we are not so few.

My friends and I often find ourselves stuck in discussions with topics like whether life is or isn’t fair, and how different our lives could have been had we grown up surrounded by better circumstances (or so-called “normal” circumstances, which is also worth a discussion, though in our definition, it means simple and genuinely natural things, like a mother and/or father who cares and was able to care.)

Most of my friends and I were confronted with hard stuff from the first years of our lives until now, from addiction, to suicide in our families or close circles of friends, to traumatised or sick family members and transgenerational transfer thereof, to mental illness found in our closest loved ones or in ourselves. And we are all kind of united through that, as well as in thinking that silence about all listed above is a further poison which does not make things undone or like they never happened, but quite the opposite.

What we also became aware of one day is that privilege means more than being white, heterosexual, or so called male sex, namely to have the necessary environment of being able to express yourself and evolve as you were meant to, and where you can do what a child wants and has to do, which is to develop into a healthy and stable grown-up.

Instead, we were busy doing the stuff our parents should have done, fixing family affairs, cutting ourselves loose while slyly watching our (class-) mates do their high school graduation, university, jobs, relationships, marriages family-building AND recognising our big and sometimes unbearable insecurities (and oftentimes undiagnosed mental disorders bc no one in our close enviroment ever took time to do this with and for us, which surely would have also prevented some of these insecurities) at once is that our lives aren’t and haven’t been easy, but we are alive and we do our best to live on, mind- and powerful, sometimes (often, from the outside ;)) chaotically but freely as well.

Because we’re familiar with fighting for our rights and for a life full of values from our first steps.

And we stay different than the majority, often burdened but still kool and full of charm and energy. And we wish that you show some respect and awareness that we are also here and that we’re not so few.

Likes

Ein Tag, wie er war und wie er endete

Wir Menschen, wir Menschen, was sind wir nur für Menschen? Ich kann gar nicht beschreiben, was wir für Menschen sind. Wie wir uns töten und zum Schweigen bringen, schaden und zu selten nur noch die richtigen Fragen stellen, passende Antworten geben. Zeit und Raum finden und Sein lassen. Was ist passiert. Menschen sind die schlechteren Tiere.

Vielleicht so.

Manchmal, jetzt, möchte ich mich übergeben vor Erschöpfung.

Was machst Du da. Was machst Du denn da.
Und: wann hört es endlich auf.
Beliebter: Reicht es nicht langsam?

-Als hätte ich mir die Gewalt, die mich einst fand, selbst ausgesucht.
-Als hätte ich mir die Gewalt, die ihr mir antatet, selbst zugefügt.

So stehen sie da, mit skeptischem Blick.
Hände irgendwie so in Hüftgegend gestemmt, eingeknickt auch.
Arme und Ambitionen. Alles eingeknickt, nichts fließt.
Kein Wunder, kein Wunder.
Wir verstehen nicht, sagen sie so, was machst Du da.
Eine ewige Wiederholung. Langweilt sie Euch nicht?
Irgendwann werde ich das umdrehen, vielleicht.
Ich verstehe nicht, werde ich dann so sagen, was macht ihr da.

Ich emanzipiere mich, das mache und sage ich dann auch. Meistens leise und milde lächelnd auch, weil ihr es ja sehr wahrscheinlich doch nicht versteht. Ich sage das dann, vllt. mit etwas in der einen Hand spielend, sinnlich ich, verlegen sometimes, nicht jetzt.
Das zu erklären, mich zu erklären, kostet Kraft, die ich für das Vollstrecken brauche, restlos.
Ich weiß, bei Euch funktioniert das meist andersrum aber deswegen bin das hier ja auch ich und das da, das seid ihr. Oder so. Von den Narrativen emanzipiert erziehe ich mich, so, als wäre ich mein eigenes Kind, sage ich.

Nicht verstanden, ihr, die fragtet, oder.
Seltsam. Grade ihr, denen ich doch alles erklärte, versteht nicht. Vllt. aber auch logisch, weil, ja.

Ich erkläre mich nicht mehr.
Ich habe mich damit abgefunden könnt ihr das auch tun bitte danke.

Ich erkläre mich nicht mehr. Ich werde verstanden stattdessen.

Ständig irgendwas irgendwohin tragen. Immer nur tragen. Ich bin eine Tragende.

Plötzlich, plötzlich sind sie da.
So viele Kinder. Woher kommen sie. Bin ich denn dafür schon bereit, ängstlich, skeptisch, diesmal ich, einerseits. Ja, sagen die Erzeuger, sie sind sich sicher damit, denn es sind auch ihre Kinder, unsere Kinder.

-Erhol dich, sagst Du.

Derweil stumm im Wochenbett liegend: ich.

Ich kann Beziehungen mitgestalten.
Ein Satz und eine Möglichkeit, Dinge, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren.

Ich weiß nicht, woran soll ich mich erinnern.
Ich weiß nicht, woran kann ich mich erinnern.
Ich weiß nicht, woran will ich mich erinnern.

Manchmal fällt es mir schwer, raus zu gehen. Es ist mir noch peinlich, wie Menschen auf mich reagieren. So, als wären sie ständig erstaunt von mir. So extrem manchmal meine ich. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich selbst so viel weniger extrem geworden bin. So viel leichter und leiser, so viel selbstverständlicher. Einfach da jetzt.
Und dass die Menschen, viele Menschen, auch immer Fragen zu einem haben, deren Antworten ie nichts angehen, mitten auf der Straße, dem Flur, dem Campus stehend.

“War nichts Wichtiges. Habe gerade Pause und wollte mich nur melden und Dir nette Sachen sagen.
Deine Nachrichten klingen, als ob Du das gebrauchen könntest.“

Das Bett und ich und der Vorhang, der Vorhang, romantisch, wie er sich bewegt und mit jedem Windstoß zur Seite gleitet. Ich möchte ihn anfassen, denke ich, und schon schlage ich die Decke zur Seite und stehe, aber das Spiel, das Windspiel, dann wäre es vorbei. Vielleicht verstehen das viele Menschen nicht, behaupte ich, und meine damit nicht, dass ich es verstanden hätte. Man kann nicht einfach alles so anfassen. Beherrschen wollen. Außer sich selbst vielleicht. Aber das ist doch auch kein Leben. Dennoch stelle ich mich dahin, beherrsche mich und meine Materie für kurze Zeit, ansehen, eine Schale Müsli dazu wäre nicht schlecht, zusehen halt, ein Schleier umspielt mich. Augen zu. Man braucht keine Angst haben.

Stunden später, wieder und immer noch: liegend.

Ein Hemd über dem Türrahmen. Wie wäre es wohl, wenn das Dir gehörte?

progress, not perfection: Lena Dunham

Ständig irgendwas irgendwohin tragen. Immer nur tragen. Ich bin eine Tragende.
Ich bin eine tragende Komödie. Ich bin eine Tragödie.

Ich möchte jetzt ein Kleid anziehen und mich mit nackten Füßen auf die Straße stellen.
Es soll regnen, regnen, down on me. Und dann balle ich die Fäuste und schreie.

Aber dieses Kleid, das besitze ich nicht mehr und da draußen, da ist Trockenzeit. Ich brauche einen Monsun. Was mache ich nur.

Ich möchte frisch gepressten Granatapfelsaft. Wer presst mir einen Granatapfel, wenn ich es nicht selbst mache.
So liege ich da und warte. Schwach, weil was habe ich heute zu mir genommen.

Der Nachbar singt iranische Lieder. Vor Menschen, die singen, braucht man keine Angst haben, oder so, vielleicht sollte ich den Nachbar fragen. Knock knock knockin on neighbours door. Hi äh. Hi. Also. Hast Du, hast Du vllt. zufällig einen Granatapfel, momentan ist Saison, deswegen frag ich, falls ja, würdest Du, könntest Du, also wenn man ihn durchschneidet, den Granatapfel, in der Mitte, und in die Hand nimmt, dafür braucht man jedoch große Hände, zeig mal Deine erstmal – oh. Hm nee, reichen nicht aus denke ich, nachher gibt das noch eine riesige Sauerei und kostet nur Kraft und übrig bleibt keine Energie und ach. Egal. Ok ciao.

Mir doch egal was die Nachbarn hier denken.

Ich habe angefangen zu bluten jetzt auch. Vllt sollte ich mein eigenes Wasser trinken.
Wieder dahin zurückgehen, mich selbst zu nähren, doch genau das ist der Fehler in einem System, denke ich.
Man war schon immer zu zweit, man war noch nie allein, von der Empfängnis zum Sterbebett.
Immer ist man mindestens zu zweit. Man ist ein Gemisch. Wann habe ich angefangen, etwas anderes zu glauben.

Es soll Nacht mit Dir an einem See sein und ich möchte mich ausziehen, denn es soll eine Mutprobe sein.
Aber nicht mutig, weil ausziehen, sondern mutig, weil in einen See hinein gehen.
Und das ausziehen, das gehört dazu, wenn man sich der Angst stellt. Alles legt man ab, man geht ohne Ausrüstung.
Weil Ängste sind nur eine Illusion und man bekämpft keine Illusionen, jeder Schlag geht ins Nichts, das kostet Kraft, so werden wir also mit Nichts in diesem See sein und der Mond ist vielleicht auch da, wie letztes Mal, und langsam, langsam,
so wie Kreise, die aus unseren Bewegungen heraus am Ufer ihr Ende finden, so langsam, so langsam,
verliert auch die Angst ihr Interesse an mir.

Es gibt so viel, was du noch nicht über mich weißt. Es gibt so viele Tränen, die noch nicht in unsere Hände fielen.

Es ist ein Ankommen auf Zeit
Zeit ist ein dehnbarer Begriff.

Likes

42 – 49

42

Vor vierzehn Tagen noch. Ausgebreitet wie die Hälfte einer geschälten Mandarine, alles muss raus, denke ich, alles alles muss raus, auf dem Rücken liegen, atmen. Die Schenkel weit geöffnet, weit auseinanderstehende Schenkel, wie ein Frosch so weit denke ich. Oder wie die Flügel eines Schmetterlings. Nur, dass dieser grad nicht fliegen, sondern nur noch fallen kann. Hände auf dem Bauch, Herz aus dem Hals heraus. Alle Gefühle entfesselt, ich schlucke und schwitze und heule auch. Dieses Mal, da war die Angst so schlimm, dass ich mich besser hinlegte auf eine Matratze dachte ich, weil wer weiß, how long can I still stand this und nicht, dass ich nachher noch auf den Kopf falle. Ich sorge mich ja um mich, weil ich mich eigentlich auch lieb hab so. Naja.

Also ich dann. Wie eine Ergebene. Ich denke an kalten Orangensaft, ein Glas nur, das würde vielleicht helfen. Die Farbe. Und ich bin mutig, so mutig, das denke ich auch, während ich so daliege und mich ergebe, fast auch übergebe, (wem?) und auch denke ich kurz mal lachend über den Übermut der Angst von wegen Über-Ich: Nimm doch was Du willst, das Wichtigste bekommst Du nicht. Denn wie Du weißt, ich habe das jetzt schon mehrmals gesagt und das heißt, dass ich es genau so meine, ich habe den Kampf eröffnet, deswegen nochmal rebellieren und Grenzen testen jetzt, schon klar, so ein letzter Akt der Verzweiflung. Und natürlich auch nochmal aufbegehren, weil ich mich nicht mehr aufhalten lasse von Dir, tust Du so groß, aber ich gehe trotzdem weiter. Du weißt, ich habe Recht und eines Tages wirst Du dich mit Deinen eigenen Waffen schlagen und wenn hier jemand Existenzberechtigung im Körper dieser Frau hat, heutzutage, dann bin das ich. Aber ok, bitte, you scared rebel you, do what you need to do. Ich ergebe mich derweil und spare mir die Kräfte. Ich kämpfe nicht mehr gegen Dich, ich kämpfe für mein Leben jetzt. Augen zu.

43

-Hallo ich wollte fragen ob Du Lust hast, dass wir uns bald zusammen irgendwohin legen, auf eine Wiese zum Beispiel.
-Sehr gerne
-Kool.
-Bzgl. Hinlegen vllt. wenn nicht heute wann dann?
-Ja, Du hast Recht. Ok, ich komme.
-Also kool. Dann bis gleich.

44

Bäume, Bäume. Diese Bäume, so habe ich sie noch nie gesehen. Ok, komm, lass uns hierhin legen und wie eigentlich immer erzählst Du mir dann eine Geschichte und oft lachst Du am Ende, weißt Du das? Vielleicht über die Ironie einer Sache oder ich weiß es nicht. Ich jedenfalls, ich sage oft nichts, weil so Geschichten, die finde ich iwie groß weil universell. Ja, Zeit denke ich mal. Weiter liegen, Kirschen essen.

Und irgendwann dann zeigst Du mir etwas, das Du kannst und ich bin so vergnügt dass ich mir die Hände vor den Mund halte und wäre ich weniger müde dann wäre ich sicher noch vergnügter gewesen. Wie amüsierend muss es sein, sich ein ganzes Leben lang zu amüsieren? Das habe ich mal in einem Theaterstück gehört.

Als Du dann so neben mir sitzt und auf einmal meine Hand nimmst und dazu auch noch meinen Arm und ich kurz zurück ziehe weil nicht dass Du mir was brichst, Du aber sanft fest hieltst und mich dehntest um mir zu zeigen, wie Du gern eingerenkt werden würdest, und ich mich fallen ließ, als Du das getan hast, und das fiel mir erst Tage später ein, obwohl irgendwas daran besonders war, hab ich irgendwas gefühlt, aber auch das erst Tage später. Seltsam.

Kurz noch challengen im Unterarmstütz, Du hast gewonnen.
Ok, lass mal gehen jetzt.
Ich bin müde, ich bin so müde, und kognitiv so überlastet,
dass ich Angst hab, zusammenzubrechen wenn ich jetzt aufstehe.

Guck mal, sagst Du, als wir aufgestanden und schon ein Stück gegangen sind, Du bist gar nicht zusammengebrochen. Ja, stimmt, hey!, kurz freue ich mich und dann sage ich; Erinner‘ mich nicht daran, denn sonst wird es doch noch passieren.

Hereinspaziert! steht da. Warum auch nicht. Ok dann. Komm einfach. Hereinspaziert! Warum auch nicht?

Dich in meiner Küche stehen sehen, mein Musikinstrument lehnt an Deinem, denke mal, das braucht es vorerst auch so.

  • Tauschen?

Und dann, kurz als Du gar nicht siehst was ich sehe und Du was liest, da stehst Du da, als hättest Du kurz geträumt von Wundern, die Du nicht verstehst, dabei bist Du doch eigentlich das Wunder in here.

Ich weiß gar nicht recht, denke ich – wohin mit Dir? In Armbeuge? Kopf? Herz? – In meine Mitte? Zwischen die Schenkel?
Aber dann, wenn ich Dich so beobachte, denke ich auch: Eigentlich bist Du ein Mann, von dem man niemals zu träumen wagen könnte. Hab ich aber trotzdem schon gemacht.

45

Mir ist, als wäre mir schlecht vor Liebe, schlecht vor Angst, schlecht vor allem, was mir entgleiten könnte. Als hielte das innere Kind fest, was doch die erwachsene Frau schon längst begriffen und losgelassen hat. Hallo hallo, you dont need this anymore.

Aha ja ja so so.
Na gut, dann weitermachen mit Leben, weil is schön iwie auch.

Im Leben beeindruckende Frauen treffen, immer wieder. Beeindruckende Frauen treffen, die erfolgreich sind und dennoch, mit einer Hand an ihrem Ring der anderen Hand drehend, mit sich und dem Leben hadern und immer und immer wieder einen Schluck Wasser trinken. Ja, so wird sie vielleicht aussehen, eine Art der Zukunft.

46

Ich sehe das schon in Deinem Blick, er ist ehrlich, auch das sehe ich, aber hey, möchte ich sagen, es sind über zehn Jahre vergangen seither und es war ja auch nur ein Treffen glaube ich. „Mehr“, sagst Du so, als hättest Du gezählt, die Jahre. „Ich habe ein Foto gefunden, als Du damals…“ „Ja, ja, ich weiß, aber ich war jung, tut mir leid, ich war jung.“ Ok dann – sage ich und nehme die Hand des Patenkindes, wir müssen jetzt echt los, wir müssen zu einem Spielplatz jetzt, es war ihr ausdrücklicher Wunsch, ciao dann.

Du wirst es wohl nicht gewusst haben, aber während ich mit Dir sprach, hätte doch der Mann, dessen Sein ich derzeit einerseits verstehe und auch nicht verstehe, weil was habe ich damit zu tun und andererseits bedenke und begehre, das habe ich damit zu tun, direkt aus mir heraus kommen müssen. Ich bin besetzt von etwas, werde geliebt und gewertschätzt grade für das, was ich bin fühle ich. Siehst Du das echt nicht? Also ich schon, deswegen frag ich. Weiß ich ja auch generell grad nicht, wie die Anderen mich sehen. Und Du hast es wohl echt nicht bemerkt,
bemerkenswert.
Wie konntest Du nicht wissen, dass ich derzeit mit einem anderen Mann Tee trinke, so, wie man ihn in Palästina trinkt? Oder auch so, wie man ihn aus dem Ayurvedischen kennt, wenn nichts anderes mehr hilft. Je nachdem. Ich versteh das nicht. Wie konntest Du nicht wissen, dass da derzeit auch nichts heran kommen kann, dass ich derzeit unantastbar bin? Ich meine: hello from the other side.

Denn später, später, als hättest Du auf mich gewartet, klopfst Du an eine Scheibe, hinter der ich sitze, und sprichst schon mit einer aufgeregten, aber doch erwachsenen Stimme: „Entschuldige, entschuldige, ich wollte Dich nicht erschrecken. Ich wollte, ich wollte nur fragen, ob… ob vielleicht… ob Du Lust hättest, nächste Woche oder auch jetzt bald schon einen Kaffee oder ein Bier oder was Du willst also…“ Ich schüttle den Kopf, „Nein“, sage ich, „nein, tut mir leid.“ „Ok“, sagst Du, „ok, ich verstehe.“ Ok ciao.

Hoffentlich war ich dem Patenkind jetzt ein gutes Vorbild, denke ich, während wir fahren. „Bist Du angeschnallt?“ frage ich. Hoffentlich konnte ich ihr subtil, also ohne Vorschrift, weil sie soll selbst denken weil sie kann das, klar machen, dass man immer Nein sagen kann. Erziehung bringt ja nichts, Kinder machen einem eh alles nach. Erziehung bringt ja nichts, Kinder machen einem eh alles nach. Hoffentlich habe ich das jetzt richtig gemacht für sie. Hoffentlich. Naja.

47

Manchmal möchte ich, dass mich jeder versteht.

48

Wenige Tage später auf dem Weg zurück sein und auf diesem Weg zurück, wird mir klar, dass mit mir etwas passiert ist. Ich merke schon, wie ich die Dinge anders ansehe, wie ich plötzlich auch größer sehe. Mein Blick ist weiter, geht das? Wie alles plötzlich ein differenziertes Bild ergibt, als hätte es auch gleichzeitig nichts mehr mit der Frau zu tun, die ich zuvor war. Dinge fügen sich, es ist ein Bild, es hat mehr Farbe, es ist eine Performance, es hat mehr Flexibilität.

Von Dir zu kommen heißt in Frieden zu gehen schreibe ich in mein Notizbuch.
– Wer schreibt da?

Menschen gucken mich an.
So lang sie mich nicht erkennen, ist alles gut.
Ich möchte allein auf dieser Welt sein.
Vielleicht.
Christoph Schlingensief hat sich das auch mal gewünscht, damit er heulen und schreien kann.

Warum bin ich so confident, wenn ich allein bin?
Warum fühle ich mich so wohl, wenn ich mit mir allein bin?
Warum laufe ich dann so furchtlos?

Das Musikinstrument, welches Du ausgebessert hast, ich halte es noch ungeschickt in den Händen, genau so aber ist es vielleicht auch mit Dir. Vielleicht, man wird sehen, passt Du zu mir, und wenn es da etwas geben sollte, repariere ich das, aber noch halte ich Dich ungeschickt in meinen Händen.

Jedenfalls – das Instrument, es schläft seitdem auch mit mir in meinem Bett, es ist jetzt ein Teil von mir geworden, weil ich immer auch daran denke, es zu Ausflügen mitzunehmen, wenn ich welche mache und wie es wohl wäre, es dabei zu haben und wie, wenn nicht. Und wie es wohl wird, wenn ich es spielen kann. Falls überhaupt.

Aber Du denkst, ich kann das. Und ich weiß wirklich nicht, ob Du das sagst, um mich zu komplementieren oder um mir Sicherheit zu geben oder weil Du dir vielleicht auch so sehr wünschst, dass ich eine Frau mit musikalischem Talent bin, aber das bin ich nicht, ich glaube wirklich, das bin ich nicht.

Doch, ich denke schon, dass Du es kannst, sagst Du.
Vielleicht kann ich es dann irgendwann auch nur, weil Du es von Anfang an glaubtest, denke ich.

Ich kenne diesen Mechanismus. So funktionierte mein ganzes Leben. Was habe ich nicht alles schon einfach gekonnt, weil ich glaubte, dass ich es kann? Mich selbst genährt, gehalten, erzogen. Was habe ich nicht schon alles einfach getan? Frag mich lieber, was ich alles noch nicht getan habe. Aber anders herum, so herum, habe ich das seltener kennengelernt. Das wäre bestimmt auch zu schön gewesen.

So schlendere ich also nach Hause, Friede ist mit mir, das erste Mal seit langem fühle ich mich sehr sicher und ich bitte darum, möge ich all meinen personifizierte Ängsten begegnen, jetzt, denn ich kann das. Aber nichts passiert! Das darf eigentlich echt nicht wahr sein.

Ich setze mich dann noch auf die Holzbank einer Gaststätte. Wie oft bin ich früher hier gewesen?

„Bist Du Musikerin?“ fragst Du mich, wie immer mit interessiertem Blick.
Ich finde Dich lustig, weil Du kellnerst, und ausgerechnet Deine größte Schwäche ist das Vergessen. Es passierte schon so oft, dass ich etwas bei Dir bestellte, und Du nochmals raus kamst und mit einem verlegenen Kratzen hinter dem Ohr sagtest: „Eh…“
„Nein“, sage ich, „aber vielleicht irgendwann mal.

Ich bin zu winzigen Teilen ein Wunder an der Bar. Wunderbar und wandelbar.

Wie sehr wünsche ich mir, dass Du mich mal so sehen könntest, wie ich bin, wenn ich mit mir bin. Wenn ich mir einfach sicher bin. Wenn die Nähe mich nicht vermeintlich angreifbar macht. Vermeintlich vermeintlich, bald hab ich’s.

49

SMS-Verlauf 1

20:12: „Hiiii… Deine Freundin hält morgen einen Vortrag zum Thema Institutioneller Rassismus glaubst Du sie schafft das? Deine Freundin datet seit zwei Wochen den gleichen Mann, glaubst Du, das wird was? Deine Freundin ist morgen Abend in Deiner Nähe, glaubst Du, da passt was?“
23:12: „Nina hab das grad erst gelesen aber bin noch wach und habe Muffins im Ofen also könntest kommen“
07:00: „Meine heute“
14:34: „Ja geht auch“

SMS-Verlauf 2

„Hi. Findest Du, ich bin leicht zu lieben? Wenn man mich neu kennenlernt?“
„Ich denke, ganz am Anfang ja, mit viel Begeisterung usw., dann könnte ich mir vorstellen, dass eine Phase mit Hürden und sich finden kommt, und wenn man es in Phase 3 schafft, glaube ich mit sehr viel Tiefe und Kraft.“
„Kool danke.“

SMS-Verlauf 3

„Du hast vorgestern, als wir so da saßen, iwie meine Hand und meine Finger genommen, und dann hab ich glaube ich kurz weg gezogen, Reflex vllt, und Du hast dann Arm genommen und kurz gehalten und gestreckt so, um zu zeigen wie für Dich wenn einrenken. Und seltsam. Ich habe mich erst gestern Abend daran erinnert, obwohl irgendwas daran besonders war. Ich hab das nicht geträumt denke ich.“

Ein Anruf! Ein Anruf! Bist Du es? Ja Du bist es! Du bist es!

Du sagtest was von elektrischer Schock oder so
Ja
Ja ich hab das auch gefühlt
Ehrlich?
Ja klar.

Ich versteh halt nicht so viel von sowas bzw. eher so verstörend wenn jemand fühlt wie ich weil eher selten so deswegen sorryok bis dann.

Likes

30 – 41

30

Imagine there‘s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky

31

Bike, Zug, Fuß, Zug, Bike. Stadt 1, Stadt 2, Stadt 1. Beeilung damit ich Dich noch telefonisch erwische weil ich eine Antwort von Dir brauche: Würdest Du auch so fühlen wie ich?

Dann wieder Bike, dann wieder Arbeit, dann vertan, weil doch kein Firmenwagen, oh nein, ok, egal, I manage anyhow. Bike, schwitzen, Vorfahrt nehmen. Sorry Leude, aber es ist unser erster Termin allein und ich möchte nicht zu spät kommen.

Schwitzender dann im eigenen Auto sitzen, der Kopf voll mit Was meinen wir nur, wer wir sind? Und wenn Du jetzt darauf antwortest, dann breche ich zusammen, das sehe ich ein, und zu meiner eigenen Seenotrettung schalte ich den Flugmodus an. So. Und dann bin ich schon bei Ihnen, es ist nur eine Minute, die ich zu spät bin, also eigentlich bin ich gar nicht zu spät möchte ich damit sagen. „Wollen Sie einen Kaffee“, fragen Sie. “Darf ich aufrauchen”, fragen Sie. Natürlich, sage ich, wer bin ich denn, Ihnen eine Zigarette zu verweigern. Und dann: gemeinsam Gedanken sortieren, Schulden begleichen und als Letztes noch Lebensmittel einkaufen.

Und während ich so da stehe, zwischen Regalen, Sie ließen mich zu lang außerhalb der Hilfestellung, weil Sie das allein machen wollten, kann ich nicht widerstehen, ich beende den Schwebezustand mit nur einem Klick und aus den Wolken heraus fallen sie in meine Hände, es sind kleine Luftballons, die nach einer langen erschöpften Reise, it’s such a question of perception, endlich in meine, meine Hände fallen, ich kann sie gar nicht zählen, so viele sind es. Alle schmiegen sie sich an mich und ich beginne zu lesen und doch nicht, denn ich bin nicht allein, ich bin nicht allein hier, erinnere ich mich, als ich mit trommelndem ❤️ in einem Supermarkt stehe und es geht jetzt nicht um mich und dann sehe ich Sie an, wie Sie das Leben ansehen, und es doch nicht verstehen, ich verstehe Sie.

„Geben Sie mir einfach die Tasche, ich trage das“, bestimme ich und lege die Hand mit den Luftballons beiseite. “Ich mach das schon, entspannen Sie sich, wir haben Zeit.”
Danke, sagen Sie, ohne Sie hätte ich das jetzt nicht geschafft.

Einsteigen, aussteigen, rein kommen, ankommen. Katzen begrüßen uns, wie viele sind es.

„Wir frühstücken jetzt erstmal“, bestimmen diesmalig Sie. Wer hat wem das Bestimmen abgesehen? Als ob Sie es wüssten, dass Essen bei mir gerade nicht so, was möglicherweise an einem Medikament liegt, welches endlich zulässt, dass auch ich mich genau so wie ihr konzentrieren kann, nur eben nicht beim Essen, das eben eher nein und sollte ich das bei Gelegenheit ansprechen? Andererseits, I’ve never been a bitchiges, billiges, williges skinny girl und man sagt ja, man sollte alles im Leben mal ausprobieren und verwehre Dich keiner Transformation, demnach.

„Wir frühstücken jetzt erstmal“, sagen Sie nochmal, wie bitte? Habe ich vielleicht geträumt? Bin ich wirklich so blass? Aber ich kann tragen, tragen kann ich, tröste ich mich. Und weil es 16 Uhr ist, stimme ich dem Angebot zum Frühstücken zu, weil es zu meiner Verfassung passt, das Verspätete, das Verschlafene, das Verträumte auch. Und weil es schon so lang her ist, dass eine Mutter für mich den Tisch deckte, weil ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann, wie es ist, wenn eine Mutter den Tisch deckt, vielleicht deshalb lasse ich mich fallen und werde ich ganz ruhig und beobachtend. So, als dürfte ich von all Ihren Handlungen und Gesten und Gewohnheiten nichts verpassen. Sogar eine Serviette drücken Sie mir in die Hand, obwohl ich danach nicht gefragt hatte, aber einer Mutter widerspricht man nicht. Ihre Tochter möchte ich trotzdem nicht sein, denke ich und fast hätte ich es ausgesprochen, denn ich bin derzeit besonders sensibel, was Inbesitznahme betrifft und vielleicht auch, weil ich noch nie wirklich eine Tochter war. Ich weiß gar nicht richtig, wie das geht.

Geschmückt und gedeckt sagen Sie: „Ich bin ganz ruhig jetzt, danke.“

Und dann gibt es eingesperrtes, missbrauchtes, ängstliches, aufgehängtes, ausgeblutetes, also totes, Tier in Scheiben auf Brot für alle, also für Sie, nicht für mich. (“Essen Sie etwa kein Fleisch?” “Nein, eher nein” “Na gut, ok, ist ja nicht so schlimm” sagen Sie, und holen ein Glas Nutella aus dem Küchenschrank). Und dann erzählen Sie mir die Geschichten Ihres Lebens, einfach so, und eigentlich sind alle davon traurig. Nur die Letzte nicht, nämlich die, wie Sie es geschafft haben, allein zu leben. Wichtiger noch: allein zu sein. Und mit Sein meine ich Sein im eigentlichen Sinn.

„Naja, nun sprachen wir, als würden wir uns schon Jahre kennen, hm?“
Ja, so sprachen wir. Dann bis zum nächsten Mal. Alles Gute.
„Danke, dass Sie mit mir gegessen haben, allein ist es doch nicht so schön.”
Ja, ich sehe das genau so, sage ich und ziehe die Tür hinter mir zu.

Lustballons überall auf dem Weg.

32

Noch einmal ist es gestern und da schlage ich mein linkes über das rechte Bein, ich berühre Sie dabei ausversehen und natürlich, natürlich entschuldige ich mich und noch während ich mich entschuldige, was Sie nicht zur Kenntnis nehmen, berühre ich Sie abermals. Sie schnalzen lauter mit der Zunge als beim ersten Mal und ich denke Nee, das lasse ich jetzt nicht unausgesprochen: Ich habe mich doch entschuldigt, sage ich, nicht angegriffen, sondern leise und fragend, weil ich nicht weiß, was stört Sie so. Fast flüstere ich meine Beobachtung.

Sie müssen mich ja trotzdem nicht treten, sagen Sie laut und klingen dabei nach Wut und ich antworte und ich glaube auch, ich lege den Kopf dabei ein wenig schief: Ich habe Sie nur berührt.

Und die Beine übereinander schlagen, das brauchen Sie auch nicht, wenn es doch eh schon eng ist!

Das wagen Sie mir zu sagen und dann denke ich: Diese Zeiten sind vorbei und ich schaue Sie gerade heraus an und sage: “Was ich mache oder was ich lasse, wenn es eh schon eng ist, das entscheide ich, wissen Sie.”
Sie schauen mich an und ich denke nicht, dass Sie verstanden haben.

Heute, als wäre das bereits wieder ein Test, komme ich da rein und eigentlich habe ich es wieder eilig, weil etwas auf mir lastet, ich will es los werden. Und da stehen Sie, dahinter, und da steht er, davor. Sie sind fast weiß und er ist fast rot und er brüllt so, wie es nur Männer können und ich stehe daneben und muss erst begreifen und sage dann,
fast so, als wäre ich verwundert: Nun schreien Sie doch nicht so.
Ob ich schreie oder nicht, das geht Sie überhaupt nichts an!
Ironisch beeindruckt muss ich fast nicken und sage:
Es geht mich etwas an, denn ich bin Zeugin dessen deswegen.
Und manchmal glaube ich, man kommt mit Ruhe weiter als mit Lautstärke.
Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß, denn auch das geht Sie nichts an!
Sie täuschen sich, sage ich und füge hinzu: Ich möchte nur helfen, vielleicht kann ich helfen.
Scheren Sie sich was, mir können Sie nicht helfen! Und jetzt halten Sie sich gefälligst raus!
Sie meinte ich nicht, sage ich mit Blick auf ein Gesicht. „Kann ich Ihnen helfen?“ frage ich und die Addressatin antwortet: „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich sage ihm, dass ich nicht habe, was er will, und er versteht es nicht!“ Ich sehe den Mann an und er sieht mich an und brüllt nochmal und das geht an uns beide und ich lasse ausbrüllen und dann dreht er sich um und geht. Ich sehe die Frau an, die mich ansieht, blass, wie sie ist. Sie sagt: “Danke dass Sie sich für mich eingesetzt haben.“

Ich habe das gern getan sage ich und ich denke an einen Satz des Mädchens, welchen ich drehe, bis ich habe, was ich meine, bis er meiner ist:

Wer gelernt hat, sich für sich selbst einzusetzen, kann sich auch für andere einsetzen. So vielleicht.

Dann gehe ich raus und sehe ihn an einer Ampel stehen und tatsächlich fährt er ein Fahrrad. Wie kann ein solcher Mann ein Fahrrad fahren, frage ich, denn Fahrradfahren braucht feeling. Ich verstehe das nicht.
Und mein Blick geht zu meinem Fahrrad, auch das steht angelehnt an einer warmen Hauswand. Kurz habe ich Sorge, dass er mir dieses, welches ich eben nicht abgeschlossen habe weil manchmal glaube ich an Gerechtigkeit, weg nehmen will, dass er es fahren wird, und dann bin ich es, die ohne es da steht. Was dann?

Frau, sage ich, Du gibst dir alle Antworten selbst, Du musst sie nur noch glauben.

33

Es ist schon spät aber doch rufe ich Dich zurück, denn irgendwas lag in der Stimme und Du sagst: Weißt Du Nina, es kann sein, dass dieser Tod kein Natürlicher war, die Dinge, die Dinge, es gibt Dinge, die darauf hinweisen. Dinge. Nicht schon wieder, denke ich, nicht schon wieder. Ich halte meine Haare, ich lege alles auf die Stirn. Es gibt bereits genug Sterbefälle, die sich nicht natürlich ergaben, wie viele kann eine Familie noch ertragen?

Ich kann nicht mehr, sage ich, ich muss auflegen.
Ja gut, dann viel Erfolg. Danke, sage ich.

Wobei denn?

34

Schlafen, schlafen, irgendwie.
Und dann aufstehen, Kilometer fahren, irgendwie.
Ein Schild das meint, hier könnte ich richtig sein, denn hierher gehen Frauen mit Angststörungen, Essstörungen, Depressionen und akuten sowie posttraumatischen Belastungsstörungen.

In dem Wartezimmer: Frauen.
Frauen, das sind Wir, die hier ihre Fragebögen ausfüllen. Bitte kreuzen Sie an: Ich gehe Problemen lieber auf den Grund, als sie nur zu beschreiben. Ja oder nee / Ich finde es schwierig zu beschreiben, was ich für andere Menschen empfinde. Ja oder nee / Durch die Suche nach verborgenen Bedeutungen nimmt man sich das Vergnügen an Filmen oder Theaterstücken. Ja oder nee. Die Frau neben mir streicht überall Minus minus an, auch bei den Fragen, die von Gefühlen handeln, das wirkt auf mich sehr ernst. Ich kenne das, all das, möchte ich Euch zurufen. Auch ich zerbreche manchmal an den einfachsten Dingen. Wieso ich, wieso jetzt?

Alle Frauen hier sind schön auf ihre Art. Und alle sind magisch, wenn sie lächeln. „Ich habe halt nichts anderes mehr getan außer gegessen“, sagt eine Frau zu uns. Die Anderen nicken verständnisvoll. „Aber jetzt ist damit Schluss“, sagt sie, und sie sieht dabei so aus, als würde sie das auch so meinen. Frauen, das sind wir, die ihre Aggressionen tendenziell und im Gegensatz zu Männern verstärkt nach innen und gegen sich selbst richten. Deswegen die Psychiatrien auch tendenziell mehr mit Frauen als mit Männern und die Gefängnisse tja.

Und dann bin ich dran, endlich bin ich dran und ich versuche so gut es geht meine ganze Geschichte in eine Stunde zu packen. Und immer noch, selbst heute, als gestandene Frau, überrascht es mich, wenn mein Gegenüber versteht, was ich sage, Fragen stellt, aber nicht infrage stellt, nicht mich, und auch nicht meine Gefühle dazu, meine Empfindungen, all die Schäden und Narben, die ich seit der Geburt, die natürlich auch schwierig war und mich bereits fast umgebracht hätte, mit mir herumtrage, als logische Schlussfolgerung und nicht als Selbstzerstörung ansieht. Endlich. „Ja, das verstehe ich“ und ein mitfühlender Blick und mal ein Lächeln, alles zum richtigen Zeitpunkt. Es ist für mich wie ein achtes Weltwunder, wenn so etwas geschieht. „Danke“, sage ich, „ich fand sie sehr angenehm.“

Später abends klopft es an die Tür, da bist Du. Endlich bist Du da.
Dir öffne ich die Tür, ich falle in Deine Arme und Du in meine und sage leise: Was sind wir nur für Frauen?

35

Deine Hände und die Wärme und die Flüssigkeit auch und wie immer bewundere ich Dich, wie Du als so viel kleinere und zierlichere Frau mit so viel Kraft und Selbstverständlichkeit auf einer Frau wie mir klettern, auf mir stehen und sogar balancieren kannst. Auf einem schiefen Geschöpf wie mir verstehst Du, Gleichgewicht zu halten. Sag mir, wie machst Du das? Deine Antwort ist das Biegen, Drehen und Ziehen an Armen, Beinen, Fingern und Köpfen, immer wieder. Aber nichts renkt sich ein, verweigert sich da was? Ist das mein Fehler, habe ich einen Fehler?, frage ich.
Fester, sage ich, bitte fester.
Locker, sagst Du, locker.

36

Später abends dann das Telefonat mit Dir als derzeitiger. Und so beginnst Du ein Mantra für mich zu singen und das Mantra macht mich stumm, obwohl ich Dir noch ein Gedicht vorlesen wollte, eigentlich hatte ich mir das vorgenommen. Sowas habe ich noch nie erlebt. Danke, sage ich am Ende. Bitte, sagst du am Ende und dann: dieses Mantra, wenn Du willst, kannst Du es nachsprechen. Es ist ein Mantra gegen Angst und ein Mantra von einer Frau, die sagt, dass sie immer da sei, wenn die Angst käme. Dass sie komme und die Angst mitnähme. So ähnlich irgendwie und ich sage: Danke, aber ich kann mir so schlecht Dinge merken.

Was ist wenn das was ich bin dir nicht gefällt, ich stelle mir diese Frage nur noch sehr, sehr selten.
Denn die Situation ist so klar: Sollte einer von uns dem Anderen nicht gefallen, so hat einer von uns den Anderen nicht erkannt. Mindestens. Es ist wirklich so einfach und deshalb so tragisch.

37

Es ist ein weiterer Tag und es sind nackte Füße, leise Strömungen, ein warmer Sturm und ein Musikinstrument, Fragen, Antworten, Schweigen. Und meine zarte und zerbrechliche Gelassenheit, nur innerhalb dieses Kontextes, sie wandert neben Dir mit. Denn eigentlich bin ich so, gelassen. Und manchmal passiert es, dass ich Dich als die Frau, die ich wirklich bin, von der Seite ansehe. Und als ich Dich so ansehe, sind es nur wenige Sekunden, in denen ich denke: Genau jetzt wäre ich bereit, von Dir angesehen zu werden. Es läge darin keine Scham mehr, keine Unsicherheit, keine Angst. Es sind nur wenige Sekunden und das konntest Du ja auch nicht wissen.

Ok dann, danke. Ja, danke auch.

Was auch immer daraus wird.
Ich werde in jedem Fall.

Am Ende ein Zug, eine Stange geeignet zum Anlehnen wie ich feststelle, eine Frau, die auf ihren Namen hört.
Wie viele Leben lebe ich eigentlich?

38

Reinhängen, Gegenlehnen. Ich möchte mich irgendwo reinhängen und gegenlehnen. Anlehnen vielleicht?
Auf etwas ausstrecken und dann soll sich jemand auf mich drauf legen, mit all seinem Gewicht, sodass ich keine Luft mehr kriege und so auch keine mehr anhalten kann, bis mir fast schwarz vor Augen wird und mein Instinkt mich erinnert.

Du musst atmen, weißt Du, auch wenn es ein Trauma war, Du musst weiter atmen und es dabei ausatmen. Loslassen, nicht festhalten.

Ich liebe das Leben in all seinen Momenten. Sogar in diesen.

Meine Pupillen, die sind so groß, wenn ich mit Menschen wie Dir zusammen bin,
sodass ich sogar bei Regenwetter Sonnenbrille trage, weil ich sonst fast erblinde. Das erzähle ich nicht Dir, aber Dir, weil ich weiß, Du hältst mich nicht für verrückt, was Du auch wie immer direkt unter Beweis stellst.

„Wenn Du sehr konzentrierst bist zum Beispiel ist das normal, dass sich Deine Pupillen weiten und wenn Du Stress hast oder auch Angst, aufgrund dieser Gefühle und der kognitiven Überlastung, noch mehr.“

Das kann doch nicht sein, sage ich versteckt hinter meiner Hand.

Das kann doch nicht sein, ich dachte, es ist nur der Atem und nur mein Herz,
nur der Verstand und nur mein Gesicht, nur der Blutdruck und nur meine Gedanken, die sich verändern.
Wie kann man mich denn so lieben und bin ich damit denn überhaupt gemeint?
Das Letzte konntest Du nicht gehört haben und

„Naja“, sagst Du, „die Augen gehören zu den sensibelsten Organen im Körper, Nina.“

Bisher dachte ich immer, es sei das Herz welches dazu gehöre and people should fall in love with their eyes closed. Alles verrät mich, alles verrät mich, ich kann mich nicht halten, nur verhalten, wenn ich bei Dir bin oder so tun wenigstens. Beides scheiße.

„Aber ich würde ihm gerne mal in die Augen sehen, ohne UV-Schutz.“
„Wirst Du auch, hab Geduld mit Dir“, sagst Du so, als wüsstest Du.
Und ich selbst kann mir das meistens gar nicht vorstellen. Es ist so unvorstellbar. Wie soll das jemals für mich möglich sein?

Aber das ist nur die eine Seite, welche Kunst in mir erzeugt. Andererseits weiß ich doch, wie viele Wunder habe ich mir schon selbst gezeigt?

39

Ich verstehe Dich nicht, ich verstehe sie nicht. Ich verstehe nicht, ob und eigentlich bin ich doch noch gar nicht da also bitte mach Deine Entscheidungen nicht abhängig von mir, gute Entscheidungen stehen für sich allein, gute Entscheidungen, sie bleiben bestehen, sie öffnen Türen, Fenster, Münder, Beine, Herzen.

Und nun ja, das ist jetzt unser erstes Mal. Wir wissen ja gar nichts voneinander. Wir müssen darüber nochmal sprechen, sprechen. Ja, müssen wir. Aber gerade, da bin ich in einem Zug.

Welche Richtung ist mein Satz daraufhin und irgendwas in mir weiß nicht warum, aber es bewegt sich und: Vielleicht in meine Richtung, vielleicht in meine Richtung.

40

Das, was hier passiert, sind kreative Gedankengeburten, bis alles an mir schwer und leicht wird. Full and empty all at once. Wer gebärt, der muss auch nähren, denke ich, und versuche es mit einer Tomatensuppe. Ich habe ein Gerät, ein teures Gerät, ich wollte es nicht haben, aber nun habe ich es. Es war noch die Zeit, als Andere darüber bestimmten, was ich zu haben wolle. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist eine Familiengeschichte und Familiengeschichten sind immer lang und Papier zwar geduldig aber so nicht jede Schreibende. Ich zwinge mich aber, denn ich bin nicht für Verschwendung, ausgerechnet habe ich, wenn ich das Gerät in etwa einmal via Monat nutze, so wird es sich in etwa 11,4 Jahren rentiert haben, all das Geld. So also heute und ich drehe an einem Regler und plötzlich geht alles hoch wie bei einem Vulkan sieht das aus sogar die Farben, rot und grau, alles weil ich den Deckel vergaß den Deckel, ich sage ja, Konzentration und Kreativität und alles an meiner Wand und es läuft runter und hinterlässt Spuren und ich stehe nur da und überlege: Ist da ein Muster? Ist das, kann das sein, ist das Kunst oder…

Die Antwort ist:
Dieses Gerät ist nur was für praktisch veranlagte Menschen und ich bin unpraktisch / emotional veranlagt.

Likes

9 – 18

09

Frühdienst und leise leise durch den frühen Morgen fahren.
Fahrrad fahren.
Niemand atmet die Luft, die ich atme.
Ich bin einzigatmig.
In den Zug steigen. Sitzend Fahrrad ansehen.
Fahrrad einsam und angekettet in einem Zug stehen sehen. So fehlplatziert. Die Zeit zur Seite legen.
Melancholisch werden. Und plötzlich Einfall: Fahrrad, Du bist Metapher für mich. Denn genau so, wie Du da stehst, fühle ich mich manchmal auch. Einsam und angekettet und fehlplatziert.
Fahrrad, ich hab feelings for you.

10

Aussteigen und da sind sie. Männer mit dunkel grauen melierten Haaren und roten Hemden. Männer, die auf ihr Smartphone starren und den Kopf schütteln aufgrund von Fassungslosigkeit aufgrund von was frage ich mich aber nehme nur die Frage ohne Antwort mit. Frauen, die ihre jugendlichen Söhne an der Kapuze zurückhalten weil Zug fährt ein und Sorge Sorge Sorge. Ein ehemals großes Begehren personifiziert auf einer großen Straße treffen und nicht wissen, was zu sagen, also nur ein bisschen rote Wangen haben und schweigen und Luft anhalten auch. Kaffee to go in die eigentlich fremde Hand drücken, weil selbst das für diesen Moment zu schwer in der Eigenen geworden ist. Halt doch mal kurz bitte, damit ich Dich fassen und mich halten kann. Ein unendliches Lächeln dafür bekommen, weil es erinnert, an was nur? Eigentlich an nichts, denn alles nur im Kopf stattgefunden. Ansehen. Und jetzt? Ich habe noch einen halben Tag vor mir und einmal, einmal den Kaffee bitte, den hätt ich gern zurück. Jetzt. Danke.

11

Die Kontrolle über seinen body verlieren, sich selbst in die Mitte eines Raumes stellen und einmal einen ganzen Eimer Scheiße darüber auskippen. Schande, Schande, Schande. Scham, Scham, Scham. Hass, Hass, Hass. Irgendwo, unter all dem, bin ich. Bin ich doch, oder?

Nach fünf Jahren Psychoanalyse ein neues Thema auf die Tagesordnung setzen.
„Ja, hi, ich würde gerne über Selbsthass reden.“
„Oh – oh -, ja, das ist, also ja, wirklich ein großes Thema.“
Dann: Können wir es nicht erstmal umbenennen in fehlende Selbstliebe? Das macht auch was im Kopf.
Und ich so ja ok meinetwegen.

– Ist das jetzt diese Psychoanalyse?

Während dieser fünf Jahre gab es immer wieder Phasen, in denen ich wusste, mir kann niemand mehr was erzählen. Schon gar nicht mehr über mich selbst. In so kleine Scheibchen habe ich mich selbst zer-legt und wieder ge-legt. In die richtige Position, in die meinige. Diese Phasen enden, wenn ich bereit bin alles zu glauben, was man(n) mir erzählt.

Endkonditionierung denke ich und atme mich in Ruhe. Endkonditionierung is the key.

Später, sortierter, ehrlicher gesagter. Immer ist es zu viel. Und immer denke ich, ich schaffe zu wenig.
Manchmal auch nichts, aber meistens eher zu wenig.
Das bin ich, in der Mitte auseinandergerissen, von nie genug, aber immer zu viel,
nackt und breitbeinig wie eine geschälte Mandarine, wenn ich sie schäle.
Ich denke an die Worte des Mädchens: Akzeptier das endlich, dass Du so bist!
Und dann denke ich daran, dass das Mädchen sagte: Das hat auch was mit einer besonderen Ebene der Intelligenz zu tun. Und dann denke ich daran, dass da letztlich jemand neben mir saß, der ganz unprätentiös sagte:
Ich glaube das auch.

Leben. Eigentlich voll anstrengend.
Leben. Eigentlich voll schön so.

12

Ich bin mit einem Mann in einem Supermarkt, weil ich spontan fragte: Musst Du vielleicht auch einkaufen? Ja, er musste. Und plötzlich, zwischen all den Regalen, fiel es mir ein, des Mädchens weiterer Rat an mich: Du musst es zulassen, sagte sie, mit Männern auch positive Erfahrungen zu machen. Lass Dich fallen, sagte sie. Here we are.

Ich weiß noch, wie ich damals mit dem Auto von einer Stadt in die nächste fuhr und mich kosmopolitisch fühlte.
Genau so ist das jetzt auch, nur anders.

13

Gewellte, lange Haare. Deine Haare, deine Haare, sagen die Anderen. Und eine sagt: wenn ich von Dir erzähle, dann erzähle ich Deine Haaren immer mit. Ich denke: Wenn ich mit mir ausgehe, dann nehme ich meine Ängste immer mit. Ich denke: mich endlich wieder raus trauen, endlich wieder unter Menschen sein. Endlich wieder selbst ein Mensch sein.
– So müsste das doch gehen, oder?

Geht so.
Also dann endlich mal wieder ein Mädchentreffen und ich mache mit.
Gleichberechtigung – eigentlich immer noch voll gescheitert. Und ich höre mich empören, dass das doch ein gesellschaftliches Problem ist. Und dann stehe ich wieder da.
Nämlich als eine von uns sagt: „Ok, formulier doch mal die Frage zu diesem Problem!“

Wie mein Thema, meinen Kosmos, mein Universum, in eine Frage packen? Hallo hallo, das ist eine von möglichen Metaphern meines Lebens, metastasiert. Denn ich kann nicht. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr implodiert meine Farbwolke, bildet dennoch Ableger, die letztlich explodieren, verschwimmen, zu Staub verfallen. Alles Kolorit, Staub, Husten, Husten. So ist das in meinem Kopf. Und dann soll ich – was? Hat hier grad jemand was gesagt?

Später genau davon träumen, dass der verehrte Mann, der heimlich geliebte Mann, in meinem Traum, in meiner Utopie, der wie nach dem Aufwachen noch, aber auch noch zu wenig, da ist, mit an dem Tisch sitzt und dann eine Wiederholung: Ok, formulier doch mal eine Frage zu diesem Problem! und ich kann, kann, kann nicht, weil ich alles immer so groß und laut und bunt denke, sodass es letztlich nirgendwo mehr herein passt. Einfach und echt nirgendwo bitte glaubt mir das. Aber auch der in meinem Kopf Geliebte denkt das geht so nicht, denn er denkt anders als ich, es muss doch möglich sein, würde er vielleicht sagen, strukturiert zu denken, und ich bin empört, stehe auf, bin krank und ängstlich zugleich, alles sitzt tief und schwer und atmen ist auch nicht mehr so wie zuvor und es ist wie immer: nicht verstanden.
Ich gehe jetzt, ich gehe, das sage ich, ich verlasse Euch jetzt. Habt ihr wenigstens das verstanden?
Aller Weltschmerz in mir versammelt. Ich werde nicht verstanden. Ich werde nicht verstanden.

14

Ich wachte auf und plötzlich saßst Du da. Wieder: wie erklären? Meine Hände formen Schalen, damit sich endlich auch die Antworten setzen, sanft wie Regentropfen sich an meine Hände schmiegen, aber nichts geschieht, nichts geschieht und alles bleibt leer. Was soll ich tun, wo soll ich hin. Wie losgehen?

15

Ich habe zu viele Stifte. Vielleicht ist es das?
Würde mir bitte einmal jemand die Stifte wegnehmen, vielleicht dann.

Beuys hören. Kafka lesen. Danach geht’s meistens wieder ein bisschen.

16

Klingeln an der Tür.
“Können Sie ein Paket für Ihren Nachbar annehmen?”
“Ja, eh, sicher” (Sie erwischen mich im verwirrten Modus)
“Super. Name?”
“NH”
“Handynummer?”
… “Eh. Was?”
Lächeln. Lächeln: „Handynummer!“
… “Eh. Was?“

17

Mit Kaffeetasse auf den unteren Türrahmen setzen. Ein Bein innen und eins draußen, auch das wie immer.
Sehnsüchtig das Wetter erwarten, Sturm, Regen, Wind. Endlich.
Der Zorn muss raus, die Selbstzweifel auch.
Was ich empfinde ist zu groß für mein Herz und für meinen Kopf auch, es passt ja noch nichtmal auf meine Zunge, zum Schlucken, in meinen Mund auch nicht, obwohl ich genau für die Prägung eben dessen auch immer mal wieder Komplimente bekomme oder anderes – je nach Selbstbewusstsein und je nach Rolle, die ich nach Meinung der Anderen gerade habe. Aber ich bin so nicht. Egal, was wer sagt, ich bin so nicht. Put me on your „topics I know nothing about“-list.

18

Ich bin eine Frau auf einem bike.
Ich bin keine Frau ohne Ideen.
Wenn ich nicht alles auf einmal haben kann, dann nehme ich lieber nichts. So?

– Draußen: Regen. Jetzt. Endlich. Wind auch. Endlich endlich. Der Tag ist vorbei.
Ich bin es nicht. Guten Abend.

Likes