Auf einem Konzert

Hallo hier spricht Ich Ich muss sich krankmelden.


Ja ach Du Arme Ja klar das geht ja auch rum und ja kein Problem wir machen das schon gute Besserung.

Äh ja danke aber ich glaub, ihr habt nicht richtig verstanden es geht nie wieder vorbei meine ich es ist doch nicht zu übersehn.

Von Menschen überholt werden. So langsam nach Hause schleichen, dass die Anderen einen schon fragend ansehen. Guckt nicht so, denke ich, ich geh jetzt so! Ich hab’ Schmerzen. Ich hab’ Brüche. Ich hab’ Schwäche. Ok? Oh man ey. Naja.

Alle haben eine Mutter, nur ich habe keine. Alle haben eine Mutter, nur ich habe keine. Mantra vor mich hin. Nochmal Glück gehabt, unter diesen Umständen.


Endlich, endlich. Auf den Boden legen. Am Boden sein.

Und die Flasche, die vor mir steht, ist halb leer. Nicht halb voll. Halb leer ist sie. Ich seh das doch! 
Nicht! Halt! Voll!



Und dann ein Klingeln an der Tür. Gehört diese Tür zu mir? 

Ich gehe ja tagtäglich dadurch, das gebe ich hier zu, aber gehört sie wirklich mir, bin ich gemeint, meine ich, ich weiß nicht, vielleicht klingelt da ja nur jemand, der es mir nachmachen will, the best way out is through.

Hey! 
Hey!
Ein Lächeln. 
Hi.
Ich hab mich mit der Bahn vertan. Darf ich rein kommen, nur auf 1 Zigarette.

Ja sicher, hier, ein Lächeln.

Bitte. Rauch‘ doch in der Küche, bitte. Mir ist alles egal jetzt weil einsam grade ich kann nicht denken. 

Was redest Du denn, Du magst das doch gar nicht. Komm, wir gehen vor die Tür.

Welche Tür und wie viele davon habe ich. Welche kann ich passieren, welche ist begehbar.

Wer trägt mich.

Es scheint mir wie eine unüberwindbare Schwelle.



Guck mal!, rufe ich ganz erstaunt und fast fröhlich aus, da ist der Mond!, um dann festzustellen: Selbst der Mond ist halb voll. Mein G*tt, wann hört das auf. 


Ich muss mich setzen. Ich muss mich auf die Mauer setzen, an welcher Du rauchend lehnst. 

Schweigen erstmal. Es ist so schön.

Du bist nicht einsam, sagst Du. Nicht?, frage ich lächelnd, Was dann?

Es fühlt sich immer nach Einsamkeit an, weil man trotz aller Gedanken und dem Mitgefühl doch allein in und mit seinem Schmerz ist. Aber Du wirst geliebt und bist wertvoll für die Menschen. Und das bedeutet, dass Du nicht einsam bist.

Schweigen und dann

Danke. Morgen gehe ich übrigens auf ein Konzert. Ehrlich gesagt, ich wünsche mir bereits jetzt wäre schon morgen. Wünschst Du dir das eigentlich auch manchmal sag ehrlich Du kannst es mir sagen wirklich ich sag‘s auch Niemandem

SMS: Ich komm jetzt gleich, Mädchen, pünktlich wahrscheinlich. Mädchen, schreibe ich, ich fürchte ich bin ein bisschen aufgestylt aufgrund dessen mir ein Kleid hervorragend steht und mich im besten Licht erscheinen lässt und Mädchen, hast Du eine Sicherheitsnadel?


– Warte ich muss gucken.
Ja habe ich bis gleich

Bitte mach die Autotür vorsichtig auf, Mädchen, Du weißt es doch. Aber in den Händen hält es gefährliches Werkzeug, stolz zeigt mir das Mädchen sein gefährliches Werkzeug.

Mädchen!, sage ich fast ungläubig. Das sind doch keine Sicherheitsnadeln! Das sind Stecknadeln. Stecknadeln! Wo soll ich mir die denn hinstecken? Ich brauche Sicherheit, Sicherheit. Ach man scheiße, grade fühlt sich diese Kleinigkeit an wie das ganze Leben scheiße. scheiße. scheiße.

Oh ja tut mir leid und jetzt seh‘ ich auch grade dass sie vor lauter Schreck alle ausgekippt sind in meiner Tasche scheiße. scheiße. scheiße.

– – –

Ach es ist so schön Mädchen alles ist so schön ich freu mich auch so dass es Dir gefällt und alles hier funkelt und glitzert wie die Sicherheitsnadeln in Deiner Tasche Mädchen weiß Du noch und falls ja dann nimm die Hände jetzt hoch

– – –

In der Küche, wieder in der Küche, alles beginnt immer an einem Anfang, in den Hörer hinein sage ich es leise:

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schlimm es war, sage ich, den Kopf haltend. Und wirklich, alles was ich sage, ist wahr. 

– Ich kann Dir kaum zuhören, aber ich trage Deinen Schmerz, ich verstehe Deinen Schmerz. Ich liebe Dich wirklich so sehr. Wie kannst Du nur so gut geworden sein, wenn doch alles um Dich herum so schlecht war.

Oh it must be growth by dying.

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Was ich so an manchen Tagen mache: 1

Ein Moment des schmerzlichen Wachwerdens.
Manchmal ist das Aufstehen zermürbend, so aufreißend. Dann ist es so, als könne ich liegen bleiben, obwohl ich mich zuvor eigentlich gar nicht hingelegt hatte. Wie passt das zusammen? Notizen von diesem Morgen fielen mir heute in die Hand.

Aufstehen. Bringt ja doch nichts.
Chai aufsetzen
Frühstück machen
Chai, oh Chai

Musik entdecken, die man sich nicht vorstellen kann.
In die Musik eintauchen.
Neue Welten finden. Und plötzlich die Eigene mit anderen Augen sehen.
Prospekte, Kartoffelschalen, Tassen, Küchenhandtücher:
Ständig irgendwas irgendwohin tragen. Immer nur tragen. Ich bin eine Tragende.
Ich bin eine tragende Komödie. Ich bin eine Tragödie.

Im Bett frühstücken. Spätschicht. Im Bett frühstücken. Ein zu früher Dienst.

Wieder an den Küchentisch setzen.
Vieruhrdreiundzwanzig. In Zahlen 4:23.
Nach draußen sehen.
An Wolfgang Herrndorf denken.
Die Episode, als er mit Pinguinkostüm in der Notaufnahme vorspricht: Kopfschmerzen, er kann sich nicht mehr helfen; und erst mal in der Neuropsychiatrie landet. Das mit dem Kostüm sollte ein Witz sein.

Frühstück Teil zwei. Dann fällt mir auf: Ich mache Musik mit meinem Besteck.
Draußen höre ich Leute lachen.
Was mache ich jetzt?

Gestern ein Dialog. Vielleicht das?

„Also einmal, da bin ich von der Leiter gefallen und hatte ein richtiges Loch im Kopf. Und es blutete auch stark. Aber ich konnte den Rettungswagen nicht rufen, ich hatte ja noch nicht geputzt. Bevor ich das Haus verlasse, muss ich immer 3,5 Stunden lang putzen.“
„Aha, okay“, sage ich, „ok.“

„Ähnlich war das auch damals, als ich mir den Arm brach.
Da war es so, dass ich dachte, ich kann doch nicht ohne BH in die Notaufnahme.“

Stille Stille, Wir Wir.

„Haben Sie sich schon einmal mit gebrochenem Arm einen BH angezogen?“
„Nein“, sage ich.
„Ich erzähle das, damit jeder weiß, wie ernst meine Ängste und Zwänge zu nehmen sind.“
„Das finde ich gut“, sage ich.
„Sie glauben gar nicht, wie anstrengend das alles ist.“

Es ist nur das Schreiben, bei dem ich die Welt vergesse.
Zeit und Raum, nichts existiert mehr für mich.
Auch ich bin dann nicht mehr da. Ich bin nicht mehr da.

Ich sehe mich mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahren, es ist schließlich so früh am Morgen. Einmal die Menschen auf dem Markt durch einen Filter betrachten. Kleine Wolken, die aus Mündern kommen, offene Handflächen, schillernde Münzen: Papiertüten.

Meine Tasche voll mit Gemüse und dann zum Goldschmied.
Ich passe hier gar nicht rein, denke ich, und stehe wie eine Frau mit grobem Rucksack in einem zarten Juweliergeschäft.

Guten Tag, Herr Goldschmied, sage ich, ich habe geerbt, sage ich, und setze mich.
Diese Ringe (hier), können Sie die wohl weiten?, frage ich.

Ja, meint der Goldschmied lapidar und versucht mich neben viel Schweigen, Schweigen, Schweigen und Ansehen und Mustern doch noch zu überreden, nämlich dazu, die Ringe eine (nur eine) Nummer kleiner zu machen als ich es wünsche, aber er kennt mich nicht, ich bin empfindlich wenn es darum geht, dass irgendjemand irgendetwas an mir kleiner machen will als es ist und zudem bin ich empfindlich, wenn es darum geht, dass mich etwas zu sehr in Besitz nehmen will, ein Ring zum Beispiel, zwischen den und mich dann kein Atemzug mehr passt.

Nein, Herr Goldschmied, sage ich entschlossen. Ich weiß, was ich tue.
Na gut, Sie müssen es selbst wissen, antwortet dieser, der sonst so selten wenig sagt, aber am Ende, als ich fast gehe, erkundigt er sich:
Wie haben Sie mich nur gefunden?
Google, sage ich.
Und der Goldschmied sieht mich an, als verstünde er nicht.
Sie haben einen Google Eintrag, sage ich.
Der Goldschmied nickt.
Ich sage
Auf Wiedersehen.

Wieder frage ich mich, was das für Tage sind. Tage voller Sturm und Regen im Kopf und in den Händen, schwer sind die Füße und so auch die Selbstzerwürfnisse. Dann aber auch ist alles ganz leicht, das kann ich auch sehr gut. Es kommt bei mir immer auf so vieles an.

„Möchtest du da zu der Frau?“, höre ich einen Mann zu seinem Sohn sagen und er zeigt mit dem Finger auf die Frau, die auf einer Bank in einem Glashaus sitzt: mich. Bitte hören Sie auf, mit Steinen nach mir zu schmeißen. Aber auch denke ich “Aha, ich bin also eine Frau(, die auf einer Bank in einem Häuschen sitzt) und werde auch als solche wahrgenommen.” Manchmal frage ich mich halt, ob ich auf andere eher anders wirke, aber dann wär mein Leben ja auch gar nicht mehr spannend.

Bahnfahren, Bahnfahren und an eine andere Reise denken.
-Was ist, wenn ich niemals bei Dir ankomme?

Menschen rempeln an den Sitzen, als wären sie die Protagonisten dieses Alptraumes.
Niemand entschuldigt sich. Keiner sagt Guten Morgen.
In was für einem Zug fahre ich.

Ich muss mich ablenken, an etwas anderes denken. Raus aus dieser Aussichtlosigkeit. Zug fahren und über Fragen nachdenken, die mir noch nie jemand gestellt hat, aber dessen Antworten ich trotzdem schon weiß, beispielsweise: Welches Wort hast Du wohl zumeist bedacht in Deinem Leben?
Welche Lebensmittelkombination löst Vorfreude in Dir aus?

Es ist die Angst vor Euch allen und vor Niemandem. Eigentlich ist es die Angst vor mir und Niemandem.

Könnt ihr Euch eigentlich vorstellen, wie anstrengend das alles ist?

Obwohl ich schon gar nicht mehr kann, fängt es gerade erst an. Wer glaubt mir das?

Arbeit, Arbeit, immer nur Arbeit. Aber dabei auch nette Menschen, die sich für das, was ich mache, interessieren.
Und mit welcher Maschine fliegst Du, fragt K.
Weiß ich doch nicht, sage ich.
Wie Du weißt es nicht.
Ja ich weiß es nicht.
Sag mal die Flugnummer! Oh wow, es ist ein Airbus a380!
Aha
Wie Aha?
Ja Aha halt
Also ich bin noch nicht mit so einer Maschine geflogen, sagt K., so, als wäre er beleidigt, was in mir die Idee aufkeimen lässt, dass es wohl etwas sehr Besonderes sein muss.
Hm. Ok. Dann … was soll ich dazu jetzt sagen K., das tut mir leid oder … vielleicht: danke?
Wann fliegst Du denn los?, fragt K. und macht damit eine Frage zur Antwort. Wortgesellschaften verändern sich.
Um 13.55.
Aha, mhm. Warte mal… Deine Flugzeit beträgt 7 Stunden und 50 Minuten… Hin.
Ok, danke, das hab ich nicht gewusst, sage ich.
Ja, bitte, sagt K.

„Möchten Sie auch ein Eis?“
„Ich habe einen Apfel, danke sehr“, antworte ich.
Und nur, weil Sie auf der Couch sitzen und aufgrund von zu viel falsch dosierter Medikation die Wirbelsäule nicht mehr strecken können, sehen sie auf mich herab und lächeln. Oder sehen sie auf mich herab, weil ich mich vor Sie auf den Boden gesetzt habe. Finden Sie das komisch? „Möchten Sie einen Pudding?“, frage ich sie, nachdem sie ihr Eis gegessen haben, lächelnd, als hätte ich mich mit Ihnen verbündet. „Ja“, sagen sie. So stehe ich auf, aus dem Schneidersitz heraus. Einmal Pudding, bitte sehr. Und setze mich wieder. So sehen Sie mich an. Und dann lächeln sie. Wieder. Warum?
„Ich wünsche Ihnen, dass sie gesund bleiben“, sagen Sie in die Stille hinein.
„Ich wünsche Ihnen, dass sie gesund werden“, bitte ich in die Stille hinein.
Sie lächeln, ich lächle. Romance.

Nach Hause schleppen: ich: mich.

Hat es geklingelt, ja, das hat es, und jedes Mal freut sich mein Herz, trotz der Müdigkeit, läuft es fast über, so winke ich leise das Mädchen hinein und lege gleichzeitig einen Finger auf den Mund, und wie es das schwere Fahrrad über meine Stufen hievt tut es mir leid, aber ich kann gerade nicht helfen, ich telefoniere noch mit einem Auftraggeber. Ich weiß, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, denke ich. Und da ich keinen Unterschied mache ob das Mädchen da ist oder nicht, telefoniere ich weiter confident und mache Vorschläge und sage, was ich gut oder was ich nicht so gut finde, weil meine Meinung geschätzt wird, und dann denke ich, wieso kann ich mich nie mit einem Mann so fühlen. Warum immer der Vorbehalt. Warum immer dieser Stress. Und als ich dann auflege und das Mädchen entdecke, wie es sich in die Küche geschlichen hat und wie es mein unvollendetes Gericht, das Küchenchaos ignorierend, weil wir sind doch beide so, einfach weiter kochte, da brach ich fast zusammen. Warum ist diese Selbstverständlichkeit nie mit einem Mann möglich. Und dann: Was hat das mit mir zu tun?

Naja Mädchen und jedenfalls, da gegenüber, da ist eine Schlagzeugschule, sage ich.
Stell Dir das mal vor!
Ja, sagt das Mädchen, den Mund voller Vorschusslorbeeren: Schlagzeuger sind sexy.
Der ewig verehrte Mann spielt auch Schlagzeug, sage ich, wie zum Beweis, nur ohne Synonym, mit Vornamen, so, als wären wir bereits eine Symbiose.
Ja stimmt, ich vergaß, der ewig verehrte Mann kann ja alles, antwortet Mädchen.

Ich räuspere mich und sage: „Mädchen“ und lege eine Gabel beiseite: Ziehst Du ihn durch den Kakao Mädchen, machst Du das? Ziehst Du mich und ihn durch den Kakao? Du findest es vielleicht übertrieben aber der ewig verehrte Mann war sogar mal Deutscher Meister in einer ganz bestimmten Sparte dieser Disziplin. Ich sage ja, ich übertreibe nicht, ich täusche mich eventuell, aber übertreiben? Nein. Du wirst schon sehen Mädchen, Du wirst schon sehen, wenn Du ihn siehst, und dann wirst Du sehen, was ich sehe, wenn ich ihn sehe, Du wirst schon sehen.

Wenn ich ihn mal sehe und uns niemand dabei sieht, werde ich endlich das sagen können, worauf ich bereits seit Jahren warte, ich werde Noel Gallagher zitieren und sagen : Excuse me if I spoke too soon, my eyes have always followed you around the room.

Bis dahin Endlosschleife: Was soll ich nur tun, was soll ich nur tun?
Letztlich bedeutet es ja, vorerst zu lernen, zu sich selbst zu stehen, sodass ich endlich aufhöre, neben mich zu fallen, wenn ich vor Dir stehe. This comes first. Das ist alles.

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Das Mädchen: Planeten und Tomaten

Lohnt es sich, aufzustehen?, frage ich. Mädchen sei ehrlich, sage ich.
Ja, meint das Mädchen und ergänzt: Aber den Mars, den hab ich noch nicht entdeckt.
Ich stehe auf und sehe den verdeckten Mond und sage: Da ist er doch.
Wer. Na der Mars. Was. Ja. Wo. Na da. Komm mal zu mir rüber. Oh wow, da ist er, tatsächlich. Wow. Toll.

Stille gefüllt mit Staunen und Kaugeräuschen. Wie Tomaten klingen, wenn man sie zerbeißt.

Wie ist das denn jetzt nochmal, fragt das Mädchen, wenn die Erde und der Mond und die Sonne… Und ist die Erde oder die Sonne so groß wie der Mond oder spielt das keine Rolle weil ja eigentlich alles nur angestrahlt wird und Projektion ist wenn…
“Oh Mädchen nicht, alles ist so weit weg, ich komme da nicht mit jetzt, weiter als hier komme ich heute nicht.”

So lehne ich an einer warmen Hauswand, vor mir, auf dem Dachtisch, eine große Schüssel Tomatensalat.
Seit wann esse ich so etwas? Seit es das Mädchen gibt?

„Denkst Du eigentlich daran, dass wenn Du A. morgen triffst, Du heute Knoblauch gegessen hast?“
Nee, meint das Mädchen, und nimmt den Blick nicht von der Linse.
Ok, sage ich, weil ich schon.

„Guck mal“, sagt das Mädchen und nimmt kurz den Blick vom Mond und sieht zu mir und meint mit einem schelmischen Lächeln und funkelnden Blick: „Guck mal wie spannend das sein kann, trotzdem es so langsam ist, ne?“

Dann lacht das Mädchen richtig herzlich und dann lachen wir beide richtig herzlich.
Diebische Freude. Wie schön wir sind.
Und obwohl ich alles verstanden habe frage ich mich doch: worüber lachen wir denn eigentlich?

Ach egal, denn die Hauptsache ist, wir lachen. Auf den Dächern dieser Stadt. Verführt von einer Sommernacht und Asphalt. Und aufgrund einer Metapher, wie sie im Buche steht, läuft mir vor lauter Lachen Vinaigrette aus dem Mund heraus. Kurz darauf hatten wir uns aber auch wieder beruhigt, keine Angst, wir sind nicht immer so laut, denke ich.
Aber immer wieder stieß eine von uns einen kleinen geheimen Lacher aus.
Ha ha.
Ach ja.

Dann dachte ich, ich möchte anfangen, Männern eine Chance zu geben und ich möchte anfangen, Tomaten zu essen und das Mädchen dachte, wieso kriege ich das Bild nicht so hin, wie ich es möchte, habe ich mich umsonst professionalisiert oder wie.

Echt lecker Mädchen, echt lecker, lobe ich, danke.
Ja ja schon gut antwortet es und guckt und staunt und versucht wirklich alles, was da oben passiert, fotografisch einzufangen. Einfangen. Darf man das?

Guck mal!, sagt das Mädchen und zeigt mit dem Finger in den Himmel.
Ein Wetterlicht, ein Wetterlicht. Ein Wetterlicht? Was ist das denn?
Es ist orange! Orange!

Ja, da staune ich auch, das gebe ich zu.
Es ist wirklich sehr schön und kurz halte ich auch die Luft an.
Da sagt das Mädchen: Alles ist orange, das ist ja sehr verwirrend ne.

Meine Tomaten und dieser Sud übrigens, sind auch orange, antworte ich, wenn man es mal so betrachtet. Und das sehen wir so, wie es jetzt ist, auch niemals mehr im Leben. Also ich sage das nur so von wegen down to earth oder Kirche im Dorf it’s always a question of perception.
Naja.

Kurz zuvor saßen Mädchen und ich noch auf einer Couch, ich die Beine weit von allem gestreckt. Und das Mädchen, das war ganz aufgeregt bzgl. der anstehenden Sache regarding sky full of stars. Hin und her ging es, von Dach zu Küche zu Dach und ich war so überfordert und aus der Balance, dass ich nicht sicher war, ob ich 5 Minuten oder 5 Stunden bleiben könnte, auf das Dach steigen oder nur liegen bleiben könnte. Da jedenfalls sagte das Mädchen: „Ich kann mir einen Sommer ohne Tomaten nicht vorstellen.“

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911

Eine Tomatensuppe, nur eine heiße Tomatensuppe, denke ich, und dann schnell wieder zurück in das Bett, welches dort auf mich wartet. So laufe ich, eine dampfende Schüssel in meiner Art Mitte, ich wäre auch gern in meiner Mitte, eingewickelt in einem Tuch, und ihr könnt es Euch vielleicht gar nicht vorstellen, aber es ist, als würde das Kind erfrieren. So laufe ich, schnell, schnell und der bedrohte Inhalt, wie eine Ladung Ozean, schwappt er doch über sein Ufer, Nein!, und Spritzer dann aus Blut auf dem Boden aus Holz und ich wurde erinnert. Nein!, ein Schrei. Und wenn ich könnte, ich hätte meine Hände auf die Seiten der Wangen gelegt und Deine Hände dann vor meine Augen.

Ähnlich damals, da legtest Du mir meine Hände auf die eigenen Augen. Was sollte das wohl heißen. Sollte es was bedeuten? War es ein Zeichen, und war ich es, die das nicht deuten konnte?

-Und wenn ich könnte, ich hätte meine Hände auf die Seiten der Wangen gelegt und Deine Hände dann vor meine Augen.

Aber Du bist nicht da und meine Hände sind nicht frei.
Frei machen, frei machen, ablegen, abgeben. Auf den Tisch.

Boy, sag mal, damals, schreibe ich fast atemlos, als hätte ich was zu vergessen, damals hast Du mir wenige Stunden danach die Haare geschnitten, es war mein Wunsch und als ich meine Haare wusch, da sahen wir es, wie da plötzlich überall Blut war, und Du hast es einfach weg gewischt, so erinnere ich das, erinnere ich das richtig?

Ja, ich erinnere es genau so. Ich habe Dir einen Zopf gebunden und genau darüber abgeschnitten. Aber es warst nicht Du, die blutete. Vergiss nicht, dass es nicht Du warst, die blutete. Ich habe das trotzdem alles aufgewischt. Ich werde das nie vergessen.

Ok danke ich auch nicht.
Essen wir zusammen zu Mittag vllt?
Ich arbeite girl es tut mir leid.
Ach so.

Moment mal, da ist ja noch Suppe.
Moment mal, Suppe, sage ich so und nehme Dich in Deiner Schüssel in die Hände,
ich bin der Fluß, und Du bist das Floß ja. Ich bin der Fluß und Du bist das Floß ok.
Also bitte also wirklich come on.

Nicht künstlich sein. Kunst machen, Kunst sein. Mit meinen Händen, mit meinem Körper.
Mein Körper soll die Farben dieser Welt tragen & then I see my true colours. Finally & endgültig und finally. Nackt, wie ich bin, nicht metaphorisch, denn nach einem langen Tag ist alles zu viel, also ausziehen-ausziehen-ausziehen. Und wenn ich dann nackt und bunt auch bin so, lege ich mich auf den Boden und rudere mit den Armen und drehe meine Haare und forme Fäuste mit meinen Händen. Alles dann voll farbig und Hand-, Mund- und Brustabdrücke, alles nur von mir auf diesem Boden.
PVC.
Ich traue mich das nicht.

Ich muss mir Möglichkeiten schaffen.
Ich muss mir neue Räume schaffen.
Wer hat einen Kunstraum für mich.
Ich bleib hier liegen. Egal, was passiert oder wer was sagt. Ich bleib hier liegen.

Du bist edel, sagst Du.
Auch die Wünsche, die Du hast. Edel.
Ich habe Angst, sage ich.
Du bist edel, sagst Du.
So von innen heraus.
Ich habe Angst, sagst Du.

Dieses Gespräch und eine letzte Idee ausgetauscht, aber das ist nicht zu verstehen als ein Fazit weil wir keinen Schlussstrich unter unsere Thesen ziehen.

Die Idee: „Tja, so schnell geht’s von einem wilden, lauten und übermütigen ‘Wir haben doch nichts zu verlieren’ zu einem leisen und zurückhaltenden ‘Vorsicht, Mensch, Vorsicht’“. Ich habe das gesagt und Du hast zugestimmt, beide Male, und es sogar selbst verwendet und mit immer neuen Kontexten versehen. Auch ich mache das, aber meine Idee, während ich hier sitze: So schnell geht’s von ‘Nichts zu verlieren’ zu ‘Wir haben verloren, wir haben verloren. Was ist, wenn wir verloren haben. Was ist, wenn nicht?’. Meine Idee ist das also während ich hier sitze und mir den Kopf halte, während ich allein mit ihr bin, mit der Idee, und das ist meist nicht gut, denn das Alte gewinnt, nicht das Wilde, die Idee, sie kriegt Kinder oder baut sich einen Strick daraus und ich kann es nicht mehr vom Kessel nehmen.

Ein Ergebnis, welches für Minuten gilt: Ich denke mal, das wars. Ich denke mal, das, was wir sind, sind wir nicht mehr. Das habe ich in der Nacht vor Tag 0 gedacht. Im fiebrigen Halbschlaf. Immer der zitternde Wimpernkranz.

Und gerade jetzt, als wir dann sprechen und uns schnell atmend fragen: sollen wir doch nochmal, nur auf ein schnelles Glas Tee, zwischen gepackten Koffern und Arbeit, Arbeit, Arbeit? Macht es all das nicht schlimmer. Weil wer weiß, welches Bild wir dann mit uns nehmen, wir Verstörten, wenn wir verreisen. Und ich liege doch hier schon so, so nackt und so erschöpft, dass ich nicht mal mehr Unterwäsche tragen kann, aber das sage ich Dir nicht. Nein, entscheiden wir irgendwie gemeinsam, lassen wir es besser sein. Und kurz bevor die Wochen beginnen, Tag 0, möchte ich heulen vor Verzweiflung. Warum eigentlich? Vor Verzweiflung, ja ja, schon klar, aber warum denn eigentlich? Schau doch, girl, nichts ist, wie Du es denkst. Ja und? meint Ich, Ich heult jetzt, beschließt Ich – ich heule jetzt, beschließt wer? aber dann – dann bringst Du mich mit Deiner Maßlosigkeit so zum laut lachen, dass ich das schon wieder vergaß und erst heulte, als wir auflegten und uns kurz zuvor auf ein großes Wiedersehen für danach einigten. – Ich bin nicht wie meine Mutter. Und wer weiß, ob wir das durchhalten. Wer weiß, ob wir uns festhalten. Wer weiß, ob ich das festhalte, wer weiß, ob ich mich vor lauter Angst und Schmerz nicht frei schwimme. Ich bin gut darin, mich frei zu schwimmen.

Es gab Zeiten, da lief ich durch Räume, und dann roch es nach Feuer. Und als ich meine Hände wusch, dann stieg aus mir heraus Rauch auf und es roch nach Feuer. Fielen mir die Haare über das Gesicht – es roch nach Feuer dabei. „Mensch, wonach riechst Du denn?“ wurde ich zu dieser Zeit, sie ist nicht so lang her, immer wieder gefragt, immer fordernd, so tendenziell mit skeptischem Blick, weil so wie ich, so roch keine, und so wie ich damals roch, so roch ich auch noch nie zuvor, Menschen erkannten mich nicht mehr. Aber ich antwortete genau darauf dann immer mit besonders viel pride: „Ich?“, fragte ich, „Ich rieche nach Feuer!“
Jemand, der Du immer noch bist, hat stets Zündstoff dabei, und manchmal Feuer für sich und mich gemacht, immer mal wieder. Neben einer Skateranlage, auf einem Balkon, an einem Fluss, und ich habe es lange Zeit mit nach Haus genommen, obwohl man das eigentlich nicht darf, aber es war so schön und danach dann war alles erleuchtet.

Das Feuer hatte mich gesucht,
nicht ich das Feuer.

Feuerwehr 112. Hallo hilfe ich bins. Feuer, deswegen rufe ich an. Hi.

Und da sagen sie es schon, nun, da draußen und drinnen diese Trockenheit herrscht und selbst die tapfersten Geschöpfe gezwungen sind loszulassen:
Das hätten Sie doch vorher wissen müssen. Es hätte Ihnen doch klar sein müssen!

Ja vielleicht, aber was ist ein Leben ohne Risiko?

Ein Waldbrand!, ein Waldbrand kann entstehen!, das rufen sie, weil sie sind grade so glücklich, überhaupt etwas sagen zu können: Menschen.

Das Feuer, es könnte einen Waldbrand auslösen, so tönt es aus allen Lautsprechern, weißt Du das denn nicht. Mach es aus jetzt, mach es aus, jeder sagt es Dir. Ich halte mir die Handflächen an den Kopf, schon wieder, aber Fehler, schon wieder, weil diese Warnungen die kommen auch von innen. Es hilft also nicht, das mit den Händen. Mach es aus, es ist doch so einfach.

Mich macht alles traurig, schreibe ich. Someone please call 911. Das tut mir so leid, schreibst Du.

„Sie haben eben einen unsicheren Bindungsstil“, sagt meine Therapeutin und will mich wohl beruhigen. „Was denn schwierig, Beziehungen eingehen oder halten?“ fragt mein Therapeut und will mich wohl provozieren. Ich komme darauf, weil er mich so ansah und lächelte dabei. Oder war ich es, die zuerst lächelte? Ich komme darauf, weil er fragte Warum lachen sie denn so und ich sagte Weil ich immer schon die komischsten Dinge witzig fand.

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Entschuldung, hallo, darf ich, darf ich vielleicht da sitzen? Ich zeige mit dem Finger auf einen Sitz, auf dem ein Rucksack liegt und die Männer verstummen und ich nutze diese Lücke, diese entsetzliche Lücke: „Ich muss unbedingt nach draußen sehen und diese Scheibe”, ich zeige auf ein ergrautes Stück Grau, “die ist beschlagen, aber das war nicht ich, das war vorher schon so“, sage ich erklärend. „Oh, ja klar“, so einer der beiden Männer, als er sich wieder fand. Und der Andere hebt seine Tasche ebenfalls und sagt: „Möchten Sie in Fahrtrichtung oder eher anders sitzen?“ Ich zeige mit dem Finger noch immer auf die gleiche Stelle und glaube, nicht ernst genommen zu werden und sage: “Da möchte ich gerne sitzen.” Sehe ich etwa aus wie eine Frau die nicht weiß was sie will oder was.

„Setzen Sie sich“, sagen beide Männer gleichzeitig. Männer haben laute Stimmen. Ich setze mich. Das ist so nett, danke, sage ich und denke: Entspann Dich mal Frau Du bist auch nett.

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Heute Morgen noch, als ich aufwachte, und kurze Zeit später das Handtuch über die Heizung legte, dachte ich es das erste Mal in diesem Jahr. Ich habe Sehnsucht nach einem Wetter, welches nach Heizung verlangt. Und dann das Auffälligste: Ich bewege mich zu wenig. Ich bin steif geworden. Vor Angst, mich falsch zu bewegen, was heißen würde, von Dir weg, spanne ich alles an und die Schultern sind schmal und angespannt und ich kenne mich, demnach weiß ich, was das heißt.

Diese zwei Wochen, beschließe ich, die lebe ich nun nur für mich. Ich gehe in der Nacht spazieren, ich koche eine große Schüssel Nudelsalat, nur für mich. Ich werde auf meinem Bett sitzen und staunen. Ich höre auf, Obst für zwei zu kaufen. Wieso verlerne ich so schnell für mich allein zu sorgen und stattdessen immer für den anderen mit, sobald jemand mit mir ist und falls es dafür einen Grund gibt, ist das ein guter?

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Ich bin ein Mensch, dem entgegengekommen werden sollte.

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Eine kurze Geschichte von einem Mädchen, mehreren Frauen und vielen Tauben

Ein großer Platz. Tauben, viele. Menschen, viele.
Ein Mädchen, eine Freundin, Kinder und Erzählerin. Das Mädchen wird begleitet von einer Gang.
Mädchen und Gang treten nach Tieren.
Erzählerin: Hey girl. Mach das mal besser nicht so. Denke mal, das tut den Tauben weh und Dir eigentlich auch, ok?
Mädchen: Ok.
Frau 1: Ja richtig! Wie fühlst Du dich denn, wenn jemand nach Dir tritt, hm? Wie fühlst Du dich dann? Soll mal jemand nach Dir treten? //

Frau 1 geht weiter, bevor Mädchen hätte antworten können:
Nein, nach mir soll auch keiner treten. (for example)
Erzählerin: Hör mal Kind, es ist nicht schlimm, dass Du das getan hast, nur vllt. für später mal einfach anders, ok? Also alles gut. Bis bald.

Eine Freundin, Kinder und Erzählerin:
Sonne, Pommes, keine Angst und Zufriedenheit. Alle und keiner von uns. 1,1,2,1.
Da kommt das Mädchen mit der Gang und in seinen Händen hält es Brot. Wie es lacht, das Kind, und dabei Tauben füttert. Die Tauben-Traube wird immer größer und alle lachen und fast alle halten sich die Hände vor die Münder, so war es doch. Oder?

Alle lachen, bis Frau 2 kommt, sich nur wenig zu dem Kind beugt und mit strenger Stimme sagt:
Hey Du da! Tauben darf man nicht füttern. Weißt Du das denn nicht.

Ende.

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Erwachsene Menschen sind die allerschlimmsten Menschen, die es gibt. Stellt Euch mal vor, es gäbe eine Welt nur mit Kindern und Tauben, und das Ergebnis wäre Frieden und Tauben aber ich meine nicht Friedenstauben.

Ende.

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Ein Tag, wie er war und wie er endete

Wir Menschen, wir Menschen, was sind wir nur für Menschen? Ich kann gar nicht beschreiben, was wir für Menschen sind. Wie wir uns töten und zum Schweigen bringen, schaden und zu selten nur noch die richtigen Fragen stellen, passende Antworten geben. Zeit und Raum finden und Sein lassen. Was ist passiert. Menschen sind die schlechteren Tiere.

Vielleicht so.

Manchmal, jetzt, möchte ich mich übergeben vor Erschöpfung.

Was machst Du da. Was machst Du denn da.
Und: wann hört es endlich auf.
Beliebter: Reicht es nicht langsam?

-Als hätte ich mir die Gewalt, die mich einst fand, selbst ausgesucht.
-Als hätte ich mir die Gewalt, die ihr mir antatet, selbst zugefügt.

So stehen sie da, mit skeptischem Blick.
Hände irgendwie so in Hüftgegend gestemmt, eingeknickt auch.
Arme und Ambitionen. Alles eingeknickt, nichts fließt.
Kein Wunder, kein Wunder.
Wir verstehen nicht, sagen sie so, was machst Du da.
Eine ewige Wiederholung. Langweilt sie Euch nicht?
Irgendwann werde ich das umdrehen, vielleicht.
Ich verstehe nicht, werde ich dann so sagen, was macht ihr da.

Ich emanzipiere mich, das mache und sage ich dann auch. Meistens leise und milde lächelnd auch, weil ihr es ja sehr wahrscheinlich doch nicht versteht. Ich sage das dann, vllt. mit etwas in der einen Hand spielend, sinnlich ich, verlegen sometimes, nicht jetzt.
Das zu erklären, mich zu erklären, kostet Kraft, die ich für das Vollstrecken brauche, restlos.
Ich weiß, bei Euch funktioniert das meist andersrum aber deswegen bin das hier ja auch ich und das da, das seid ihr. Oder so. Von den Narrativen emanzipiert erziehe ich mich, so, als wäre ich mein eigenes Kind, sage ich.

Nicht verstanden, ihr, die fragtet, oder.
Seltsam. Grade ihr, denen ich doch alles erklärte, versteht nicht. Vllt. aber auch logisch, weil, ja.

Ich erkläre mich nicht mehr.
Ich habe mich damit abgefunden könnt ihr das auch tun bitte danke.

Ich erkläre mich nicht mehr. Ich werde verstanden stattdessen.

Ständig irgendwas irgendwohin tragen. Immer nur tragen. Ich bin eine Tragende.

Plötzlich, plötzlich sind sie da.
So viele Kinder. Woher kommen sie. Bin ich denn dafür schon bereit, ängstlich, skeptisch, diesmal ich, einerseits. Ja, sagen die Erzeuger, sie sind sich sicher damit, denn es sind auch ihre Kinder, unsere Kinder.

-Erhol dich, sagst Du.

Derweil stumm im Wochenbett liegend: ich.

Ich kann Beziehungen mitgestalten.
Ein Satz und eine Möglichkeit, Dinge, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren.

Ich weiß nicht, woran soll ich mich erinnern.
Ich weiß nicht, woran kann ich mich erinnern.
Ich weiß nicht, woran will ich mich erinnern.

Manchmal fällt es mir schwer, raus zu gehen. Es ist mir noch peinlich, wie Menschen auf mich reagieren. So, als wären sie ständig erstaunt von mir. So extrem manchmal meine ich. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich selbst so viel weniger extrem geworden bin. So viel leichter und leiser, so viel selbstverständlicher. Einfach da jetzt.
Und dass die Menschen, viele Menschen, auch immer Fragen zu einem haben, deren Antworten ie nichts angehen, mitten auf der Straße, dem Flur, dem Campus stehend.

“War nichts Wichtiges. Habe gerade Pause und wollte mich nur melden und Dir nette Sachen sagen.
Deine Nachrichten klingen, als ob Du das gebrauchen könntest.“

Das Bett und ich und der Vorhang, der Vorhang, romantisch, wie er sich bewegt und mit jedem Windstoß zur Seite gleitet. Ich möchte ihn anfassen, denke ich, und schon schlage ich die Decke zur Seite und stehe, aber das Spiel, das Windspiel, dann wäre es vorbei. Vielleicht verstehen das viele Menschen nicht, behaupte ich, und meine damit nicht, dass ich es verstanden hätte. Man kann nicht einfach alles so anfassen. Beherrschen wollen. Außer sich selbst vielleicht. Aber das ist doch auch kein Leben. Dennoch stelle ich mich dahin, beherrsche mich und meine Materie für kurze Zeit, ansehen, eine Schale Müsli dazu wäre nicht schlecht, zusehen halt, ein Schleier umspielt mich. Augen zu. Man braucht keine Angst haben.

Stunden später, wieder und immer noch: liegend.

Ein Hemd über dem Türrahmen. Wie wäre es wohl, wenn das Dir gehörte?

progress, not perfection: Lena Dunham

Ständig irgendwas irgendwohin tragen. Immer nur tragen. Ich bin eine Tragende.
Ich bin eine tragende Komödie. Ich bin eine Tragödie.

Ich möchte jetzt ein Kleid anziehen und mich mit nackten Füßen auf die Straße stellen.
Es soll regnen, regnen, down on me. Und dann balle ich die Fäuste und schreie.

Aber dieses Kleid, das besitze ich nicht mehr und da draußen, da ist Trockenzeit. Ich brauche einen Monsun. Was mache ich nur.

Ich möchte frisch gepressten Granatapfelsaft. Wer presst mir einen Granatapfel, wenn ich es nicht selbst mache.
So liege ich da und warte. Schwach, weil was habe ich heute zu mir genommen.

Der Nachbar singt iranische Lieder. Vor Menschen, die singen, braucht man keine Angst haben, oder so, vielleicht sollte ich den Nachbar fragen. Knock knock knockin on neighbours door. Hi äh. Hi. Also. Hast Du, hast Du vllt. zufällig einen Granatapfel, momentan ist Saison, deswegen frag ich, falls ja, würdest Du, könntest Du, also wenn man ihn durchschneidet, den Granatapfel, in der Mitte, und in die Hand nimmt, dafür braucht man jedoch große Hände, zeig mal Deine erstmal – oh. Hm nee, reichen nicht aus denke ich, nachher gibt das noch eine riesige Sauerei und kostet nur Kraft und übrig bleibt keine Energie und ach. Egal. Ok ciao.

Mir doch egal was die Nachbarn hier denken.

Ich habe angefangen zu bluten jetzt auch. Vllt sollte ich mein eigenes Wasser trinken.
Wieder dahin zurückgehen, mich selbst zu nähren, doch genau das ist der Fehler in einem System, denke ich.
Man war schon immer zu zweit, man war noch nie allein, von der Empfängnis zum Sterbebett.
Immer ist man mindestens zu zweit. Man ist ein Gemisch. Wann habe ich angefangen, etwas anderes zu glauben.

Es soll Nacht mit Dir an einem See sein und ich möchte mich ausziehen, denn es soll eine Mutprobe sein.
Aber nicht mutig, weil ausziehen, sondern mutig, weil in einen See hinein gehen.
Und das ausziehen, das gehört dazu, wenn man sich der Angst stellt. Alles legt man ab, man geht ohne Ausrüstung.
Weil Ängste sind nur eine Illusion und man bekämpft keine Illusionen, jeder Schlag geht ins Nichts, das kostet Kraft, so werden wir also mit Nichts in diesem See sein und der Mond ist vielleicht auch da, wie letztes Mal, und langsam, langsam,
so wie Kreise, die aus unseren Bewegungen heraus am Ufer ihr Ende finden, so langsam, so langsam,
verliert auch die Angst ihr Interesse an mir.

Es gibt so viel, was du noch nicht über mich weißt. Es gibt so viele Tränen, die noch nicht in unsere Hände fielen.

Es ist ein Ankommen auf Zeit
Zeit ist ein dehnbarer Begriff.

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Vor vierzehn Tagen noch. Ausgebreitet wie die Hälfte einer geschälten Mandarine, alles muss raus, denke ich, alles alles muss raus, auf dem Rücken liegen, atmen. Die Schenkel weit geöffnet, weit auseinanderstehende Schenkel, wie ein Frosch so weit denke ich. Oder wie die Flügel eines Schmetterlings. Nur, dass dieser grad nicht fliegen, sondern nur noch fallen kann. Hände auf dem Bauch, Herz aus dem Hals heraus. Alle Gefühle entfesselt, ich schlucke und schwitze und heule auch. Dieses Mal, da war die Angst so schlimm, dass ich mich besser hinlegte auf eine Matratze dachte ich, weil wer weiß, how long can I still stand this und nicht, dass ich nachher noch auf den Kopf falle. Ich sorge mich ja um mich, weil ich mich eigentlich auch lieb hab so. Naja.

Also ich dann. Wie eine Ergebene. Ich denke an kalten Orangensaft, ein Glas nur, das würde vielleicht helfen. Die Farbe. Und ich bin mutig, so mutig, das denke ich auch, während ich so daliege und mich ergebe, fast auch übergebe, (wem?) und auch denke ich kurz mal lachend über den Übermut der Angst von wegen Über-Ich: Nimm doch was Du willst, das Wichtigste bekommst Du nicht. Denn wie Du weißt, ich habe das jetzt schon mehrmals gesagt und das heißt, dass ich es genau so meine, ich habe den Kampf eröffnet, deswegen nochmal rebellieren und Grenzen testen jetzt, schon klar, so ein letzter Akt der Verzweiflung. Und natürlich auch nochmal aufbegehren, weil ich mich nicht mehr aufhalten lasse von Dir, tust Du so groß, aber ich gehe trotzdem weiter. Du weißt, ich habe Recht und eines Tages wirst Du dich mit Deinen eigenen Waffen schlagen und wenn hier jemand Existenzberechtigung im Körper dieser Frau hat, heutzutage, dann bin das ich. Aber ok, bitte, you scared rebel you, do what you need to do. Ich ergebe mich derweil und spare mir die Kräfte. Ich kämpfe nicht mehr gegen Dich, ich kämpfe für mein Leben jetzt. Augen zu.

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-Hallo ich wollte fragen ob Du Lust hast, dass wir uns bald zusammen irgendwohin legen, auf eine Wiese zum Beispiel.
-Sehr gerne
-Kool.
-Bzgl. Hinlegen vllt. wenn nicht heute wann dann?
-Ja, Du hast Recht. Ok, ich komme.
-Also kool. Dann bis gleich.

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Bäume, Bäume. Diese Bäume, so habe ich sie noch nie gesehen. Ok, komm, lass uns hierhin legen und wie eigentlich immer erzählst Du mir dann eine Geschichte und oft lachst Du am Ende, weißt Du das? Vielleicht über die Ironie einer Sache oder ich weiß es nicht. Ich jedenfalls, ich sage oft nichts, weil so Geschichten, die finde ich iwie groß weil universell. Ja, Zeit denke ich mal. Weiter liegen, Kirschen essen.

Und irgendwann dann zeigst Du mir etwas, das Du kannst und ich bin so vergnügt dass ich mir die Hände vor den Mund halte und wäre ich weniger müde dann wäre ich sicher noch vergnügter gewesen. Wie amüsierend muss es sein, sich ein ganzes Leben lang zu amüsieren? Das habe ich mal in einem Theaterstück gehört.

Als Du dann so neben mir sitzt und auf einmal meine Hand nimmst und dazu auch noch meinen Arm und ich kurz zurück ziehe weil nicht dass Du mir was brichst, Du aber sanft fest hieltst und mich dehntest um mir zu zeigen, wie Du gern eingerenkt werden würdest, und ich mich fallen ließ, als Du das getan hast, und das fiel mir erst Tage später ein, obwohl irgendwas daran besonders war, hab ich irgendwas gefühlt, aber auch das erst Tage später. Seltsam.

Kurz noch challengen im Unterarmstütz, Du hast gewonnen.
Ok, lass mal gehen jetzt.
Ich bin müde, ich bin so müde, und kognitiv so überlastet,
dass ich Angst hab, zusammenzubrechen wenn ich jetzt aufstehe.

Guck mal, sagst Du, als wir aufgestanden und schon ein Stück gegangen sind, Du bist gar nicht zusammengebrochen. Ja, stimmt, hey!, kurz freue ich mich und dann sage ich; Erinner‘ mich nicht daran, denn sonst wird es doch noch passieren.

Hereinspaziert! steht da. Warum auch nicht. Ok dann. Komm einfach. Hereinspaziert! Warum auch nicht?

Dich in meiner Küche stehen sehen, mein Musikinstrument lehnt an Deinem, denke mal, das braucht es vorerst auch so.

  • Tauschen?

Und dann, kurz als Du gar nicht siehst was ich sehe und Du was liest, da stehst Du da, als hättest Du kurz geträumt von Wundern, die Du nicht verstehst, dabei bist Du doch eigentlich das Wunder in here.

Ich weiß gar nicht recht, denke ich – wohin mit Dir? In Armbeuge? Kopf? Herz? – In meine Mitte? Zwischen die Schenkel?
Aber dann, wenn ich Dich so beobachte, denke ich auch: Eigentlich bist Du ein Mann, von dem man niemals zu träumen wagen könnte. Hab ich aber trotzdem schon gemacht.

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Mir ist, als wäre mir schlecht vor Liebe, schlecht vor Angst, schlecht vor allem, was mir entgleiten könnte. Als hielte das innere Kind fest, was doch die erwachsene Frau schon längst begriffen und losgelassen hat. Hallo hallo, you dont need this anymore.

Aha ja ja so so.
Na gut, dann weitermachen mit Leben, weil is schön iwie auch.

Im Leben beeindruckende Frauen treffen, immer wieder. Beeindruckende Frauen treffen, die erfolgreich sind und dennoch, mit einer Hand an ihrem Ring der anderen Hand drehend, mit sich und dem Leben hadern und immer und immer wieder einen Schluck Wasser trinken. Ja, so wird sie vielleicht aussehen, eine Art der Zukunft.

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Ich sehe das schon in Deinem Blick, er ist ehrlich, auch das sehe ich, aber hey, möchte ich sagen, es sind über zehn Jahre vergangen seither und es war ja auch nur ein Treffen glaube ich. „Mehr“, sagst Du so, als hättest Du gezählt, die Jahre meine ich. „Ich habe ein Foto gefunden, als Du damals…“ „Ja, ja, ich weiß, aber ich war jung, tut mir leid, ich war jung.“ Ok dann – sage ich und nehme die Hand des Patenkindes, wir müssen jetzt echt los, wir müssen zu einem Spielplatz jetzt, es war ihr ausdrücklicher Wunsch, ciao dann.

Du wirst es wohl nicht gewusst haben, aber während ich mit Dir sprach, hätte doch der Mann, dessen Sein ich derzeit einerseits verstehe und auch nicht verstehe, weil was habe ich damit zu tun und andererseits bedenke und begehre, das habe ich damit zu tun, direkt aus mir heraus kommen müssen. Ich bin besetzt von etwas, werde geliebt und gewertschätzt grade für das, was ich bin fühle ich. Siehst Du das echt nicht? Also ich schon, deswegen frag ich. Weiß ich ja auch generell grad nicht, wie die Anderen mich sehen. Und Du hast es wohl echt nicht bemerkt,
bemerkenswert.
Wie konntest Du nicht wissen, dass ich derzeit mit einem anderen Mann Tee trinke, so, wie man ihn in Palästina trinkt? Oder auch so, wie man ihn aus dem Ayurvedischen kennt, wenn nichts anderes mehr hilft. Je nachdem. Ich versteh das nicht. Wie konntest Du nicht wissen, dass da derzeit auch nichts heran kommen kann, dass ich derzeit unantastbar bin? Ich meine: hello from the other side.

Denn später, später, als hättest Du auf mich gewartet, klopfst Du an eine Scheibe, hinter der ich sitze, und sprichst schon mit einer aufgeregten, aber doch erwachsenen Stimme: „Entschuldige, entschuldige, ich wollte Dich nicht erschrecken. Ich wollte, ich wollte nur fragen, ob… ob vielleicht… ob Du Lust hättest, nächste Woche oder auch jetzt bald schon einen Kaffee oder ein Bier oder was Du willst also…“ Ich schüttle den Kopf, „Nein“, sage ich, „nein, tut mir leid.“ „Ok“, sagst Du, „ok, ich verstehe.“ Ok ciao.

Hoffentlich war ich dem Patenkind jetzt ein gutes Vorbild, denke ich, während wir fahren. „Bist Du angeschnallt?“ frage ich. Hoffentlich konnte ich ihr subtil, also ohne Vorschrift, weil sie soll selbst denken weil sie kann das, klar machen, dass man immer Nein sagen kann. Erziehung bringt ja nichts, Kinder machen einem eh alles nach. Erziehung bringt ja nichts, Kinder machen einem eh alles nach. Hoffentlich habe ich das jetzt richtig gemacht für sie. Hoffentlich. Naja.

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Manchmal möchte ich, dass mich jeder versteht.

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Wenige Tage später auf dem Weg zurück sein und auf diesem Weg zurück, wird mir klar, dass mit mir etwas passiert ist. Ich merke schon, wie ich die Dinge anders ansehe, wie ich plötzlich auch größer sehe. Mein Blick ist weiter, geht das? Wie alles plötzlich ein differenziertes Bild ergibt, als hätte es auch gleichzeitig nichts mehr mit der Frau zu tun, die ich zuvor war. Dinge fügen sich, es ist ein Bild, es hat mehr Farbe, es ist eine Performance, es hat mehr Flexibilität.

Von Dir zu kommen heißt in Frieden zu gehen schreibe ich in mein Notizbuch.
– Wer schreibt da?

Menschen gucken mich an.
So lang sie mich nicht erkennen, ist alles gut.
Ich möchte allein auf dieser Welt sein.
Vielleicht.
Christoph Schlingensief hat sich das auch mal gewünscht, damit er heulen und schreien kann.

Warum bin ich so confident, wenn ich allein bin?
Warum fühle ich mich so wohl, wenn ich mit mir allein bin?
Warum laufe ich dann so furchtlos?

Das Musikinstrument, welches Du ausgebessert hast, ich halte es noch ungeschickt in den Händen, genau so aber ist es vielleicht auch mit Dir. Vielleicht, man wird sehen, passt Du zu mir, und wenn es da etwas geben sollte, repariere ich das, aber noch halte ich Dich ungeschickt in meinen Händen.

Jedenfalls – das Instrument, es schläft seitdem auch mit mir in meinem Bett, es ist jetzt ein Teil von mir geworden, weil ich immer auch daran denke, es zu Ausflügen mitzunehmen, wenn ich welche mache und wie es wohl wäre, es dabei zu haben und wie, wenn nicht. Und wie es wohl wird, wenn ich es spielen kann. Falls überhaupt.

Aber Du denkst, ich kann das. Und ich weiß wirklich nicht, ob Du das sagst, um mich zu komplementieren oder um mir Sicherheit zu geben oder weil Du dir vielleicht auch so sehr wünschst, dass ich eine Frau mit musikalischem Talent bin, aber das bin ich nicht, ich glaube wirklich, das bin ich nicht.

Doch, ich denke schon, dass Du es kannst, sagst Du.
Vielleicht kann ich es dann irgendwann auch nur, weil Du es von Anfang an glaubtest, denke ich.

Ich kenne diesen Mechanismus. So funktionierte mein ganzes Leben. Was habe ich nicht alles schon einfach gekonnt, weil ich glaubte, dass ich es kann? Mich selbst genährt, gehalten, erzogen. Was habe ich nicht schon alles einfach getan? Frag mich lieber, was ich alles noch nicht getan habe. Aber anders herum, so herum, habe ich das seltener kennengelernt. Das wäre bestimmt auch zu schön gewesen.

So schlendere ich also nach Hause, Friede ist mit mir, das erste Mal seit langem fühle ich mich sehr sicher und ich bitte darum, möge ich all meinen personifizierte Ängsten begegnen, jetzt, denn ich kann das. Aber nichts passiert! Das darf eigentlich echt nicht wahr sein.

Ich setze mich dann noch auf die Holzbank einer Gaststätte. Wie oft bin ich früher hier gewesen?

„Bist Du Musikerin?“ fragst Du mich, wie immer mit interessiertem Blick.
Ich finde Dich lustig, weil Du kellnerst, und ausgerechnet Deine größte Schwäche ist das Vergessen. Es passierte schon so oft, dass ich etwas bei Dir bestellte, und Du nochmals raus kamst und mit einem verlegenen Kratzen hinter dem Ohr sagtest: „Eh…“
„Nein“, sage ich, „aber vielleicht irgendwann mal.

Ich bin zu winzigen Teilen ein Wunder an der Bar. Wunderbar und wandelbar.

Wie sehr wünsche ich mir, dass Du mich mal so sehen könntest, wie ich bin, wenn ich mit mir bin. Wenn ich mir einfach sicher bin. Wenn die Nähe mich nicht vermeintlich angreifbar macht. Vermeintlich vermeintlich, bald hab ich’s.

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SMS-Verlauf 1

20:12: „Hiiii… Deine Freundin hält morgen einen Vortrag zum Thema Institutioneller Rassismus glaubst Du sie schafft das? Deine Freundin datet seit zwei Wochen den gleichen Mann, glaubst Du, das wird was? Deine Freundin ist morgen Abend in Deiner Nähe, glaubst Du, da passt was?“
23:12: „Nina hab das grad erst gelesen aber bin noch wach und habe Muffins im Ofen also könntest kommen“
07:00: „Meine heute“
14:34: „Ja geht auch“

SMS-Verlauf 2

„Hi. Findest Du, ich bin leicht zu lieben? Wenn man mich neu kennenlernt?“
„Ich denke, ganz am Anfang ja, mit viel Begeisterung usw., dann könnte ich mir vorstellen, dass eine Phase mit Hürden und sich finden kommt, und wenn man es in Phase 3 schafft, glaube ich mit sehr viel Tiefe und Kraft.“
„Kool danke.“

SMS-Verlauf 3

„Du hast vorgestern, als wir so da saßen, iwie meine Hand und meine Finger genommen, und dann hab ich glaube ich kurz weg gezogen, Reflex vllt, und Du hast dann Arm genommen und kurz gehalten und gestreckt so, um zu zeigen wie für Dich wenn einrenken. Und seltsam. Ich habe mich erst gestern Abend daran erinnert, obwohl irgendwas daran besonders war. Ich hab das nicht geträumt denke ich.“

Ein Anruf! Ein Anruf! Bist Du es? Ja Du bist es! Du bist es!

Du sagtest was von elektrischer Schock oder so
Ja
Ja ich hab das auch gefühlt
Ehrlich?
Ja klar.

Ich versteh halt nicht so viel von sowas bzw. eher so verstörend wenn jemand fühlt wie ich weil eher selten so deswegen sorry.

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Imagine there‘s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky

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Bike, Zug, Fuß, Zug, Bike. Stadt 1, Stadt 2, Stadt 1. Beeilung damit ich Dich noch telefonisch erwische weil ich eine Antwort von Dir brauche: Würdest Du auch so fühlen wie ich?

Dann wieder Bike, dann wieder Arbeit, dann vertan, weil doch kein Firmenwagen, oh nein, ok, egal, I manage anyhow. Bike, schwitzen, Vorfahrt nehmen. Sorry Leude, aber es ist unser erster Termin allein und ich möchte nicht zu spät kommen.

Schwitzender dann im eigenen Auto sitzen, der Kopf voll mit Was meinen wir nur, wer wir sind? Und wenn Du jetzt darauf antwortest, dann breche ich zusammen, das sehe ich ein, und zu meiner eigenen Seenotrettung schalte ich den Flugmodus an. So. Und dann bin ich schon bei Ihnen, es ist nur eine Minute, die ich zu spät bin, also eigentlich bin ich gar nicht zu spät möchte ich damit sagen. „Wollen Sie einen Kaffee“, fragen Sie. “Darf ich aufrauchen”, fragen Sie. Natürlich, sage ich, wer bin ich denn, Ihnen eine Zigarette zu verweigern. Und dann: gemeinsam Gedanken sortieren, Schulden begleichen und als Letztes noch Lebensmittel einkaufen.

Und während ich so da stehe, zwischen Regalen, Sie ließen mich zu lang außerhalb der Hilfestellung, weil Sie das allein machen wollten, kann ich nicht widerstehen, ich beende den Schwebezustand mit nur einem Klick und aus den Wolken heraus fallen sie in meine Hände, es sind kleine Luftballons, die nach einer langen erschöpften Reise, it’s such a question of perception, endlich in meine, meine Hände fallen, ich kann sie gar nicht zählen, so viele sind es. Alle schmiegen sie sich an mich und ich beginne zu lesen und doch nicht, denn ich bin nicht allein, ich bin nicht allein hier, erinnere ich mich, als ich mit trommelndem ❤️ in einem Supermarkt stehe und es geht jetzt nicht um mich und dann sehe ich Sie an, wie Sie das Leben ansehen, und es doch nicht verstehen, ich verstehe Sie.

„Geben Sie mir einfach die Tasche, ich trage das“, bestimme ich und lege die Hand mit den Luftballons beiseite. “Ich mach das schon, entspannen Sie sich, wir haben Zeit.”
Danke, sagen Sie, ohne Sie hätte ich das jetzt nicht geschafft.

Einsteigen, aussteigen, rein kommen, ankommen. Katzen begrüßen uns, wie viele sind es.

„Wir frühstücken jetzt erstmal“, bestimmen diesmalig Sie. Wer hat wem das Bestimmen abgesehen? Als ob Sie es wüssten, dass Essen bei mir gerade nicht so, was möglicherweise an einem Medikament liegt, welches endlich zulässt, dass auch ich mich genau so wie ihr konzentrieren kann, nur eben nicht beim Essen, das eben eher nein und sollte ich das bei Gelegenheit ansprechen? Andererseits, I’ve never been a bitchiges, billiges, williges skinny girl und man sagt ja, man sollte alles im Leben mal ausprobieren und verwehre Dich keiner Transformation, demnach.

„Wir frühstücken jetzt erstmal“, sagen Sie nochmal, wie bitte? Habe ich vielleicht geträumt? Bin ich wirklich so blass? Aber ich kann tragen, tragen kann ich, tröste ich mich. Und weil es 16 Uhr ist, stimme ich dem Angebot zum Frühstücken zu, weil es zu meiner Verfassung passt, das Verspätete, das Verschlafene, das Verträumte auch. Und weil es schon so lang her ist, dass eine Mutter für mich den Tisch deckte, weil ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann, wie es ist, wenn eine Mutter den Tisch deckt, vielleicht deshalb lasse ich mich fallen und werde ich ganz ruhig und beobachtend. So, als dürfte ich von all Ihren Handlungen und Gesten und Gewohnheiten nichts verpassen. Sogar eine Serviette drücken Sie mir in die Hand, obwohl ich danach nicht gefragt hatte, aber einer Mutter widerspricht man nicht. Ihre Tochter möchte ich trotzdem nicht sein, denke ich und fast hätte ich es ausgesprochen, denn ich bin derzeit besonders sensibel, was Inbesitznahme betrifft und vielleicht auch, weil ich noch nie wirklich eine Tochter war. Ich weiß gar nicht richtig, wie das geht.

Geschmückt und gedeckt sagen Sie: „Ich bin ganz ruhig jetzt, danke.“

Und dann gibt es eingesperrtes, missbrauchtes, ängstliches, aufgehängtes, ausgeblutetes, also totes, Tier in Scheiben auf Brot für alle, also für Sie, nicht für mich. (“Essen Sie etwa kein Fleisch?” “Nein, eher nein” “Na gut, ok, ist ja nicht so schlimm” sagen Sie, und holen ein Glas Nutella aus dem Küchenschrank). Und dann erzählen Sie mir die Geschichten Ihres Lebens, einfach so, und eigentlich sind alle davon traurig. Nur die Letzte nicht, nämlich die, wie Sie es geschafft haben, allein zu leben. Wichtiger noch: allein zu sein. Und mit Sein meine ich Sein im eigentlichen Sinn.

„Naja, nun sprachen wir, als würden wir uns schon Jahre kennen, hm?“
Ja, so sprachen wir. Dann bis zum nächsten Mal. Alles Gute.
„Danke, dass Sie mit mir gegessen haben, allein ist es doch nicht so schön.”
Ja, ich sehe das genau so, sage ich und ziehe die Tür hinter mir zu.

Lustballons überall auf dem Weg.

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Noch einmal ist es gestern und da schlage ich mein linkes über das rechte Bein, ich berühre Sie dabei ausversehen und natürlich, natürlich entschuldige ich mich und noch während ich mich entschuldige, was Sie nicht zur Kenntnis nehmen, berühre ich Sie abermals. Sie schnalzen lauter mit der Zunge als beim ersten Mal und ich denke Nee, das lasse ich jetzt nicht unausgesprochen: Ich habe mich doch entschuldigt, sage ich, nicht angegriffen, sondern leise und fragend, weil ich nicht weiß, was stört Sie so. Fast flüstere ich meine Beobachtung.

Sie müssen mich ja trotzdem nicht treten, sagen Sie laut und klingen dabei nach Wut und ich antworte und ich glaube auch, ich lege den Kopf dabei ein wenig schief: Ich habe Sie nur berührt.

Und die Beine übereinander schlagen, das brauchen Sie auch nicht, wenn es doch eh schon eng ist!

Das wagen Sie mir zu sagen und dann denke ich: Diese Zeiten sind vorbei und ich schaue Sie gerade heraus an und sage: “Was ich mache oder was ich lasse, wenn es eh schon eng ist, das entscheide ich, wissen Sie.”
Sie schauen mich an und ich denke nicht, dass Sie verstanden haben.

Heute, als wäre das bereits wieder ein Test, komme ich da rein und eigentlich habe ich es wieder eilig, weil etwas auf mir lastet, ich will es los werden. Und da stehen Sie, dahinter, und da steht er, davor. Sie sind fast weiß und er ist fast rot und er brüllt so, wie es nur Männer können und ich stehe daneben und muss erst begreifen und sage dann,
fast so, als wäre ich verwundert: Nun schreien Sie doch nicht so.
Ob ich schreie oder nicht, das geht Sie überhaupt nichts an!
Ich werde diesen Drecksladen nicht verlassen, ohne dass Sie mir gefälligst gibt, was ich will!
Ironisch beeindruckt muss ich fast nicken und sage:
Es geht mich etwas an, denn ich bin Zeugin dessen deswegen.
Und manchmal glaube ich, man kommt mit Ruhe weiter als mit Lautstärke.
Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß, denn auch das geht Sie nichts an!
Sie täuschen sich, sage ich und füge hinzu: Ich möchte nur helfen, vielleicht kann ich helfen.
Scheren Sie sich was, mir können Sie nicht helfen! Und jetzt halten Sie sich gefälligst raus!
Sie meinte ich nicht, sage ich mit Blick auf ein Gesicht. „Kann ich Ihnen helfen?“ frage ich und die Addressatin antwortet: „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich sage ihm, dass ich nicht habe, was er will, und er versteht es nicht!“ Ich sehe den Mann an und er sieht mich an und brüllt nochmal und das geht an uns beide und ich lasse ausbrüllen und dann dreht er sich um und geht. Ich sehe die Frau an, die mich ansieht, blass, wie sie ist. Sie sagt: “Danke dass Sie sich für mich eingesetzt haben.“

Ich habe das gerne getan sage ich und ich denke an einen Satz des Mädchens, welchen ich drehe, bis ich habe, was ich meine, bis er meiner ist:

Wer gelernt hat, sich für sich selbst einzusetzen, kann sich auch für andere einsetzen. So vielleicht.

Dann gehe ich raus und sehe ihn an einer Ampel stehen und tatsächlich fährt er ein Fahrrad. Wie kann ein solcher Mann ein Fahrrad fahren, frage ich, denn Fahrradfahren braucht feeling. Ich verstehe das nicht.
Und mein Blick geht zu meinem Fahrrad, auch das steht angelehnt an einer warmen Hauswand. Kurz habe ich Sorge, dass er mir dieses, welches ich eben nicht abgeschlossen habe weil manchmal glaube ich an Gerechtigkeit, weg nehmen will, dass er es fahren wird, und dann bin ich es, die ohne es da steht. Was dann?

Frau, sage ich, Du gibst dir alle Antworten selbst, Du musst sie nur noch glauben.

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Es ist schon spät aber doch rufe ich Dich zurück, denn irgendwas lag in der Stimme und Du sagst: Weißt Du Nina, es kann sein, dass dieser Tod kein Natürlicher war, die Dinge, die Dinge, es gibt Dinge, die darauf hinweisen. Dinge. Nicht schon wieder, denke ich, nicht schon wieder. Ich halte meine Haare, ich lege alles auf die Stirn. Es gibt bereits genug Sterbefälle, die sich nicht natürlich ergaben, wie viele kann eine Familie noch ertragen?

Ich kann nicht mehr, sage ich, ich muss auflegen.
Ja gut, dann viel Erfolg. Danke, sage ich.

Wobei denn?

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Schlafen, schlafen, irgendwie.
Und dann aufstehen, Kilometer fahren, irgendwie.
Ein Schild das meint, hier könnte ich richtig sein, denn hierher gehen Frauen mit Angststörungen, Essstörungen, Depressionen und akuten sowie posttraumatischen Belastungsstörungen.

In dem Wartezimmer: Frauen.
Frauen, das sind Wir, die hier ihre Fragebögen ausfüllen. Bitte kreuzen Sie an: Ich gehe Problemen lieber auf den Grund, als sie nur zu beschreiben. Ja oder nee / Ich finde es schwierig zu beschreiben, was ich für andere Menschen empfinde. Ja oder nee / Durch die Suche nach verborgenen Bedeutungen nimmt man sich das Vergnügen an Filmen oder Theaterstücken. Ja oder nee. Die Frau neben mir streicht überall Minus minus an, auch bei den Fragen, die von Gefühlen handeln, das wirkt auf mich sehr ernst. Ich kenne das, all das, möchte ich Euch zurufen. Auch ich zerbreche manchmal an den einfachsten Dingen. Zudem bin ich manchmal sehr müde, ängstlich, gestresst, überfordert: Wieso ich?

Alle Frauen hier sind schön auf ihre Art. Und alle sind magisch, wenn sie lächeln. „Ich habe halt nichts anderes mehr getan außer gegessen“, sagt eine Frau zu uns. Die Anderen nicken verständnisvoll. „Aber jetzt ist damit Schluss“, sagt sie, und sie sieht dabei so aus, als würde sie das auch so meinen. Frauen, das sind wir, die ihre Aggressionen tendenziell und im Gegensatz zu Männern verstärkt nach innen und gegen sich selbst richten. Deswegen die Psychiatrien auch tendenziell mehr mit Frauen als mit Männern und die Gefängnisse naja.

Und dann bin ich dran, endlich bin ich dran und ich versuche so gut es geht meine ganze Geschichte in eine Stunde zu packen. Und immer noch, selbst heute, als gestandene Frau, überrascht es mich, wenn mein Gegenüber versteht, was ich sage, Fragen stellt, aber nicht infrage stellt, nicht mich, und auch nicht meine Gefühle dazu, meine Empfindungen, all die Schäden und Narben, die ich seit der Geburt, die natürlich auch schwierig war und mich bereits fast umgebracht hätte, mit mir herumtrage, als logische Schlussfolgerung und nicht als Selbstzerstörung ansieht. Endlich. „Ja, das verstehe ich“ und ein mitfühlender Blick und mal ein Lächeln, alles zum richtigen Zeitpunkt. Es ist für mich wie ein achtes Weltwunder, wenn so etwas geschieht. „Danke“, sage ich, „ich fand sie sehr angenehm.“

Später abends klopft es an die Tür, da bist Du. Endlich bist Du da.
Dir öffne ich die Tür, ich falle in Deine Arme und Du in meine und sage leise: Was sind wir nur für Frauen?

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Deine Hände und die Wärme und die Flüssigkeit auch und wie immer bewundere ich Dich, wie Du als so viel kleinere und zierlichere Frau mit so viel Kraft und Selbstverständlichkeit auf einer Frau wie mir klettern, auf mir stehen und sogar balancieren kannst. Auf einem schiefen Geschöpf wie mir verstehst Du, Gleichgewicht zu halten. Sag mir, wie machst Du das? Deine Antwort ist das Biegen, Drehen und Ziehen an Armen, Beinen, Fingern und Köpfen, immer wieder. Aber nichts renkt sich ein, verweigert sich da was? Ist das mein Fehler, habe ich einen Fehler?, frage ich.
Fester, sage ich, bitte fester.
Locker, sagst Du, locker.

36

Später abends dann das Telefonat mit Dir als derzeitiger. Und so beginnst Du ein Mantra für mich zu singen und das Mantra macht mich stumm, obwohl ich Dir noch ein Gedicht vorlesen wollte, eigentlich hatte ich mir das vorgenommen. Sowas habe ich noch nie erlebt. Danke, sage ich am Ende. Bitte, sagst du am Ende und dann: dieses Mantra, wenn Du willst, kannst Du es nachsprechen. Es ist ein Mantra gegen Angst und ein Mantra von einer Frau, die sagt, dass sie immer da sei, wenn die Angst käme. Dass sie komme und die Angst mitnähme. So ähnlich irgendwie und ich sage: Danke, aber ich kann mir so schlecht Dinge merken.

Was ist wenn das was ich bin dir nicht gefällt, ich stelle mir diese Frage nur noch sehr, sehr selten.
Denn die Situation ist so klar: Sollte einer von uns dem Anderen nicht gefallen, so hat einer von uns den Anderen nicht erkannt. Mindestens. Es ist wirklich so einfach und deshalb so tragisch.

37

Es ist ein weiterer Tag und es sind nackte Füße, leise Strömungen, ein warmer Sturm und ein Musikinstrument, Fragen, Antworten, Schweigen. Und meine zarte und zerbrechliche Gelassenheit, nur innerhalb dieses Kontextes, sie wandert neben Dir mit. Denn eigentlich bin ich so, gelassen. Und manchmal passiert es, dass ich Dich als die Frau, die ich wirklich bin, von der Seite ansehe. Und als ich Dich so ansehe, sind es nur wenige Sekunden, in denen ich denke: Genau jetzt wäre ich bereit, von Dir angesehen zu werden. Es läge darin keine Scham mehr, keine Unsicherheit, keine Angst. Es sind nur wenige Sekunden und das konntest Du ja auch nicht wissen.

Ok dann, danke. Ja, danke auch.

Was auch immer daraus wird.
Ich werde in jedem Fall.

Am Ende ein Zug, eine Stange geeignet zum Anlehnen wie ich feststelle, eine Frau, die auf ihren Namen hört.
Wie viele Leben lebe ich eigentlich?

38

Reinhängen, Gegenlehnen. Ich möchte mich irgendwo reinhängen und gegenlehnen. Anlehnen vielleicht?
Auf etwas ausstrecken und dann soll sich jemand auf mich drauf legen, mit all seinem Gewicht, sodass ich keine Luft mehr kriege und so auch keine mehr anhalten kann, bis mir fast schwarz vor Augen wird und mein Instinkt mich erinnert.

Du musst atmen, weißt Du, auch wenn es ein Trauma war, Du musst weiter atmen und es dabei ausatmen. Loslassen, nicht festhalten.

Ich liebe das Leben in all seinen Momenten. Sogar in diesen.

Meine Pupillen, die sind so groß, wenn ich mit Menschen wie Dir zusammen bin,
sodass ich sogar bei Regenwetter Sonnenbrille trage, weil ich sonst fast erblinde. Das erzähle ich nicht Dir, aber Dir, weil ich weiß, Du hältst mich nicht für verrückt, was Du auch wie immer direkt unter Beweis stellst.

„Wenn Du sehr konzentrierst bist zum Beispiel ist das normal, dass sich Deine Pupillen weiten und wenn Du Stress hast oder auch Angst, aufgrund dieser Gefühle und der kognitiven Überlastung, noch mehr.“

Das kann doch nicht sein, sage ich versteckt hinter meiner Hand.

Das kann doch nicht sein, ich dachte, es ist nur der Atem und nur mein Herz,
nur der Verstand und nur mein Gesicht, nur der Blutdruck und nur meine Gedanken, die sich verändern.
Wie kann man mich denn so lieben und bin ich damit denn überhaupt gemeint?
Das Letzte konntest Du nicht gehört haben und

„Naja“, sagst Du, „die Augen gehören zu den sensibelsten Organen im Körper, Nina.“

Bisher dachte ich immer, es sei das Herz welches dazu gehöre and people should fall in love with their eyes closed. Alles verrät mich, alles verrät mich, ich kann mich nicht halten, nur verhalten, wenn ich bei Dir bin oder so tun wenigstens. Beides scheiße.

„Aber ich würde ihm gerne mal in die Augen sehen, ohne UV-Schutz.“
„Wirst Du auch, hab Geduld mit Dir“, sagst Du so, als wüsstest Du.
Und ich selbst kann mir das meistens gar nicht vorstellen. Es ist so unvorstellbar. Wie soll das jemals für mich möglich sein?

Aber das ist nur die eine Seite, welche Kunst in mir erzeugt. Andererseits weiß ich doch, wie viele Wunder habe ich mir schon selbst gezeigt?

39

Ich verstehe Dich nicht, ich verstehe sie nicht. Ich verstehe nicht, ob und eigentlich bin ich doch noch gar nicht da also bitte mach Deine Entscheidungen nicht abhängig von mir, gute Entscheidungen stehen für sich allein, gute Entscheidungen, sie bleiben bestehen, sie öffnen Türen, Fenster, Münder, Beine, Herzen.

Und nun ja, das ist jetzt unser erstes Mal. Wir wissen ja gar nichts voneinander. Wir müssen darüber nochmal sprechen, sprechen. Ja, müssen wir. Aber gerade, da bin ich in einem Zug.

Welche Richtung ist mein Satz daraufhin und irgendwas in mir weiß nicht warum, aber es bewegt sich und: Vielleicht in meine Richtung, vielleicht in meine Richtung.

40

Das, was hier passiert, sind kreative Gedankengeburten, bis alles an mir schwer und leicht wird. Full and empty all at once. Wer gebärt, der muss auch nähren, denke ich, und versuche es mit einer Tomatensuppe. Ich habe ein Gerät, ein teures Gerät, ich wollte es nicht haben, aber nun habe ich es. Es war noch die Zeit, als Andere darüber bestimmten, was ich zu haben wolle. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist eine Familiengeschichte und Familiengeschichten sind immer lang und Papier zwar geduldig aber so nicht jede Schreibende. Ich zwinge mich aber, denn ich bin nicht für Verschwendung, ausgerechnet habe ich, wenn ich das Gerät in etwa einmal via Monat nutze, so wird es sich in etwa 11,4 Jahren rentiert haben, all das Geld. So also heute und ich drehe an einem Regler und plötzlich geht alles hoch wie bei einem Vulkan sieht das aus sogar die Farben, rot und grau, alles weil ich den Deckel vergaß den Deckel, ich sage ja, Konzentration und Kreativität und alles an meiner Wand und es läuft runter und hinterlässt Spuren und ich stehe nur da und überlege: Ist da ein Muster? Ist das, kann das sein, ist das Kunst oder…

Die Antwort ist:
Dieses Gerät ist nur was für praktisch veranlagte Menschen und ich bin unpraktisch / emotional veranlagt.

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9 – 18

09

Frühdienst und leise leise durch den frühen Morgen fahren.
Fahrrad fahren.
Niemand atmet die Luft, die ich atme.
Ich bin einzigatmig.
In den Zug steigen. Sitzend Fahrrad ansehen.
Fahrrad einsam und angekettet in einem Zug stehen sehen. So fehlplatziert. Die Zeit zur Seite legen.
Melancholisch werden. Und plötzlich Einfall: Fahrrad, Du bist Metapher für mich. Denn genau so, wie Du da stehst, fühle ich mich manchmal auch. Einsam und angekettet und fehlplatziert.
Fahrrad, ich hab feelings for you.

10

Aussteigen und da sind sie. Männer mit dunkel grauen melierten Haaren und roten Hemden. Männer, die auf ihr Smartphone starren und den Kopf schütteln aufgrund von Fassungslosigkeit aufgrund von was frage ich mich aber nehme nur die Frage ohne Antwort mit. Frauen, die ihre jugendlichen Söhne an der Kapuze zurückhalten weil Zug fährt ein und Sorge Sorge Sorge. Ein ehemals großes Begehren personifiziert auf einer großen Straße treffen und nicht wissen, was zu sagen, also nur ein bisschen rote Wangen haben und schweigen und Luft anhalten auch. Kaffee to go in die eigentlich fremde Hand drücken, weil selbst das für diesen Moment zu schwer in der Eigenen geworden ist. Halt doch mal kurz bitte, damit ich Dich fassen und mich halten kann. Ein unendliches Lächeln dafür bekommen, weil es erinnert, an was nur? Eigentlich an nichts, denn alles nur im Kopf stattgefunden. Ansehen. Und jetzt? Ich habe noch einen halben Tag vor mir und einmal, einmal den Kaffee bitte, den hätt ich gern zurück. Jetzt. Danke.

11

Die Kontrolle über seinen body verlieren, sich selbst in die Mitte eines Raumes stellen und einmal einen ganzen Eimer Scheiße darüber auskippen. Schande, Schande, Schande. Scham, Scham, Scham. Hass, Hass, Hass. Irgendwo, unter all dem, bin ich. Bin ich doch, oder?

Nach fünf Jahren Psychoanalyse ein neues Thema auf die Tagesordnung setzen.
„Ja, hi, ich würde gerne über Selbsthass reden.“
„Oh – oh -, ja, das ist, also ja, wirklich ein großes Thema.“
Dann: Können wir es nicht erstmal umbenennen in fehlende Selbstliebe? Das macht auch was im Kopf.
Und ich so ja ok meinetwegen.

– Ist das jetzt diese Psychoanalyse?

Während dieser fünf Jahre gab es immer wieder Phasen, in denen ich wusste, mir kann niemand mehr was erzählen. Schon gar nicht mehr über mich selbst. In so kleine Scheibchen habe ich mich selbst zer-legt und wieder ge-legt. In die richtige Position, in die meinige. Diese Phasen enden, wenn ich bereit bin alles zu glauben, was man(n) mir erzählt.

Endkonditionierung denke ich und atme mich in Ruhe. Endkonditionierung is the key.

Später, sortierter, ehrlicher gesagter. Immer ist es zu viel. Und immer denke ich, ich schaffe zu wenig.
Manchmal auch nichts, aber meistens eher zu wenig.
Das bin ich, in der Mitte auseinandergerissen, von nie genug, aber immer zu viel,
nackt und breitbeinig wie eine geschälte Mandarine, wenn ich sie schäle.
Ich denke an die Worte des Mädchens: Akzeptier das endlich, dass Du so bist!
Und dann denke ich daran, dass das Mädchen sagte: Das hat auch was mit einer besonderen Ebene der Intelligenz zu tun. Und dann denke ich daran, dass da letztlich jemand neben mir saß, der ganz unprätentiös sagte:
Ich glaube das auch.

Leben. Eigentlich voll anstrengend.
Leben. Eigentlich voll schön so.

12

Ich bin mit einem Mann in einem Supermarkt, weil ich spontan fragte: Musst Du vielleicht auch einkaufen? Ja, er musste. Und plötzlich, zwischen all den Regalen, fiel es mir ein, des Mädchens weiterer Rat an mich: Du musst es zulassen, sagte sie, mit Männern auch positive Erfahrungen zu machen. Lass Dich fallen, sagte sie. Here we are.

Ich weiß noch, wie ich damals mit dem Auto von einer Stadt in die nächste fuhr und mich kosmopolitisch fühlte.
Genau so ist das jetzt auch, nur anders.

13

Gewellte, lange Haare. Deine Haare, deine Haare, sagen die Anderen. Und eine sagt: wenn ich von Dir erzähle, dann erzähle ich Deine Haaren immer mit. Ich denke: Wenn ich mit mir ausgehe, dann nehme ich meine Ängste immer mit. Ich denke: mich endlich wieder raus trauen, endlich wieder unter Menschen sein. Endlich wieder selbst ein Mensch sein.
– So müsste das doch gehen, oder?

Geht so.
Also dann endlich mal wieder ein Mädchentreffen und ich mache mit.
Gleichberechtigung – eigentlich immer noch voll gescheitert. Und ich höre mich empören, dass das doch ein gesellschaftliches Problem ist. Und dann stehe ich wieder da.
Nämlich als eine von uns sagt: „Ok, formulier doch mal die Frage zu diesem Problem!“

Wie mein Thema, meinen Kosmos, mein Universum, in eine Frage packen? Hallo hallo, das ist eine von möglichen Metaphern meines Lebens, metastasiert. Denn ich kann nicht. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr implodiert meine Farbwolke, bildet dennoch Ableger, die letztlich explodieren, verschwimmen, zu Staub verfallen. Alles Kolorit, Staub, Husten, Husten. So ist das in meinem Kopf. Und dann soll ich – was? Hat hier grad jemand was gesagt?

Später genau davon träumen, dass der verehrte Mann, der heimlich geliebte Mann, in meinem Traum, in meiner Utopie, der wie nach dem Aufwachen noch, aber auch noch zu wenig, da ist, mit an dem Tisch sitzt und dann eine Wiederholung: Ok, formulier doch mal eine Frage zu diesem Problem! und ich kann, kann, kann nicht, weil ich alles immer so groß und laut und bunt denke, sodass es letztlich nirgendwo mehr herein passt. Einfach und echt nirgendwo bitte glaubt mir das. Aber auch der in meinem Kopf Geliebte denkt das geht so nicht, denn er denkt anders als ich, es muss doch möglich sein, würde er vielleicht sagen, strukturiert zu denken, und ich bin empört, stehe auf, bin krank und ängstlich zugleich, alles sitzt tief und schwer und atmen ist auch nicht mehr so wie zuvor und es ist wie immer: nicht verstanden.
Ich gehe jetzt, ich gehe, das sage ich, ich verlasse Euch jetzt. Habt ihr wenigstens das verstanden?
Aller Weltschmerz in mir versammelt. Ich werde nicht verstanden. Ich werde nicht verstanden.

14

Ich wachte auf und plötzlich saßst Du da. Wieder: wie erklären? Meine Hände formen Schalen, damit sich endlich auch die Antworten setzen, sanft wie Regentropfen sich an meine Hände schmiegen, aber nichts geschieht, nichts geschieht und alles bleibt leer. Was soll ich tun, wo soll ich hin. Wie losgehen?

15

Ich habe zu viele Stifte. Vielleicht ist es das?
Würde mir bitte einmal jemand die Stifte wegnehmen, vielleicht dann.

Beuys hören. Kafka lesen. Danach geht’s meistens wieder ein bisschen.

16

Klingeln an der Tür.
“Können Sie ein Paket für Ihren Nachbar annehmen?”
“Ja, eh, sicher” (Sie erwischen mich im verwirrten Modus)
“Super. Name?”
“NH”
“Handynummer?”
… “Eh. Was?”
Lächeln. Lächeln: „Handynummer!“
… “Eh. Was?“

17

Mit Kaffeetasse auf den unteren Türrahmen setzen. Ein Bein innen und eins draußen, auch das wie immer.
Sehnsüchtig das Wetter erwarten, Sturm, Regen, Wind. Endlich.
Der Zorn muss raus, die Selbstzweifel auch.
Was ich empfinde ist zu groß für mein Herz und für meinen Kopf auch, es passt ja noch nichtmal auf meine Zunge, zum Schlucken, in meinen Mund auch nicht, obwohl ich genau für die Prägung eben dessen auch immer mal wieder Komplimente bekomme oder anderes – je nach Selbstbewusstsein und je nach Rolle, die ich nach Meinung der Anderen gerade habe. Aber ich bin so nicht. Egal, was wer sagt, ich bin so nicht. Put me on your „topics I know nothing about“-list.

18

Ich bin eine Frau auf einem bike.
Ich bin keine Frau ohne Ideen.
Wenn ich nicht alles auf einmal haben kann, dann nehme ich lieber nichts. So?

– Draußen: Regen. Jetzt. Endlich. Wind auch. Endlich endlich. Der Tag ist vorbei.
Ich bin es nicht. Guten Abend.

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1bis8

1

Man würde mich sicher wieder fragen, was es denn konkret sei, dass mich so bewege an Dir. Irgendwo las ich mal, wenn man auf (solche / weitere) Fragen keine Antworten wisse, dann sei da meist auch nicht so viel dran, also an der These, dem Gefühl oder der Erinnerung, demnach umso erfreulicher: Ich habe Antworten, viele davon.

Heute, als Du vor mir saßt, direkt vor mir, aus dieser Perspektive umrahmt von meinen Beinen, und ich gebe zu, ich verdrehte mich ein wenig, aber dabei heraus kam dieses unwiderstehlich schöne Bild, welches mich faszinierte und fassungslos machte in einem und welches Du leider nicht mit ansehen konntest weil Du warst ja Protagonist und das Bild plötzlich bewegt und damit real und mehr noch eine Tragödie, aber das war nicht so schlimm, denn in meinem Schoß, da waren wir eins und das war die Hauptsache und ich dachte da gar nichts, ich fragte mich nur atemlos

was –

was –

würde ich jetzt einfach tun was ich wollte –

was dann?

Denn dann hätte ich meine Beine aus dem Stück heraus um Deinen ganzen Körper geschlungen, sodass Du Dich geborgen gefühlt hättest. Und dann hätte ich Deine Haare angefasst, sodass Du dich begehrt gefühlt hättest und ich hätte meinen Mund in Deinen Nacken gelegt, sodass Du dich gemeint gefühlt hättest.

Während ich Dich beschreibe fehlen mir die Worte und ich benutze nur Hände und baue Mauern damit. Wie kann das sein. Wie kann eine Frau, welche Worte mehr liebt als Männer, an einer Beschreibung scheitern. Ich versuche, Dich zu erinnern und alles, was ich erhalte, ist ein Arm mit einer Hand als Kunstwerk, Blutgefäße wie Straßen und der Asphalt ist Gänsehaut und makellose Finger und Ruhe. Ich sehe die Ruhe. Und all das überträgt sich auf mich, Stille und dann sogar auch die Gänsehaut. Finger spreizen und ich sehe dem Geschehen fassungslos zu. Das ist Zauber, denke ich fasziniert, das ist Zauber! Einer, den man nicht erlernen kann, denn er ist gegeben. Und dann denke ich an mein Bild von Dir, wie Du Bleistift und Notizheft hältst und dann an Erotik, weil Logik.

„Verstehst Du“, wiederhole ich, „Erotik, auf die tiefste Art, die Du dir vorstellen kannst, Erotik bis auf das wunde Fleisch sozusagen, obwohl angezogen, deswegen vielleicht nicht frierend. Verstehst Du.“ Und der Zuhörer nickt zweifelnd.

Ich atme laut aus und halte mir die Stirn in beiden Händen und denke Ihr seid doch alle

2

Ich sehe Dich also an, wie Du so vor mir stehst und beobachte und bemerke und wäge ab und plötzlich fällt mir auf, dass ich alles von Dir wissen will, einfach so, beispielsweise, wie Deine Uhr, die immer mal wieder unter dem Hemdsärmel sichtbar wird, aussieht, und wie Deine Haut (es ist Winter). Was deine Werte sind, wie Du küsst und wie Du kommst. Womit Du deine freie Zeit verbringst und ob Du ein Festnetztelefon hast und ob Du abends mit Frauen auch außerhalb intrafamiliär telefonierst (hoffentlich nicht) und ob Du Oliven magst und worüber Du lachen kannst und ob man mit Dir stundenlang sitzen und reden könnte.

Wenn der Fokus vom Subjekt zum Objekt zoomt, ist das dann Liebe?

„Sie sehen mich so erwartungsvoll an. Haben Sie Fragen?“, unterbrichst Du Dich selbst beim Reden und meinst mit dieser Frage wirklich mich.
“Eh. Nein“, versichere ich schnell und sehe direkt daraufhin auf den Tisch vor mir und nehme einen Stift in meine Hand. Später fiel mir ein, ich hätte confident antworten sollen: “Ja, viele. Später, Du und Ich?” Aber das hätten dann andere auch gehört und ich hätte es nicht ertragen, ich hätte es nicht ertragen, wäre nur ein Jemand dabei gewesen, der dazu auch nur eine Frage gestellt hätte.

3

Ich sortiere mich selbst durch Zeit und Raum. Ich versuche zu denken, was ich fühle. Ergibt denn nichts mehr hier Sinn? Ich bin der Sinnlichkeit verfallen und kann auch nicht mehr arbeiten jetzt. Im Vorbeigehen sehe ich meine schmalen Brüste und meinen heute flachen Bauch und meine runden Po. Meine wilden Haare, mein erschöpftes Gesicht. So sehe ich also aus. Rote Linien durchziehen den weißen Hintergrund, welche das Bild erst interessant machen.

Ich denke, dass es einfach passieren soll. Das Kennenlernen, das Miteinanderschlafen, das Miteinanderkommen, -kochen und –essen. Das Sitzen und Schweigen, das Sehen und Denken, das Liegen und Biegen und Renken. Das Insbettreden und das Hinauskomplementieren. Das Grenzen testen und teilen, das Lachen, das Heulen, das Schreien, das Lieben. Dann lege ich mein Gesicht in beide Hände. Wie denn?

Schwamm auf Teller, Löffel auf Gabel, Wasser an Wasser und alles verschwimmt. Wie oft muss ich Dich noch flüstern. Wie lang muss ich Dich noch atmen. Wie sehr muss ich Dich noch begehren. Verrückt geworden bin ich doch schon.

4

Ich will anfangen, aber weiß nicht, wann. Jetzt?

Ich will anfangen, aber weiß nicht, womit.
Ich will losgehen jetzt, aber weiß nicht, wohin.
Ich will lernen, aber weiß nicht, was.
Ich will Austausch, aber weiß nicht, mit wem.
Ich will mich emanzipieren, aber weiß nicht, wovon.
Ich will lieben, aber weiß nicht, wen.
Ich will lieben, aber weiß nicht, wie.

Wenn man nicht mehr weiß, wo man anfangen soll, lässt man es dann einfach? Wenn man nicht mehr weiß, was man schreiben soll, liest man es dann einfach?

5

Wie soll ich denn das alles erklären?
Als heute die Tür hinter mir ins Schloss fiel, stellte ich fest, zwei Möglichkeiten zu haben, nämlich: Ok, endlich mal wieder heulen jetzt oder ok, endlich mal wieder kochen jetzt. Hab dann gemerkt, dass ich gar nicht heulen kann jetzt, weil alles noch total verkrampft vom Auskotzen davor ist. Hab dann gedacht mach dich mal locker jetzt und hab gekocht und gegessen auch und gedacht: Diese Woche mit Mann ist geschafft, glücklicherweise, beruhige Dich, beruhige Dich. Kein Mann ist Dein Vater, noch nicht einmal Deine Familie ist irgendein Mann. Und ja, auch, wenn es irgendwie peinlich war: Du hast es eben geschafft.

Was sagt man, wenn man verliebt ist? Wie spricht man, wer ist man? Doch nicht ernsthaft der gleiche Mensch, der man war, als es noch kurz vor Verfall war. Und wann fängt man wieder an zu essen, bevor sich eine Essstörung vollständig etablieren kann?

Ich kann vor Dir nicht reden, ich kann vor Dir nicht loslassen. Noch nicht einmal greifen und atmen kann ich vor Dir und dann pocht es mir plötzlich heiß gegen die Haut von innen, als würde da jemand wütend gegen die Türe schlagen: hallohallo! Und dann: bist Du verrückt geworden?, mach die Tür auf! Denn wenn du nicht langsam irgendetwas unternimmst, ersticke ich! (Das war Ich an Über-Ich, Es hat das beobachtet und war zwar stoned, aber anwesend.)

Donut Panic erinnere ich mich. Durchatmen jetzt, und überleg doch mal.
Und dann verlasse ich den Raum und weiß nicht, wie Vibration abbauen und wie überhaupt das jetzt einem Fremden erklären, denn mehr seid ihr für mich nicht und alle sehen sie mich an, als wäre ich irgendwie komisch. I‘m not that weird!, möchte ich dann den anderen mit meiner Handfläche in Richtung crowd, die Abstand signalisieren soll und einer hochgezogenen Augenbraue, die So what?! heißen soll, sagen. Es muss ein Trauma sein, möchte ich mich dann beruhigen. Es kann nur ein Trauma sein. Anders ist es nicht erklärbar. Es ist anders nicht erklärbar, das habe ich mir doch soeben erklärt und ausgerechnet Du, der es lösen könnte, entfacht das in mir. Das kann doch nur ein schlechter Scherz sein. Und bitte warum lache ich darüber?

Ich denke dann an übergriffige Männer, die, wenn man sagt, dass es sich so herum für einen selbst falsch anfühlt, meinen, man denke nur zu viel nach und solle sich einfach mal entspannen jetzt. Oder auch solche, die glauben, man brauche gar nichts finden, sondern einfach mitmachen. Oder an Männer, die einem immer wieder die eigenen Gefühle absprechen. Ich denke dann an mich, für die das viel zu lange Alltag war. Ich habe das nicht nur gemeint, sondern auch gesagt. Das habe ich doch. Oder?

Frau!, sage ich mir selbst stattdessen, ich bin sicher, dieser Mann, den Du magst, mag Dich genau so, wie Du bist. Ich weiß sogar, dass es so ist. Wieso kannst Du das nicht glauben? Und wie lang soll es noch gehen, bis Du das endlich glauben kannst. Frau!, mach das nicht, denke ich dann, wenn ich mir die Hände vor das Gesicht schlage. Frau zeig jetzt endlich allen, wer Du bist denke ich dann und frage einfach mal A.

A., frage ich, wie geht das? Mit einem Mann sein? Einfach so, ohne Angst und ohne Anstrengung auch. Einfach sein, weil man endlich auf Augenhöhe lieben möchte und sich selbst bei allergrößter Sehnsucht fürs unter Niveau ficken zu schön geworden ist.

A sagt ja, aber nicht, weil sie eine Antwort, sondern nur, weil sie die Frage verstanden hat. Weiß ich jetzt auch nicht ergänzt sie und dann wird mir die ganze Welt klar, denn auf A folgen B, C, D und E. Wie verrückt man selbst ist, wird einem immer erst im Kontext Mensch, und zwar nicht Lieblingsmensch, offenbart. Denn Letztere haben die gleichen Ängste und mit ihnen fühlte auch ich mich ewigkeitenlang weniger komisch. Ha!, das war ein Trick, und ich dachte, ich führe hiermit zuverlässig die ganze Welt an meiner Nase herum, aber eigentlich, eigentlich habe ich damit nur mich selbst ausgetrickst. Blöd, ne. Musste ich halt ein paar Jahre lang auf der Couch für liegen, aber auch ok, denn jetzt stehe ich auf.

6

Zwei Beweise dafür, dass Erotik auch einfach sein kann. Beweis 1:
Es war der gleiche Tag und der Tag war wohl der, an dem ich etwas Besonderes an mir hatte, denn ich rannte die Treppe hinauf, nahm manchmal sogar zwei Stufen mit einem Mal, um daraufhin dem Zug hinterhersehen zu können. Ich ballte die Fäuste und stampfte mit meinen Stiefeln auf Asphalt und dachte dann Was solls. Und dann setzte ich mich. Und dann saß ich da, auf einer Bank, Bahnsteig 4. Erschöpft, wartend und dann amüsiert. Denn ich nahm wahr, dass ich mich sehr nah neben Dich gesetzt hatte, obwohl alles neben uns noch frei war. Ich versteckte das Lachen hinter meinem Anorak und vermied es auch, Dich direkt anzusehen. Ich fühlte mich schüchtern und immer nur dann, als Du in die andere Richtung blicktest, konnte ich der Versuchung doch nicht widerstehen. Das ist doch Blödsinn, dachte ich, öffnete eine cloud und korrigierte einen Text, denn that’s my business und dann passierte etwas und ich wurde Zeugin. Ich sah, wie Dein Blick leise und langsam von meinem Fuß bis zu meinem Knie ging. Das war so erotisch. Und damit wurde mir klar, wie subtil Flirten ist.

7

Beweis 2: Es war der gleiche Tag und der Tag war wohl der, an dem ich etwas Besonderes an mir hatte, denn bereits als die Türen hinter Dir wütend zusammenfielen, sah ich Dich an, durch die Menschenmenge erkannte ich Dich und als ich Dich so ansah, erinnertest Du mich an jemanden, den ich mal gekannt hatte. Die Farbe Deiner Haare, die Größe Deiner Gestalt, die Form der Hände und der interessierte und selbstsichere Blick. Sogar hattest Du die gleichen Schuhe an, die der Mann damals trug und in denen er mich Tag für Tag durch mein Leben begleitete und auch bemüht war, Schritt zu halten.
All das ließ mich Dich kurz anlächeln, impulsive Menschen kennen keine Grenzen.
Und dann dachte ich, lass doch, Mädchen, lass doch, denn ich bin nicht bereit und falls doch, nur für den Einen. Also schlage ich wieder meine Zeitung auf und das blieb auch so, bis ich an meiner Haltestelle angekommen war.
Und während ich aussteige und noch während ich mich selbst in der Menschenmenge untergehen und Dich vor mir laufen sehe, muss ich bereits lachen, denn Du wirst plötzlich langsamer und steigst aus, verlässt den Strom an Menschen, wartest wie ein Raubtier am Ufer eben dieses Flusses, sodass ich nicht nur an Dir vorbei muss, sondern wir uns auch an der Verkehrsampel, die eben rot ist, als hättest Du sie nur für mich einmal in Farbe getaucht, wieder treffen. Und da stehen wir, Tier an Tier, Jäger nächst Trophäe, nicht über- oder hinter, nebeneinander, denn beide sind berechtigt. Und ich schwöre im Namen dieses Blogeintrages, ich habe nichts gesagt oder gemacht, höchstens habe ich in mich hinein gefeixt aber selbst das, wie jedes Jahr im Winter, hinter einer schwarzen Wand aus Anorak.
„Guten Tag“, sagst Du, neben mir stehend.
Ich nehme das Lied aus meinem Ohr und sage: „Guten Tag“, und lache dann.
„Ich heiße S. und wie heißt Du?“
„Ich heiße Nina“, sage ich, und weil ich weiß, was jetzt kommt, lache ich noch mehr.
„Schöner Name“, sagst Du, „er ist schön und einfach“, antworte ich.
Und so passiert es, das wir zusammen ein Stück gehen und wüssten wir beide nicht, unsere Geschichte hat noch nicht einmal begonnen, so könnte man meinen in Anbetracht unserer Symbiose, dass uns das Leben eine gemeinsame Geschichte zeichnete. Zusammen gingen wir also und dann fragtest Du mich, woher ich komme und dann erzähltest Du mir, woher Du kommst aber eigentlich, eigentlich kommst Du woanders her, so sagst Du das und dann: Damaskus.

Die Hauptstadt, sage ich. Die Hauptstadt, wiederholst Du.

Und ich habe wenig Zeit, dabei Dich anzusehen, denn wir gehen nebeneinander und seit wann begleitet ein Mann mich in meine Richtung frage ich mich und dabei hatte ich es doch zu eilig, um kurz mal Deinen Arm festzuhalten und zu sagen: „Hey, warte mal, lass uns mal kurz ansehen und schön finden jetzt“, obwohl ich dachte, Du wärst dafür bestimmt der richtige Typ Mensch gewesen.

Zusammen gehen wir in das Gebäude und es muss so gewesen sein, dass Du in dieser Geschichte plötzlich ganz fest zu dem Protagonist Begleiter wurdest, denn ich kannte mein Ziel und Du warst es, der einfach mitkam. Und dann sagte ich: „Ich muss jetzt hier hoch“, und zeigte auf das Schild, auf dem eine 5 stand.

„Können wir uns kennenlernen?“
fragtest Du mich und ich überlegte echt ganz kurz und als Antwort pochte es von innen gegen die Hitze und ich weiß das noch ganz genau, dass ich sehr schnell an den Stress, den ich im Kopf hatte, dachte, dass ich das niemandem antun kann und schon gar nicht mir selbst und sagte: „Das geht leider nicht, tut mir sehr leid.“ Dann sahen wir uns etwas länger an und ich sagte: „Alles Gute“ und reichte Dir meine Hand, „Ja, alles Gute“, sagtest Du und hieltest lange die meine oder vielleicht hielt ich auch Deine oder wir unsere und eigentlich damit unsere ganze Welt. Und noch während ich nicht losließ ging ich zwei Stufen nach oben und je weiter ich ging desto mehr bog sich meine Wirbelsäule in Deine Richtung und ich dachte dabei nicht an Dich, sondern an Yoga und hätte ich nicht auch das Geländer genau so fest gehalten, wie Dich in meiner Hand, ich wäre sicher in Deine Arme gefallen und hätte mich dann verfangen in einem Nest aus Wärme und Liebe und Leidenschaft, aber nein, und ich wiederholte „Alles Gute“ und ließ Dich los.

Ich war frei. Endlich wieder frei. Und beglückt erfasste ich wieder zwei Stufen auf einmal und atmete das Leben. Du bist frei Mädchen, dachte ich, genieß das mal. Du bist frei Mädchen, dachte ich, das erfordert Mut und den hast Du doch nicht umsonst aufgebracht.

8

Allen Menschen, die meinen, man wisse ja gar nicht mehr, was man denn nun noch sagen oder tun dürfe und so weiter, sei dieser Text gewidmet. Sagen darf man fast alles, man muss es nur auch richtig meinen. Hashtag youtoo. Bye.

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