann mit dem Feuer, in welcher Stadt, in welchem Land, wie auch immer, nicht da und egal ja eigentlich.
Mit „Alle“, meinst Du da Menschen?
Oh es tut mir so leid.
Und da weine ich.
Oh es tut mir so leid.
Ich weine nicht nur wegen mir, ich weine auch wegen ihm.
Ich weiß, sagst Du, ich weiß. Und: Ich bin schon auf Deiner Straße, ich kann es schon lesen, das Straßenschild. Da wohnst Du Frau, dort wohnst Du. Möchtest Du denn keinen Besuch.

Nein. Ich möchte keinen Besuch. Zitronenwasser. Überleben.
Morgen ist es vorbei. There is no static atom.

Sometimes I wish I could feel lighter.
But then I wouldn’t be a writer.

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Vor vierzehn Tagen noch. Ausgebreitet wie die Hälfte einer geschälten Mandarine, alles muss raus, denke ich, alles alles muss raus, auf dem Rücken liegen, atmen. Die Schenkel weit geöffnet, weit auseinanderstehende Schenkel, wie ein Frosch so weit denke ich. Oder wie die Flügel eines Schmetterlings. Nur, dass dieser grad nicht fliegen, sondern nur noch fallen kann. Hände auf dem Bauch, Herz aus dem Hals heraus. Alle Gefühle entfesselt, ich schlucke und schwitze und heule auch. Dieses Mal, da war die Angst so schlimm, dass ich mich besser hinlegte auf eine Matratze dachte ich, weil wer weiß, how long can I still stand this und nicht, dass ich nachher noch auf den Kopf falle. Ich sorge mich ja um mich, weil ich mich eigentlich auch lieb hab so. Naja.

Also ich dann. Wie eine Ergebene. Ich denke an kalten Orangensaft, ein Glas nur, das würde vielleicht helfen. Die Farbe. Und ich bin mutig, so mutig, das denke ich auch, während ich so daliege und mich ergebe, fast auch übergebe, (wem?) und auch denke ich kurz mal lachend über den Übermut der Angst von wegen Über-Ich: Nimm doch was Du willst, das Wichtigste bekommst Du nicht. Denn wie Du weißt, ich habe das jetzt schon mehrmals gesagt und das heißt, dass ich es genau so meine, ich habe den Kampf eröffnet, deswegen nochmal rebellieren und Grenzen testen jetzt, schon klar, so ein letzter Akt der Verzweiflung. Und natürlich auch nochmal aufbegehren, weil ich mich nicht mehr aufhalten lasse von Dir, tust Du so groß, aber ich gehe trotzdem weiter. Du weißt, ich habe Recht und eines Tages wirst Du dich mit Deinen eigenen Waffen schlagen und wenn hier jemand Existenzberechtigung im Körper dieser Frau hat, heutzutage, dann bin das ich. Aber ok, bitte, you scared rebel you, do what you need to do. Ich ergebe mich derweil und spare mir die Kräfte. Ich kämpfe nicht mehr gegen Dich, ich kämpfe für mein Leben jetzt. Augen zu.

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-Hallo ich wollte fragen ob Du Lust hast, dass wir uns bald zusammen irgendwohin legen, auf eine Wiese zum Beispiel.
-Sehr gerne
-Kool.
-Bzgl. Hinlegen vllt. wenn nicht heute wann dann?
-Ja, Du hast Recht. Ok, ich komme.
-Also kool. Dann bis gleich.

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Bäume, Bäume. Diese Bäume, so habe ich sie noch nie gesehen. Ok, komm, lass uns hierhin legen und wie eigentlich immer erzählst Du mir dann eine Geschichte und oft lachst Du am Ende, weißt Du das? Vielleicht über die Ironie einer Sache oder ich weiß es nicht. Ich jedenfalls, ich sage oft nichts, weil so Geschichten, die finde ich iwie groß weil universell. Ja, Zeit denke ich mal. Weiter liegen, Kirschen essen.

Und irgendwann dann zeigst Du mir etwas, das Du kannst und ich bin so vergnügt dass ich mir die Hände vor den Mund halte und wäre ich weniger müde dann wäre ich sicher noch vergnügter gewesen. Wie amüsierend muss es sein, sich ein ganzes Leben lang zu amüsieren? Das habe ich mal in einem Theaterstück gehört.

Als Du dann so neben mir sitzt und auf einmal meine Hand nimmst und dazu auch noch meinen Arm und ich kurz zurück ziehe weil nicht dass Du mir was brichst, Du aber sanft fest hieltst und mich dehntest um mir zu zeigen, wie Du gern eingerenkt werden würdest, und ich mich fallen ließ, als Du das getan hast, und das fiel mir erst Tage später ein, obwohl irgendwas daran besonders war, hab ich irgendwas gefühlt, aber auch das erst Tage später. Seltsam.

Kurz noch challengen im Unterarmstütz, Du hast gewonnen.
Ok, lass mal gehen jetzt.
Ich bin müde, ich bin so müde, und kognitiv so überlastet,
dass ich Angst hab, zusammenzubrechen wenn ich jetzt aufstehe.

Guck mal, sagst Du, als wir aufgestanden und schon ein Stück gegangen sind, Du bist gar nicht zusammengebrochen. Ja, stimmt, hey!, kurz freue ich mich und dann sage ich; Erinner‘ mich nicht daran, denn sonst wird es doch noch passieren.

Hereinspaziert! steht da. Warum auch nicht. Ok dann. Komm einfach. Hereinspaziert! Warum auch nicht?

Dich in meiner Küche stehen sehen, mein Musikinstrument lehnt an Deinem, denke mal, das braucht es vorerst auch so.

  • Tauschen?

Und dann, kurz als Du gar nicht siehst was ich sehe und Du was liest, da stehst Du da, als hättest Du kurz geträumt von Wundern, die Du nicht verstehst, dabei bist Du doch eigentlich das Wunder in here.

Ich weiß gar nicht recht, denke ich – wohin mit Dir? In Armbeuge? Kopf? Herz? – In meine Mitte? Zwischen die Schenkel?
Aber dann, wenn ich Dich so beobachte, denke ich auch: Eigentlich bist Du ein Mann, von dem man niemals zu träumen wagen könnte. Hab ich aber trotzdem schon gemacht.

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Mir ist, als wäre mir schlecht vor Liebe, schlecht vor Angst, schlecht vor allem, was mir entgleiten könnte. Als hielte das innere Kind fest, was doch die erwachsene Frau schon längst begriffen und losgelassen hat. Hallo hallo, you dont need this anymore.

Aha ja ja so so.
Na gut, dann weitermachen mit Leben, weil is schön iwie auch.

Im Leben beeindruckende Frauen treffen, immer wieder. Beeindruckende Frauen treffen, die erfolgreich sind und dennoch, mit einer Hand an ihrem Ring der anderen Hand drehend, mit sich und dem Leben hadern und immer und immer wieder einen Schluck Wasser trinken. Ja, so wird sie vielleicht aussehen, eine Art der Zukunft.

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Ich sehe das schon in Deinem Blick, er ist ehrlich, auch das sehe ich, aber hey, möchte ich sagen, es sind über zehn Jahre vergangen seither und es war ja auch nur ein Treffen glaube ich. „Mehr“, sagst Du so, als hättest Du gezählt, die Jahre. „Ich habe ein Foto gefunden, als Du damals…“ „Ja, ja, ich weiß, aber ich war jung, tut mir leid, ich war jung.“ Ok dann – sage ich und nehme die Hand des Patenkindes, wir müssen jetzt echt los, wir müssen zu einem Spielplatz jetzt, es war ihr ausdrücklicher Wunsch, ciao dann.

Du wirst es wohl nicht gewusst haben, aber während ich mit Dir sprach, hätte doch der Mann, dessen Sein ich derzeit einerseits verstehe und auch nicht verstehe, weil was habe ich damit zu tun und andererseits bedenke und begehre, das habe ich damit zu tun, direkt aus mir heraus kommen müssen. Ich bin besetzt von etwas, werde geliebt und gewertschätzt grade für das, was ich bin fühle ich. Siehst Du das echt nicht? Also ich schon, deswegen frag ich. Weiß ich ja auch generell grad nicht, wie die Anderen mich sehen. Und Du hast es wohl echt nicht bemerkt,
bemerkenswert.
Wie konntest Du nicht wissen, dass ich derzeit mit einem anderen Mann Tee trinke, so, wie man ihn in Palästina trinkt? Oder auch so, wie man ihn aus dem Ayurvedischen kennt, wenn nichts anderes mehr hilft. Je nachdem. Ich versteh das nicht. Wie konntest Du nicht wissen, dass da derzeit auch nichts heran kommen kann, dass ich derzeit unantastbar bin? Ich meine: hello from the other side.

Denn später, später, als hättest Du auf mich gewartet, klopfst Du an eine Scheibe, hinter der ich sitze, und sprichst schon mit einer aufgeregten, aber doch erwachsenen Stimme: „Entschuldige, entschuldige, ich wollte Dich nicht erschrecken. Ich wollte, ich wollte nur fragen, ob… ob vielleicht… ob Du Lust hättest, nächste Woche oder auch jetzt bald schon einen Kaffee oder ein Bier oder was Du willst also…“ Ich schüttle den Kopf, „Nein“, sage ich, „nein, tut mir leid.“ „Ok“, sagst Du, „ok, ich verstehe.“ Ok ciao.

Hoffentlich war ich dem Patenkind jetzt ein gutes Vorbild, denke ich, während wir fahren. „Bist Du angeschnallt?“ frage ich. Hoffentlich konnte ich ihr subtil, also ohne Vorschrift, weil sie soll selbst denken weil sie kann das, klar machen, dass man immer Nein sagen kann. Erziehung bringt ja nichts, Kinder machen einem eh alles nach. Erziehung bringt ja nichts, Kinder machen einem eh alles nach. Hoffentlich habe ich das jetzt richtig gemacht für sie. Hoffentlich. Naja.

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Manchmal möchte ich, dass mich jeder versteht.

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Wenige Tage später auf dem Weg zurück sein und auf diesem Weg zurück, wird mir klar, dass mit mir etwas passiert ist. Ich merke schon, wie ich die Dinge anders ansehe, wie ich plötzlich auch größer sehe. Mein Blick ist weiter, geht das? Wie alles plötzlich ein differenziertes Bild ergibt, als hätte es auch gleichzeitig nichts mehr mit der Frau zu tun, die ich zuvor war. Dinge fügen sich, es ist ein Bild, es hat mehr Farbe, es ist eine Performance, es hat mehr Flexibilität.

Von Dir zu kommen heißt in Frieden zu gehen schreibe ich in mein Notizbuch.
– Wer schreibt da?

Menschen gucken mich an.
So lang sie mich nicht erkennen, ist alles gut.
Ich möchte allein auf dieser Welt sein.
Vielleicht.
Christoph Schlingensief hat sich das auch mal gewünscht, damit er heulen und schreien kann.

Warum bin ich so confident, wenn ich allein bin?
Warum fühle ich mich so wohl, wenn ich mit mir allein bin?
Warum laufe ich dann so furchtlos?

Das Musikinstrument, welches Du ausgebessert hast, ich halte es noch ungeschickt in den Händen, genau so aber ist es vielleicht auch mit Dir. Vielleicht, man wird sehen, passt Du zu mir, und wenn es da etwas geben sollte, repariere ich das, aber noch halte ich Dich ungeschickt in meinen Händen.

Jedenfalls – das Instrument, es schläft seitdem auch mit mir in meinem Bett, es ist jetzt ein Teil von mir geworden, weil ich immer auch daran denke, es zu Ausflügen mitzunehmen, wenn ich welche mache und wie es wohl wäre, es dabei zu haben und wie, wenn nicht. Und wie es wohl wird, wenn ich es spielen kann. Falls überhaupt.

Aber Du denkst, ich kann das. Und ich weiß wirklich nicht, ob Du das sagst, um mich zu komplementieren oder um mir Sicherheit zu geben oder weil Du dir vielleicht auch so sehr wünschst, dass ich eine Frau mit musikalischem Talent bin, aber das bin ich nicht, ich glaube wirklich, das bin ich nicht.

Doch, ich denke schon, dass Du es kannst, sagst Du.
Vielleicht kann ich es dann irgendwann auch nur, weil Du es von Anfang an glaubtest, denke ich.

Ich kenne diesen Mechanismus. So funktionierte mein ganzes Leben. Was habe ich nicht alles schon einfach gekonnt, weil ich glaubte, dass ich es kann? Mich selbst genährt, gehalten, erzogen. Was habe ich nicht schon alles einfach getan? Frag mich lieber, was ich alles noch nicht getan habe. Aber anders herum, so herum, habe ich das seltener kennengelernt. Das wäre bestimmt auch zu schön gewesen.

So schlendere ich also nach Hause, Friede ist mit mir, das erste Mal seit langem fühle ich mich sehr sicher und ich bitte darum, möge ich all meinen personifizierte Ängsten begegnen, jetzt, denn ich kann das. Aber nichts passiert! Das darf eigentlich echt nicht wahr sein.

Ich setze mich dann noch auf die Holzbank einer Gaststätte. Wie oft bin ich früher hier gewesen?

„Bist Du Musikerin?“ fragst Du mich, wie immer mit interessiertem Blick.
Ich finde Dich lustig, weil Du kellnerst, und ausgerechnet Deine größte Schwäche ist das Vergessen. Es passierte schon so oft, dass ich etwas bei Dir bestellte, und Du nochmals raus kamst und mit einem verlegenen Kratzen hinter dem Ohr sagtest: „Eh…“
„Nein“, sage ich, „aber vielleicht irgendwann mal.

Ich bin zu winzigen Teilen ein Wunder an der Bar. Wunderbar und wandelbar.

Wie sehr wünsche ich mir, dass Du mich mal so sehen könntest, wie ich bin, wenn ich mit mir bin. Wenn ich mir einfach sicher bin. Wenn die Nähe mich nicht vermeintlich angreifbar macht. Vermeintlich vermeintlich, bald hab ich’s.

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SMS-Verlauf 1

20:12: „Hiiii… Deine Freundin hält morgen einen Vortrag zum Thema Institutioneller Rassismus glaubst Du sie schafft das? Deine Freundin datet seit zwei Wochen den gleichen Mann, glaubst Du, das wird was? Deine Freundin ist morgen Abend in Deiner Nähe, glaubst Du, da passt was?“
23:12: „Nina hab das grad erst gelesen aber bin noch wach und habe Muffins im Ofen also könntest kommen“
07:00: „Meine heute“
14:34: „Ja geht auch“

SMS-Verlauf 2

„Hi. Findest Du, ich bin leicht zu lieben? Wenn man mich neu kennenlernt?“
„Ich denke, ganz am Anfang ja, mit viel Begeisterung usw., dann könnte ich mir vorstellen, dass eine Phase mit Hürden und sich finden kommt, und wenn man es in Phase 3 schafft, glaube ich mit sehr viel Tiefe und Kraft.“
„Kool danke.“

SMS-Verlauf 3

„Du hast vorgestern, als wir so da saßen, iwie meine Hand und meine Finger genommen, und dann hab ich glaube ich kurz weg gezogen, Reflex vllt, und Du hast dann Arm genommen und kurz gehalten und gestreckt so, um zu zeigen wie für Dich wenn einrenken. Und seltsam. Ich habe mich erst gestern Abend daran erinnert, obwohl irgendwas daran besonders war. Ich hab das nicht geträumt denke ich.“

Ein Anruf! Ein Anruf! Bist Du es? Ja Du bist es! Du bist es!

Du sagtest was von elektrischer Schock oder so
Ja
Ja ich hab das auch gefühlt
Ehrlich?
Ja klar.

Ich versteh halt nicht so viel von sowas bzw. eher so verstörend wenn jemand fühlt wie ich weil eher selten so deswegen sorryok bis dann.

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