The ballad of bird and fox

Ein Kind in meinen Armen in der Nacht, und während des Schaukelns zittern mir die Knie. Was, wenn ich es nicht schaffe, dieses Kind sowie mich zu beruhigen.
So, wie es auch nie jemand schaffte, sich oder wenigstens mich zu beruhigen.
Was dann.

-They say that we can’t do it.
Let’s prove them wrong tonight-

Es ist nicht nur ein wimmerndes Kind, es ist nicht nur ein wütendes Kind, es ist eine Bewährungsprobe. Wimmernd, das Kind, vielleicht aufgrund der Träume, die nachts durch einen viel fantasievolleren Geist jagen, als wir es uns je erträumen könnten. Wütend, weil eigentlich will es doch nichts anderes als: schlafen.

Peaceful is the bird in the morning
Grateful is the fox in the evening
Gotta wake ‘em up!
Gotta wake that bird up!
Gotta wake ‘em up!
Gotta wake that fox up!

Ich singe.
Und während ich singe, denke ich auch kurz an Dich, der mir stets zu sagen pflegte: Ich glaube schon, dass Du Musik kannst.

So singe ich vom Aufwachen und meine damit Einschlafen.
Diese Ambilvalenz, sie ist mir so bekannt, sie ist so voller nicht erstrebenswerter Eintönigkeit, Durchsichtigkeit, dass sie selbst das Kind in meinen Armen erst zum Gähnen und dann zum Einschlafen bringt.

Wie lange stand ich hier, auf diesem Boden, in meinem Leben, und habe mit einem Kind im Arm einen Kampf geführt. Kinder gehören nicht in den Krieg gezogen. Ich habe meine Waffen niedergelegt, und mich friedlich frei getanzt.

„Ich finde Dich logisch“
Bitte wie?

Es macht keinen Sinn
Augenränder bis zum Kinn
Mein Körper völlig am Ende doch mein Kopf will grade beginnen

Ein anderer Tag, eine andere Nacht.
Und da sehe ich mich um halb vier Uhr morgens lehnend an der Küchenzeile Knoblauch schälen. Und während ich mir immer wieder sage, dass es darin Sinn geben muss, alles passiert zum Besten, alles passiert zum Besten, denke ich auch: Frieden mit den Männern schließen heißt Frieden mit Männern schließen
Was mache ich, wenn das stimmt.
Was dann.

Schuldgefühle, die mich in der Mitte auseinanderreißen
Manchmal möchte ich mir die Hände vor das Gesicht legen,
und so weiter leben for ever.

Es wird nie so sein, denke ich, dass Menschen verstehen, was sie nicht verstehen wollen.
Endlosschleife.
Durchgeschnitten.
Mir ein neues Leben eröffnet.

Knoblauch hacken, um viertel vor vier Uhr morgens. Teufelsaustreibung betreiben.
An Indien denken und dann an Dich.
Hold your body, not your breath, sagtest Du.
Hold your body, not your breath.

Ein Dialog

Ach du Schande, ach du Schande!
[Die Zuschreibungen der Anderen sind die Zuschreibungen der Anderen]
Wie, Schande? Wie kommst Du jetzt da-rauf?
Du kannst doch nicht ewig so weiter machen!
Ewig nicht, vermutlich hast Du recht… Aber nur für Sicherheit – womit denn eigentlich?
Ja mit diesem Leben.
Meinst Du damit, dass ich irgendwann sterben muss? Meinst Du das?
Nein, ich meine, so wie Du lebst.
Wie, wie ich lebe?
Ja, so.
Wie, so. Lebst Du etwa – anders?
Ja, siehst Du doch.
Nicht so richtig irgendwie. Versteh ich auch grade nicht, was Du meinst. Versteh ich echt nicht! Erklär mal bitte.
[Antwort in meinem Kopf: Ich verstehe eigentlich auch nicht und eine Antwort habe ich ebenfalls nicht aber das tut nichts zur Tatsache]
Du kannst damit jedenfalls nicht ewig weitermachen!
Aber – wieso nicht?
Ja – also ir.gend.wann muss man ja mal fertig sein [Zähnezusammengebissensehrfest]
Fertig sein womit? – Und bist Du schon fertig?
[Antwort: ausgeblieben]

Davon abgesehen: Ich will überhaupt nicht fertig sein und bin es gleichzeitig ja leider doch, man, Du kannst Dir nicht vorstellen wie sehr, aber das ist eine andere Geschichte ha-ha naja.

-Gespräche mit einem Toten
kein Ende, jenseitig:

„Ich habe dem dann gesagt „Sie wissen wohl nicht, mit wem Sie hier sprechen!“
Ja vielleicht wusste er wirklich nicht ich meine mit wem hat er denn gesprochen?
„Ich habe den sowas von zusammengefaltet das kannst Du dir nicht vorstellen. Und zusammenfalten, das kann ich!“ (stolz)
Stille.
„Ich weiß, dass Du das kannst.“
[Teetasse zwischen Handflächen: warm]

Wenn ein normaler Mann bei Dir rein kommt, der kann sich ja nur umdrehen und gehen
Jacke über Stuhllehne / Gardinen auf Boden / Matratze ebenso

Wann machst Du mal was Vernünftiges?
Ich bin enttäuscht von Dir!
Ich bin enttäuscht von Dir!
Ich bin enttäuscht von Dir!

„Ich will Dich nicht anhimmeln, aber es passiert(e). Einfach so.
Ich finde Dich so unfassbar spannend.“

Ich kann nicht mehr unfassbar sein, es tut mir weh.
Ich bin auf Spannung so sehr, was ich brauche ist in eine Nische legen, bestenfalls aus Mann bestehend.

Männer sind nicht gleich Männer, hier ist er doch, der erste Beweis.
Wieso glaubt der Kopf das nicht.

Verliebtheit und Verstand / Aggression und Aversion. In meinem Kopf fickt es sich gut.

Hast Du noch Fragen?
Ja, tausende.
Nein, Verzweiflungsgedanken hatte ich heute nicht.

Mann: Wachstum und Willenskraft

Mädchen: Was ist denn an dir bitte crazy das würde ich gern mal wissen

Frau: Du lernst immer so Männer kennen.
Ich: Ja aber ich bin auch so eine Frau.

Konsequenzen ziehen.
Aber doch hoffentlich nicht vermischen, das Kind auf den Armen mit dem Kind aus den Erinnerungen, der Mann von damals mit dem Mann von heute. Von weiter weg sieht man besser, näher dran werden Dinge oft kleiner. Letzteres hast Du mir gesagt und damit Angst gemeint. Aber vielleicht war ich schon zu weit weg, unerreichbar liebend lachend zweifelnd leidend schmerzend auf einer Matratze liegend, mit der Schwester sprechend.

Hat irgendwer nach mir gefragt?
Nein Schwester, niemand.
[atmen, wirklich ruhig]
Es ist doch gut. Ich werde nicht vermisst. Es ist doch gut.
Ich werde keine Vermisstenanzeigen aufgeben müssen
Ich werde nicht gefunden werden müssen
Ich werde mich nicht mehr verstecken müssen.

Die Wahrheit ist simpel

In meinem Leben stehe ich auf Zehenspitzen

Alles = ich. Ich = alles, was ich zu sein vermag. Ich = endlich. Endlich.

Likes

India.

Dienstag, 11. September 2018.
Tippe an und sage „Was bedeutet ambivalent?“

Wo bin ich.
Welcher Tag ist es. Ist dieser Tag überhaupt heute. Ist heute überhaupt ein Tag. 30 Stunden, soeben noch stand, ging, saß ich neben Dir.
Und auch neben Anderen, so vielen Anderen. 30 Stunden, ein Zug, ein Flug, ein Zimmer. 30 Stunden. Kurzer Schlaf mit langen Unterbrechungen. Good evening, good morning, excuse me, I don‘t know anymore. Ist das ein Tag heute? 30 Stunden. Langer Schlaf mit einer kurzen Unterbrechung.

Wo bin ich.

Nina, where are you.
I want you to come home save so please write me a message and I also want you to know that I’m sad, so sad and I walked down to the market today and I remembered how we walked there yesterday and I miss you a lot, I am sorry.

So sehr bin auch ich verletzt von innen und neben mir, dass ich beim Schreiben nicht einmal mehr das leise Rauschen, das Surren, das Flimmern der Stadt, um 5 Uhr morgens, wie laut kann es denn schon sein, ertragen kann. Alle Fenster zu. Stille.

Frauen in bunten Saris.
Frauen in koolen Jeans, mit kurzen Haaren und Rucksäcken auf Motorrädern. Frauen, die nackt auf den Straßen kauern. Frauen, die auf Toilettenböden sitzen.

Boys auf Motorrädern, die an roten Ampeln auf ihr Smartphone sehen.
Visier hoch, Blick runter.
Wehende Haare und Hemden. Indische Menschen haben so schöne Haare. Doch ich sehe nur die von schönen Männern.

Sowieso Männer.
Männer, die Zeitung lesen, während sie Auto fahren.
Männer, die sorgfältig gewickelte Turbane tragen, in weiß, rot, orange oder pink. Ich, wie ich ebendiese beneide, um die Freiheit, die sie haben, weil sie sie sich einfach nehmen. Einfach nicht nachdenken (müssen) über Kleider- und Haarlänge.

Männer, die lachen.
Männer, die zärtlich zueinander sind.

Manchmal denke ich, nirgendwo hat man mehr Angst vor Zärtlichkeit als in Deutschland.

Auf den Straßen: Menschen, die auf Asphalt liegen. Dort sowie hier.
Arbeiter, die während der Fahrt über die Schnellstraße auf dem Dach der Laster schlafen. Mütter, die ihre Kinder auf dem Schoß halten. Während der Fahrt im Auto, während der Fahrt zu fünft auf einem Motorroller. Kinder, die während der Fahrt auf ebendiesen schlafen. Kinder ohne Halt.

Wäscheleinen, die zwischen riesigen Strommästen gespannt sind.
Elektrokabel, welche die Sicht auf Besserung nehmen.

Autos, Autos, überall Autos. Müdigkeit aus allen Augen, aber niemand hier ist des hupens müde. Und doch finden sich einzelne Aufständische, die es mit einem Aufkleber versuchen, auf dem ein verzweifeltes „PLEASE“ steht, gefolgt von „Do not honk!“

Aber Delhi macht, was es will.

So stehe ich da, ungläubiges und stummes Staunen, und sehe auch den Mann, der über die Straße rennt. Ihm scheint alles egal zu sein. Vielleicht läuft er um sein Leben, um seine Liebe, denke ich, vielleicht ist es das.

„Nina.“ Ja, ich höre Dich, ich höre Dich. „Just go, don‘t you worry, nobody will harm you, you just have to go. Go with the flow.“
Okay, I said, and did so.

Eine Straße überquert und ein Blick auf den Mittelstreifen. Menschen, die da liegen. Kinder, die mit Müll spielen. Nichts (an)habend als winzige Unterhosen. Ein Kleinkind, ein Kleinkind. Soeben erst sitzen und doch schon strahlend lachen können, beim Spiel mit einer leeren Plastikdose. Nudity, dirt, waste, traffic.
Die Mutter, wo ist die Mutter, auch sie liegt und der Blick des Kindes geht zurück zu mir und wie soll ich Dich jetzt zurück ansehen, hm? Sag mir wie. Du siehst älter aus als ich, deswegen frage ich das.
„Nina, I said you should go.“

Zähne mit Mineralwasser putzen.
Schwitzend ins Bett legen, schwitzend einschlafen, schwitzend wach werden, schwitzend wieder aufstehen. Fenster auf: Hitze, Gestank, Autos. Delhi ist so eine Überforderung und dennoch: Ich bin ein wenig verliebt.

Den Ganges überqueren bei Nacht. Eine kurze Pause am Straßenrand. Das Leben hier geht bereits um 5 Uhr morgens wieder los. Oder hat es zuvor gar nicht erst aufgehört?

Hunde streicheln. Frauen, die mir mit Sorge in den Augen zuwinken und Gesten machen, die aussehen wie: Nicht anfassen, diese Hunde beißen. I don‘t think so, I replied, don‘t worry.

Einsteigen, weiterfahren, aussteigen.
Tragen, schwitzen, atmen.
Während Menschen, darunter auch Ich, auf einen Zug warten, holt die Frau neben mir nasse Wäsche aus einer Plastiktüte und wringt Kleidungsstück um Kleidungsstück auf dem Bahnsteig aus. Und sitzt da wirklich ein Affe auf dem Dach eines Zuges und isst Naan-Brot? Was habe ich heute eigentlich gegessen?

Ein Zug, endlich, und eine Fahrt durch verwunschene Landschaften. Raus aus dem Lärm. Rein in die Stille. Und auch hier wieder: das unbedingte Bedürfnis, mich in einen See oder auf ein Feld fallen zu lassen. Stattdessen: ankommen.
Wollte ich das?

What is your name?
My name is Nina.
Oh, Nina.
Nina is actually an Indian name.
Did you know this?
There is a main charakter in a popular online game, and she is called Nina.

What is your name?
My name is Nina.
Oh, Nina.
Nina is actually an Indian name.
Did you know this?
We have an actor here in India. She is very successful and her name is Nina.

What is your name?
My name is Nina.
Oh, Nina.
Nina is actually an Indian name.
Did you know this?
Currently it‘s not that popular, but in my father’s generation it is very much.

Oh, Nina.

„Many women which came here were abused by their stepfathers“, she said.
But I never had any stepfather, hadn‘t I?

Diese Hitze wird immer schlimmer. Der eigene Schweiß immer unerträglicher.
Wo soll ich hin?

Allein sein, allein sein.
Ängste haben. Ängste aushalten. Ängste auskotzen, ausschwitzen.
Wissen, dass auch das vorüber geht.

Nichts, Nichts, Nichts.

Nach so vielen Tagen Nichts ist es an der Zeit, zurück zu Dir zu kehren, beschließe ich, zurück in die Stadt, in der Du wohnst, und Du hasst es doch so sehr, hier zu sein. „Nina, please let me know, when you’re arrived. I’ll meet you there.“

Der letzte Tag ist angebrochen und eben diesen verbringe ich nur noch mit Dir. Hast Du keine Angst, dass man Dich mit mir sieht, frage ich. Nein Nina, habe ich nicht.

Bist Du sicher, dass Du es machen willst, F. Du musst das nicht.
Ja, bin ich.
Bist Du sicher, dass Du es niemandem verraten wirst, Nina?
Ja, bin ich.

Okay, so let’s go.

Ein Markt und Menschen und Schweiß und Geschrei, wunderschöne Farben und alles berührt sich und so etwas habe ich noch nie gesehen. Bist Du sicher, dass Du dahin willst, das hast Du mich zuvor mehrmals gefragt. Ja natürlich, habe ich gesagt. Natürlich bin ich sicher. Und da stehe ich und bin ein Mensch voller Erstaunen und Glück und Du siehst mich an und lachst: „I can’t believe that you are so happy at this place Nina, so happy. I can’t believe it.“

Alle Menschen hier sind herber, aber auch gleichzeitig angstfreier zueinander. So schiebst Du jeden beiseite, der uns im Weg steht. Ich sehe Dich an und Du sagst: „Was. Ich habe ihn nicht geschubst, nur zur Seite geschoben“ und so, wie Du die Menschen berührst, so berührst Du auch mich. Selbstbewusst, zärtlich, leicht und warm.

Ich muss sehr viel Geld verdienen, es ist wirklich sehr wichtig. Geld zu haben ist hier sehr wichtig, sagst Du.
– Du F., sag mal, was ist denn, wenn Du nicht mehr arbeiten kannst, weil du krank bist zum Beispiel.
Dann ist es so, dass Dir Deine Familie some support gibt und falls nicht, stirbst Du eben. Nobody cares.

War ich die Frau, die noch vor kurzem lapidar sagte, Geld sei nicht wichtig?
Das war doch ich, oder?

Mein Kosmos.

Come on, Nina. Don’t you want to drink a cup of Chai with my family. I’d be so pleased.
– I don’t know F., I don’t know. Actually I’m not that good in hanging around with families but that is a long story u know.
Okay, okay, no pressure, no pressure.

Eine leise Rikshah und da sagst Du einen Satz: „You are, but I am not that handsome.“
Das stimmt überhaupt nicht, sage ich, und meine es so.

Am Ende dann eine Umarmung und so viele warme Worte.

Ruhe, Ruhe, zwei Stunden, was soll ich tun. Was sind schon zwei Stunden, gefüllt mit Kummer und Ratlosigkeit. Es sind vier Minusstunden. Stunden, die einen trotz Ruhe nur noch müder machen.

Aufstehen, aufstehen. Wie konnte alles so schnell gehen. Eben stand ich doch noch unter einer warmen Regendecke and thought about you and all those messages, full of love in one of it’s diverse performances you were sending to me and btw what does this weather do to my hair.

Oh my.

Maybe this is also the reason why there is love over love in your letter?
Das Wetter macht meine Haare schön.

Ja, ja, ich komme ja schon, keine Sorge. Bitte, Danke. Ja. Danke sehr.

Und dann der erste Schritt raus auf diese Straße, immer noch ist es Nacht, oder ist es wieder Nacht? Ich weiß es nicht. Was ich jedoch ganz genau weiß, ist, dass Du erstmalig nicht wie sonst immer und sogar wenige Stunden zuvor noch genau dort auf mich wartetest. Heimlich und immer dann, als sich unsere Blicke trafen, kehrtest Du mir für kurze Minuten den Rücken zu, und ich folgte Dir, bis wir uns in ein Netz aus Anonymität fallen ließen.

All those streets that we‘re walking are empty now. Empty streets, full of waste. Only cats and dogs were searching for a tiny piece of luck, however that may look like. Was this the place we left behind?

Ich erinnere mich an den ersten Moment, als wir uns sahen. Wie Du dort standest, als hättest Du nur auf mich gewartet, und das hast Du ja auch.
– I wish you’d be the one who‘d bring me to the airport, I type.

Nina, Nina.
Where are you now. I couldn‘t get some sleep. I think I should come to the airport now.
No, please not, please not.
Please don’t stop me.
Please don’t come. Please not, please not.

Okay Nina, okay. Whatever you want, I will accept it.

Let’s play a lovegame, play a lovegame, cause we like it so much.

Wieder mal ankommen, ohne da zu sein. Der letzte Tag ist fast vorüber, und da stehe ich also, mit allen Anderen, und trage ein Geheimnis mit mir herum. Keiner sieht es, nur ich fühle die Vibration, message for message. Love and appreciation too. Ich lache in mich hinein, füttere das Geheimnis, welches in mir wächst. Menschen lächeln mich an. Indische Menschen haben so schöne Haare.

Where are you now. I couldn‘t get some sleep. I think I should come to the airport now.
No, please not, please not.

Einsteigen, Platz nehmen.
Da ist kein Weg mehr zurück.

Ich erinnere mich an den Hinflug. Ich, chipsessend auf boarding wartend. Ich, wie ich beim Aufziehen meines Rucksacks fast den gesamten Inhalt auf dem Boden verteile. Do you need help, a friendly looking woman asked. No, I replied, I only look like this. Ein Flugbegleiter, der beide Daumen nach oben hält und „Super“ sagt, als ich auf die Frage „Angeschnallt?“ mit „Ja“ antworte und mein Gefühl daraufhin: kindlicher Stolz. Ich habe so viel nachzuholen. Ein Sitznachbar und Ingenieur, der zur Begrüßung „Na, Sie haben ja Glück“ sagt und damit meinen Sitzplatz meint, den ich mir zuvor selbst aussuchte. Mein Gefühl daraufhin: kindlicher Stolz. Ich habe so viel nachzuholen. Der Ingenieur erzählt mir viel über das Land, welchem wir uns gemeinsam nähern und welches er alle drei Monate bereist. Später wird er fast fürsorglich fragen: „Konnten Sie etwas schlafen?“

Der Rückflug: Ein Rumms und da sitzen Sie. „I think that’s your’s.“ Ich nicke und sage: Oh. Thanks. Auch sagen Sie: Man man man und man ey und Sie atmen schwer, so schwer. Ich sehe Sie an aber Sie sehen auf den Boden. „Endlich nach Hause“, sagen Sie zu Ihrem Mitreisenden. „Endlich wieder Fleisch essen. Endlich wieder normale Menschen sehen.“ Und am Ende sagen Sie: „Guck mal, wie schön, die Sonne in Deutschland. Meine Sonne.“

Wissen Sie denn nicht, dass es nur eine Sonne gibt? Wissen Sie es vielleicht wirklich nicht? Wir alle leben nur von einer Sonne. Dies ist eine Metapher gegen alles rechts von mir.

So viele Reisemöglichkeiten, wie viele Rikshas, Autos, Bahnsteige, Flugplätze habe ich heute gesehen? Kann man von heute sprechen, wenn ein Unterwegssein länger als einen Tag dauert? Menschen, Menschen, die aus einer Tür herauskommen. Und eine Frau, die im Rahmen stehen bleibt, mit ihrem großen Koffer und viel Ratlosigkeit in den schwachen Armen. Mit einem beherzten Griff packt die vor mir stehende Frau den Koffer, aber die alte Dame hält fest. „Sie müssen loslassen!, Sie müssen loslassen!“, rufen die Menschen der älteren Dame zu. Ja, genau, loslassen, denke ich, aber diese lässt nicht los. So zieht man sie eben gemeinsam mit dem Gepäck aus dem Zug heraus. Halleluja. Festhalten hilft nicht.

Nina, where are you. I want you to come home save so please write me a message and I also want you to know that I’m sad, so sad. I walked down to the market today and I remember how we walked there yesterday and I miss you a lot, I am sorry.

-Don’t you remember, F., we spent so many hours at the market, in Riskhas and cars, drank tea und ate candies, don’t you remember and don’t you forget. That was a present to you and to me, we should appreciate.

I know, I know, it will get better in a few days, I know.

Die Absicht bzgl. India war auch die, etwas dort zu lassen.
Die Absicht bzgl. India war auch die, etwas mitzunehmen.

Was denn jetzt, Frau.

Thank you, thank you, India

Likes

Du hast mir so viel gezeigt. Und ich mir erst: 50 – 58

50

Meine Beine, nackt, wie sie sind. Vernarbt und ein wenig verliebt und nicht sehr straff, ein wenig nur, auch das. Diese Beine umarmen Dein Äußeres. Bist Du mehr als das? Bist Du (noch) da? Wirklich? Und manchmal, glaube ich, lege ich kurz das Kinn auf meine Hände, die widerum auf Deinen Schultern ruhen. Das erste Mal also, seitdem ich mit Dir zusammen bin, kann ich meine Nähe fließen lassen. Fast, fast. Ich weiß nicht mehr, was es dabei berührt. Aber Moment, das ist ja fast das Ende einer Geschichte. Als hätte ich es bereits vorher gewusst, begann ich mit dem Ende dieser Geschichte.

51

Ok, lass uns ein Stück laufen, ok? Ein Stück, vielleicht zu dem Fluss, mit Proviant?
Gut, meine ich.
Welches Proviant magst Du. Ich würde sagen, wir besorgen dort etwas. Und ich sehe nicht, wohin Dein Finger zeigt, aber es ist auch nicht wichtig, denn: Ich weiß nicht, sage ich, mir ist alles zu viel.
Ok, sagst Du, wir laufen einfach, and I ask myself: Sind wir nicht genug Proviant?
Müssen wir weit laufen?, frage ich, warum frage ich das. Laufen kommt meinem Zustand entgegen.
Ich würde vorschlagen, wir nehmen diesen Bus hier, sagst Du, als der Mann, der oft gute Lösungen hat.
Ich weiß nicht, mir ist alles zu viel, antworte ich.
Ok, schon gut, wir laufen, sagst Du, als der Mann, der oft simples Verständnis hat.

Eine Brücke, eine Straße, was ist denn. Wenn ich könnte, aber ich kann noch nicht, denn noch lerne ich, aber wenn ich schon könnte, so hätte ich dich kurz am Arm gefasst und das Tempo raus genommen und gefragt „Was ist denn?“, aber eventuell war das auch nur ich, die nicht wusste, was war.

Ein Schluck Wasser.
Darf ich auch einen Schluck.
Ja, natürlich
Oh, Du hast Durst, sage ich.
Du siehst mir zu, während Du trinkst. Und ich wünschte, ich könnte das genau so, Dir zusehen und wichtiger noch: mich ansehen lassen. Bin ich verwirrt oder verlegen oder nur schüchtern wie es heißt

„Ich kann kaum sprechen“, sagst Du
„Ja, das verstehe ich“, sage ich und dann: “Du hättest absagen können, ich hätte es sehr verstanden. Aber jetzt, jetzt bin ich hier und ich habe viel zu sagen und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Willst Du vielleicht beginnen?“
„Nein, nein“, sagst Du, „red‘ bitte weiter.“
Und so rede ich weiter.
Vielleicht habe ich zu klar gesprochen, aber aufhalten konntest Du mich auch nicht mehr.
So weit weg warst Du bereits, vielleicht schon in anderen Armen.
„Nein, nein“, sagst Du wieder, „so ist es nicht.“
„Ok, aber wie dann.“

Ich verstehe nicht, was Du sagst. Wer von uns beiden hat sich was vorgemacht?
Du weichst mir aus, Du weichst Dir aus. Das ist es. Oder bin ich nur überheblich und eigentlich diejenige, die ausweicht, Dir und mir. Du kannst Dich nicht so für mich entscheiden, wie ich mich für Dich entscheiden könnte, und ich meine damit nur einen Moment, wer kann schon wissen, wo wir morgen sind, aber Du scheinst es nicht zu verstehen, und ich scheine es ebenso nicht zu verstehen. Gut, sage ich, dann beschließe ich mich eben: Das ist mir nicht genug.

Dann war Stille und die Sonne schien und alle anderen gingen mit Proviant in einen Park und alle anderen waren glücklich, nur wir nicht. Oder vielleicht waren wir es doch?

So stand ich da, broken heart disease ganz plötzlich, erstickt an meinen eigenen Worten, alle sind glücklich, nur wir nicht, alle sind glücklich, nur wir nicht, merkte ich es dann selbst: „Ich kriege keine Luft mehr“, sagte ich, und streckte die Hände in Richtung Himmel, „ich bin kurzatmig jetzt.”

Du bist so couragiert, sagst Du. Wenig später wird das Mädchen zu mir sagen: Das hat noch nie ein Mann zu mir gesagt.

Brauchst Du einen Rucksack für Deine Reise?, fragst Du. Was soll das heißen, einen Rucksack, Ich so zu mir. Ich trage doch einen Rucksack. Siehst Du ihn nicht.
Ich habe einen, in den einige Kilogramm passen. Du musst wissen, was Deine Prioritäten sind, sagst Du.
Ist das eine Metapher, frage ich mich. Brauchst Du einen kleinen Koffer, antwortest Du, so einen habe ich auch. Du kannst ihn Dir gleich ansehen. Ich kriege so schlecht Luft. Sag mir, wie kann ich atmen.

So!, sagst Du, und zählst mit mir beim Einatmen 1 2 3 4 und beim Ausatmen 1 2 3 4 5 6.

Dann ist es wie immer eine Grenze, die es zu überwinden gilt, und ich kann gut klettern, aber nicht in Sandalen, die kein Profil haben. Und wie damals gingst Du vor und ich ließ mich einfach auf Deine Haut fallen, weil es ja auch keine Alternative gab und die Sandalen rutschten zuverlässig, im Supermarkt mit Einkaufswagen macht das besonders viel Spaß, aber das hier, das war kein Einkauf und Du, Du warst zwar stabil, aber nicht aus Stahl und auch nicht direkt kalt, eher lebendig und flexibel aber nein, Du warst kein Fels, an dem ich lehnte. Und ich lachte ganz, ganz leise in mich hinein, während ich mir beim Boden verlieren zusah, ich mag es, wenn das Schicksal seine Größe zeigt. Aber eigentlich war ich mehr ruhig und Du warst es auch. Es war wie damals.

Und irgendwann sind wir da. Und ich weiß gar nicht: Ergibt es noch Sinn, hier zu sein. Vielleicht denkst Du das Gleiche, denke ich, und Du beginnst zu laufen und zu sammeln und ich beginne zu sitzen und auszupacken. Sind wir ein Klischee am Fluss? Ich will es auch noch nicht wahrhaben, es ist vielleicht das letzte Mal, dass Du Feuer machst und ich Dir dabei zusehe. Ich lege mich, ich lege mich, ich kann Dir dabei nicht zusehen, solch ein Trauerspiel, aber am Ende, da kann ich auch nicht widerstehen. So, als hätte mich eine Panik ergriffen, so setze ich mich und beginne mit der Genauigkeit, die ich durch einen anderen Mann lernte, zu beobachten. Jedes Sandkorn, jeden Handgriff und jeden Atemstoß sehe ich. Ich sehe, wie Du alles zusammenlegst, auch die großen Baumstämme und es sieht elegant aus für mich und es ist auch souverän, wie Du diese nur ein einziges Mal und langsam und kraftvoll zugleich auf die Felsen schlägst, die vor Dir Platz nahmen. Und als ob das Holz Deine Sprache spräche, zerfällt es in zwei gleiche Teile, lässt es sich spalten, ohne Gegenwehr, fast, als wäre es Dir dafür noch dankbar, lässt es sich in Dein Nest tragen, welches doch Eliminierung bedeutet. Eliminierung. Wieso bist Du dabei so souverän. Seht ihr es denn nicht, möchte ich fast warnend flüstern, aber ich sitze wie gebannt in der Beobachtung, einer Lähmung verfallen. Und ihr wollt mir erzählen, telepathiere ich, ihr hättet Jahreszeit um Jahreszeit Naturgewalten standgehalten, dem Wind, dem Regen, der gnadenlosen Hitze? Und einmal fallt ihr in sanfte Hände und gebt nach. Ich weiß, wovon ich rede, denn auch ich kenne Naturgewalten und auch ich bin in sanfte Hände gefallen, und doch gab ich so schnell nicht nach. Ich habe wenigstens noch um mein Leben gekämpft und mich zu beherrschen versucht. Es ist ein Verrat, beschließe ich. Ihr seid verräterisch und dafür werdet ihr jetzt brennen.

„Feuer?“ fragst Du.
„Feuer“, sage und reiche ich. Ich kann auch souverän sein, denke ich. Seit wann machst Du Feuer mit einem herkömmlichen Anzünder. So nachlässig, wo sind Deine Kräfte hin. Bist Du wirklich so ausgemergelt. Und nur so schnell, wie ich auch sehen konnte, ergaben Feuer und Feuer Feuer. Und so schnell saßen wir vor unserem Kind und bestaunten es. Und es leuchtete und wärmte auch. Wir waren zu Eltern geworden und ich weinte weil der Rauch.

“Erzähl doch mal“, sagst Du. Ich weiß nicht, antworte ich, es ist nicht die spannendste Geschichte der letzten vier Wochen. „Doch, ist sie“, sagst Du, und ich verstehe schon, das hätte mich verführen können, wäre es die Wahrheit gewesen, aber vielleicht verstehst Du nicht: Ich bin anspruchsvoller als Du glaubst, ich säße sonst nicht mit Dir hier, Metaebene, und auch bin ich nicht mehr die Frau, die Nein sagt und Ja meint. Und hättest Du gewusst, welches die spannendste Geschichte der letzten vier Wochen gewesen ist, es hätte Dich bestimmt beeindruckt und gereizt und auseinandergezogen, aber wahrscheinlich hätte es Dir auch nur noch mehr Angst gemacht. Und so erzähle ich Dir nicht die spannendste Geschichte, sondern die, welche Du für die Spannendste hältst und um welche Du batst.

Ich will Dir nicht zu nahe treten, so beginnst Du Deinen Ratschlag kundzutun, oder ist es vielleicht auch nur eine Meinung, weißt Du, sagst Du, wenn Kinder plötzlich die Rolle der Eltern übernehmen und die Eltern sie so behandeln, beispielsweise, als wären sie Erwachsene, stell Dir vor, sogar so, als wären es ihre Partner, sind es dennoch Kinder. Sie werden immer Kinder bleiben, so sehr Du dir auch wünschst, dass sie Erwachsene wären, aber das sind sie nicht. Sie bleiben Kinder. Sie bleiben Kinder. Es ist so.“

52

Meine Schwester, meine Schwester, sage ich nur einen Tag später, sitzend auf dem Boden, woanders kann ich nicht bestehen, versteh es doch. Sie werden immer Kinder bleiben, so sehr Du dir auch wünschst, dass sie Erwachsene wären, aber das sind sie nicht. Sie bleiben Kinder. Sie bleiben Kinder, es ist so. Lass ruhen den Stein, er trifft Dein eigenes Haupt, und während ich das singe, fange ich an zu weinen, in das Telefon hinein. Es wird kaputt gehen, es wird ertrinken, denke ich, so, wie wir bereits ertrunken sind. Schwester, Schwester, sagst Du, wieso weinst Du denn. Es ist nicht meine Idee sage ich, die Idee, sie ist von ihm. Sie hat mich gelöst. Es war seine letzte Idee für mich. Sie war nicht schlecht. Es tut mir so leid, sagt die Schwester. Ja, mir auch für Dich, sage ich.

53

Wir laufen, wir laufen. Und plötzlich ist da dieser Hund und er knurrt und er bellt. Was will er uns sagen. Will er uns aufhalten. Laufen wir in verkehrte Richtungen? Was machen wir falsch, so sag es doch. Normalerweise, das heißt, wenn Du nicht bei mir gewesen wärst, ich hätte mich zu dem Hund gelegt und ich bin sicher, er hätte sich von mir beruhigen lassen. Ich kann bellende Hunde beruhigen. Ich kann ihnen über den Kopf streicheln, auch, wenn sie bellen. Aber ich war ja selbst so aufgelöst. Ich war ja selbst so unsicher. Ich hätte mit einem Kniefall alles nur noch schlimmer gemacht und nicht mal mehr der Hund hätte mich verstanden. Ich hätte alles nur noch schlimmer gemacht, denn dann hättest Du gesehen, dass ich nichtmal mehr das kann.

54

SMS-Verlauf

Ich weiß, ich weiß. Aber immer vage, Hauptsache vage. Angst ist das. Vielleicht habe ich es aber auch nur nicht verstanden. Was denkst Du, verstehe ich Dinge nicht? –
Ja, alles passiert zum Besten, ich weiß. Wer nicht bleiben will, muss gehen gelassen werden.

55

Wir kannst Du nur so sein, möchte ich wissen. Hast Du es erlernt, möchte ich wissen. Hat man dir so die Liebe gezeigt. Ja, sagst Du, aber das war früher. In die Stille hinein denke ich es: Nein, es ist heute, siehst Du es nicht. Und wäre der Raum für Dich möglich gewesen, ich hätte meine Hände vor das Gesicht geschlagen und Deine Tränen geweint.
Aber ich wollte Dir nicht zu nahe treten.

Eine Fahrt durch die Stadt und ich glaube, Du lachst. Ich kann Dich mit meinen Armen berühren, wieso kann ich das plötzlich. Und dann sind wir da, endlich und auch unglücklicherweise.

Du bist wie manchmal nur schneller mit allem.

„Hier“, sagst Du, als ob Du wüsstest, was es für mich als Linkshänderin bedeutet, einen Helm zu öffnen, der für die Mehrheit gemacht ist. Du siehst mich an und hilfst mir nicht wie beim letzten Mal. Du siehst mich nur an und sagst mit einer ruhigen Stimme, die mir neu und so vertraut auch ist: Es gibt eine Art Gurt, daran musst Du ziehen. Ich mache das genau so, wie Du es sagst, und bin frei. Isn‘t it ironic.

It is and it is not, all at once.
For it isn‘t just because I trust in practical things you say. You are one of few men who can manage an aspiring daily life. Who can start and put out a fire at the same time? That‘s why I was lying without fear in the field, while the fire took slowly over the place. „Do you have control over it?“, I asked. „I have“, you replied and I lay down again, and neither my backpack or my feet didn‘t asked What if all the people are right and as soon as you can even understand something everything will burn and with everything you‘ll burn. And it‘s meant as an image, at least regarding the sentence before the second last. However. It was you who showed me how to put out a safety helmet. However.

56

So schleppe ich mich selbst neben Dir und zähle die Stunden, die ich bereits wach bin. Es sind zu viele. „Ich muss jetzt hier hoch“, sage ich und zeige auf ein Schild mit der Nummer 5. Habe ich ein Deja vu? „Ich möchte da allein hoch gehen“, sage ich. Ich habe ein Deja vu.
„Was ist, wenn ich Dich einfach nach oben begleite?“
„Ich bitte Dich, das zu respektieren“, sage ich.
„Ok, ok, gut“, sagst Du.
Und da breite ich meine Arme aus oder warst es Du, der sagte: Muss das sein?
Beides würde passen, zu Dir, zu mir.
Meine Bereitwilligkeit, die vielen Arme um Dich und Deinen Körper zu legen und Deine Bereitwilligkeit, ein Ja und Nein aus einem Mund gleichzeitig heraus zu sprechen. Muss das sein. Ja, sage ich, und umarme Dich mit der letzten Kraft, die ich noch habe. Sie ist nicht sehr stark, aber sie ist da.

Under normal circumstances, ich hätte meine Hände vielleicht kurz in Deinen Nacken gelegt. Denn jetzt, als es irgendwie vorbei war, fühlte ich mich freier. Als bräuchte ich mich nicht mehr zurückhalten, weil ich es ja sagte: Keine Angst, ich lasse Dich gehen. Vielleicht, wäre die Kraft nur ein wenig mehr da gewesen, hätte ich auch noch Deine Arme angefasst. Deine Arme. Ich weiß gar nicht, wie ist sie, Deine Haut. Kalt oder warm. Ich weiß es nicht. Dabei hattest Du es mir noch angeboten. Oder hattest Du es eigentlich nur Dir angeboten? Und ganz, ganz eventuell, wenn das mit den Armen in Ordnung gewesen wäre, hätte ich beide Hände an Deine Wange Wange gelegt, ich hätte gesagt. Danke sehr, danke sehr, ich konnte wachsen, ich konnte reifen, danke sehr, mit Dir als Medium konnte ich so viel über mich selbst lernen, einen Vorgeschmack konnte ich erhalten, auf das, zu was ich fähig bin, wenn da nur jemand sitzt, der ebenso fähig und bereit ist. Danke sehr, auch wenn ich nicht lieben konnte, ich konnte wachsen, ich konnte reifen und ist das nicht irgendwie das Gleiche wie lieben. Danke sehr.

Und leider weiß ich gar nicht mehr, was wir wirklich sagten, während wir da so kurz umarmt standen, so sehr hatte ich schon einen Schutzwall gebaut, ich habe nichts mehr gehört und gesehen und vor allem nicht gerochen oder gefühlt, aber ich glaube, irgendwas sagten wir. Ich erinnere nur noch deine letzten Worte zum Abschied, wie immer ein wenig charmant und ironisch. Aber da sehe ich mich schon gehen. Zwei Stufen auf einmal, als könnte ich nicht schnell genug von Dir weg kommen. Ich habe mich nicht umgedreht, ich habe das noch nie gemacht.

Was ist mit Dir, bist Du stehengeblieben. Ich werde es nie mehr wissen. Aber ich kann leben damit. Es hätte ja nichts geändert. Noch mehr Schritte auf Dich zumachen, während Du stehen bleibst, ich hätte das wohl nicht verkraftet.

Und da bin ich schon. Menschen, Menschen, noch nicht, aber langsam, langsam, und ich bin müde, so müde, aber ein bisschen bin ich bei mir. Ein Foto habe ich dann von mir gemacht. Dieser Abend, meine Erschöpfung, meine Schwäche und meine Stärke, meine Sprachlosigkeit, alles soll mir in Erinnerung bleiben. So sehe ich aus, wenn ein Kampf vorbei ist, wenn etwas verloren und etwas gewonnen wurde.

Der Weg zurück dann auf den Beinen. Männer schauen mich an. Was denn.
Der Weg nach Haus ist so unglaublich lang. Relativitätstheorie. Einstein. Jüdisches Leben. Ist heute Schabbat. Ich weiß es nicht.

Ein guter Mann. So heißen Playlist, Ordner und Notizvorlagen zu Dir. Ein guter Mann. Gute Menschen lassen gute Menschen ziehen, wenn sie es nicht mehr gut meinen mit einem. Wenn Sie weiter ziehen wollen, müssen. Ein guter Mann geht seinen Weg, eine gute Frau geht ihren.

57

Slip inside the eye of your mind
Don’t you know you might find
A better place to play

58

Eine Playlist

1
2
3
4
5
6 Uhr, habe ich geschlafen. Bin ich ins Bett gekommen. 6 Uhr, ich kann es nicht fassen. Wie ich aufwache und das erste, was meine Sinne vernehmen, ist Feuer. Feuer in meinen Haaren, in meiner Unterwäsche, in meinen Händen. Selbst mein Bett, es brennt. Und als wäre das der rettende Instinkt, fällt Wasser aus den Augen auf all die Laken, wir löschen jetzt, sagt jemand. Aber es ist vergebens. Salzwasser, das hilft bei anderen Dingen, aber doch nicht bei einem Brand. Halt es zurück, es wird schlimmer.

Wie kann ich aufstehen. Wie kann ich aufstehen.

Du kannst aufstehen, weil Du weißt, es gibt Menschen, denen geht es so viel schlechter als Dir. So kannst Du aufstehen. Tür zu, Wasser, Wasser, wieder ein Löschzug.
Essen?
Es ist vielleicht unangemessen, aber zu arbeiten jetzt ist es ja auch. Nachrichten, Nachrichten. Auch hier: Es gibt Menschen, denen geht es so viel schlechter als Dir.

Wenige Stunden später, sitzend in einem Hausflur, finden Sie das komisch? „Und dann haben sie mich an der deutsch-niederländischen Grenze erwischt. Mit sieben Kilo K***. Und dann ging‘s bergab. Das war 1992.“

Wie sehr ist bergab, wenn es seit 1992 geht. Ich rechne.

„Ich verstehe“, sage ich dann und schweige erstmal. So sitzen wir da, im Hausflur einer Arztpraxis. Und immer, wenn neue Erkrankte kommen, fragen sie mit erstickten Gesichtern: Oh. Ist noch geschlossen?

Nein, eigentlich sitzen wir hier aufgrund einer Angststörung, ausnahmsweise mal nicht meiner eigenen. Denn jemand anders kann nicht mehr allein das Haus verlassen und im Wartezimmer mit anderen Menschen, das geht schonmal gar nicht, es sind schließlich Menschen. Ist doch klar, macht doch mal die Augen auf, denke ich. Jemand, der neben mir sitzt, sagt: „Nein, wir sitzen nur so hier / dort drinnen ist es mir zu voll, zu warm, zu viel. So gehen Sie doch bitte hinein.“ An mich gewandt sagt Jemand: „Ich wünschte, ich wäre unsichtbar.“ „Ja”, sage ich, “das verstehe ich sehr gut.”

10 Uhr und schon ist alles vorbei.

Was ist mit ihm los, was stimmt nicht mit ihm. Ich sehe es doch. Ist es die Unruhe, schon wieder? Von einem Raum zum nächsten, so stützen sich 91 Jahre von Raum zu Raum und suchen Halt. Ich bin 31 Jahre alt und suche Halt. Sind wir wirklich so unterschiedlich?

91 Jahre, langsam, langsam, aber entschlossen und immer wieder kehrend.
Du sprichst nicht klar, sagte ich zuvor. Wie kannst Du die anderen so abwerten, nur, weil sie nicht Deiner Meinung sind. „In meinem Leben habe ich dreimal mit nichts als einem Rucksack angefangen, nichts hatte ich mehr, nichts! Ich war Flüchtling, Kind. Und alles habe ich allein geschafft, vergiss das nicht!“, sagt er, als er mich ermahnt. Und ich denke: Was hat das ausgerechnet jetzt damit zu tun?, und gehe trotzdem auf Dich ein. „Meinst Du denn wirklich, Du wärst heute der Vater, der Du bist, hättest Du nicht die Frau, welche Dich und Deinen Rucksack in die Arme schloss.“ Und das Gespräch kann er gerade nicht weiter führen. Aber wieder kommt er, das hat er gesagt. Die Unruhe, immer diese Unruhe. Ist es Dein letzter Kampf. Und welchen Kampf führe ich hier. „Der läuft wieder weg“, sagst Du, welche die Mutter aller Mütter für mich ist, weil sie nie an wen anders als an ihre Kinder dachte. Eine Mutter. Vielleicht kämpfe ich ihren Kampf. Ich halte mir die Hände vor den Mund, wahrer wird’s heute nicht mehr. Ich sehe sie erst nur an und meine Blicke, sie sagen es. Sie sagen: Noch nie habe ich Dich so nachdrücklich sprechen hören. Was ist passiert.
Wovor denn, frage ich.
Vor allem und seit immer höre ich Dich sagen.

Dass ich mich nicht übergab an diesem Morgen, in die Keramikschüssel, in die ich den noch warmen Kaffeefilter legte und gleichzeitig meine Hände stützte, dass ich mich nicht übergab vor Erschöpfung und vor Offenbarung, das war fast ein Wunder.

Und als ich das denke, stehst Du wieder da. „Ich finde es nicht richtig, dass Du allein verreist!“, sagst Du nun schon zum zweiten Mal, wie jedes Jahr. „Ja, ich weiß“, sage ich wie jedes Jahr und wenn Du könntest, würdest Du mich zurückhalten, ich weiß. „Ich bin so froh, wenn Du wieder zurück bist“, sagt sie wie jedes Jahr. „Ja“, sage ich, wie jedes Jahr. So sitzen wir da, und wie seit jeher messen wir unseren Blutdruck, immer der Reihe nach. Was für ein seltsames Ritual. 160 zu 121. „Das kann doch nicht“, sage ich an die Mutter aller Mütter gewandt. Denn ich war immer besonders stolz auf meinen konstant angemessenen Blutdruck. Kann es das Herz sein, welches brach, kann es das wirklich sein? Oder ist es die Rebellion in mir: Keiner von Euch nimmt mir mehr meine Freiheit. „Halt den Mund dabei“, sagen 91 Jahre und manchmal, nicht mehr oft, aber manchmal muss ich über die Art, wie Du sprichst, in mich hinein lachen. Ich weiß ja, wie Du es eigentlich meinst. Ich antworte also nicht und messe erneut und nehme nun auch den anderen Arm. 91 Jahre lassen sich fallen und sagen: Das Leben ist so kurz und trotzdem so lang. 121 zu 72.

57

Ich sage alles ab, wenn Du das willst
Ich bin so fertig, antworte ich, ich kann gar nichts mehr. Meine Augen fallen aus meinem Kopf heraus, so schwer sind sie. „Keine Panik“, sagt das Mädchen. Ich stehe auf, ich schäle mich heraus hier und sehe plötzlich mein eigenes Spiegelbild, es ist so viel schlimmer als am Abend zuvor. Aber auch irgendwie schön, weil es so echt dabei ist und denkt: Niemand kommt mich heute mehr besuchen.

Ich sage alles für Dich ab, das höre ich auch Dich sagen.
Nein, danke, wofür denn.
Ok, na gut. Aber Samstag, Samstag kommst Du? Alle freuen sich auf dich.
Samstag Samstag, wo ist da der Mann mit dem Feuer, in welcher Stadt, in welchem Land, wie auch immer, nicht da und egal ja eigentlich.
Mit „Alle“, meinst Du da Menschen?
Oh es tut mir so leid.
Und da weine ich.
Oh es tut mir so leid.
Ich weine nicht nur wegen mir, ich weine auch wegen ihm.
Ich weiß, sagst Du, ich weiß. Und: Ich bin schon auf Deiner Straße, ich kann es schon lesen, das Straßenschild. Da wohnst Du Frau, dort wohnst Du. Möchtest Du denn keinen Besuch.

Nein. Ich möchte keinen Besuch. Zitronenwasser. Überleben.
Morgen ist es vorbei. There is no static atom.

Sometimes I wish I could feel lighter.
But then I wouldn’t be a writer.

Likes

Das Mädchen: Planeten und Tomaten

Lohnt es sich, aufzustehen?, frage ich. Mädchen sei ehrlich, sage ich.
Ja, meint das Mädchen und ergänzt: Aber den Mars, den hab ich noch nicht entdeckt.
Ich stehe auf und sehe den verdeckten Mond und sage: Da ist er doch.
Wer. Na der Mars. Was. Ja. Wo. Na da. Komm mal zu mir rüber. Oh wow, da ist er, tatsächlich. Wow. Toll.

Stille gefüllt mit Staunen und Kaugeräuschen. Wie Tomaten klingen, wenn man sie zerbeißt.

Wie ist das denn jetzt nochmal, fragt das Mädchen, wenn die Erde und der Mond und die Sonne… Und ist die Erde oder die Sonne so groß wie der Mond oder spielt das keine Rolle weil ja eigentlich alles nur angestrahlt wird und Projektion ist wenn…
“Oh Mädchen nicht, alles ist so weit weg, ich komme da nicht mit jetzt, weiter als hier komme ich heute nicht.”

So lehne ich an einer warmen Hauswand, vor mir, auf dem Dachtisch, eine große Schüssel Tomatensalat.
Seit wann esse ich so etwas? Seit es das Mädchen gibt?

„Denkst Du eigentlich daran, dass wenn Du A. morgen triffst, Du heute Knoblauch gegessen hast?“
Nee, meint das Mädchen, und nimmt den Blick nicht von der Linse.
Ok, sage ich, weil ich schon.

„Guck mal“, sagt das Mädchen und nimmt kurz den Blick vom Mond und sieht zu mir und meint mit einem schelmischen Lächeln und funkelnden Blick: „Guck mal wie spannend das sein kann, trotzdem es so langsam ist, ne?“

Dann lacht das Mädchen richtig herzlich und dann lachen wir beide richtig herzlich.
Diebische Freude. Wie schön wir sind.
Und obwohl ich alles verstanden habe frage ich mich doch: worüber lachen wir denn eigentlich?

Ach egal, denn die Hauptsache ist, wir lachen. Auf den Dächern dieser Stadt. Verführt von einer Sommernacht und Asphalt. Und aufgrund einer Metapher, wie sie im Buche steht, läuft mir vor lauter Lachen Vinaigrette aus dem Mund heraus. Kurz darauf hatten wir uns aber auch wieder beruhigt, keine Angst, wir sind nicht immer so laut, denke ich.
Aber immer wieder stieß eine von uns einen kleinen geheimen Lacher aus.
Ha ha.
Ach ja.

Dann dachte ich, ich möchte anfangen, Männern eine Chance zu geben und ich möchte anfangen, Tomaten zu essen und das Mädchen dachte, wieso kriege ich das Bild nicht so hin, wie ich es möchte, habe ich mich umsonst professionalisiert oder wie.

Echt lecker Mädchen, echt lecker, lobe ich, danke.
Ja ja schon gut antwortet es und guckt und staunt und versucht wirklich alles, was da oben passiert, fotografisch einzufangen. Einfangen. Darf man das?

Guck mal!, sagt das Mädchen und zeigt mit dem Finger in den Himmel.
Ein Wetterlicht, ein Wetterlicht. Ein Wetterlicht? Was ist das denn?
Es ist orange! Orange!

Ja, da staune ich auch, das gebe ich zu.
Es ist wirklich sehr schön und kurz halte ich auch die Luft an.
Da sagt das Mädchen: Alles ist orange, das ist ja sehr verwirrend ne.

Meine Tomaten und dieser Sud übrigens, sind auch orange, antworte ich, wenn man es mal so betrachtet. Und das sehen wir so, wie es jetzt ist, auch niemals mehr im Leben. Also ich sage das nur so von wegen down to earth oder Kirche im Dorf it’s always a question of perception.
Naja.

Kurz zuvor saßen Mädchen und ich noch auf einer Couch, ich die Beine weit von allem gestreckt. Und das Mädchen, das war ganz aufgeregt bzgl. der anstehenden Sache regarding sky full of stars. Hin und her ging es, von Dach zu Küche zu Dach und ich war so überfordert und aus der Balance, dass ich nicht sicher war, ob ich 5 Minuten oder 5 Stunden bleiben könnte, auf das Dach steigen oder nur liegen bleiben könnte. Da jedenfalls sagte das Mädchen: „Ich kann mir einen Sommer ohne Tomaten nicht vorstellen.“

Likes

911

Eine Tomatensuppe, nur eine heiße Tomatensuppe, denke ich, und dann schnell wieder zurück in das Bett, welches dort auf mich wartet. So laufe ich, eine dampfende Schüssel in meiner Art Mitte, ich wäre auch gern in meiner Mitte, eingewickelt in einem Tuch, und ihr könnt es Euch vielleicht gar nicht vorstellen, aber es ist, als würde das Kind erfrieren. So laufe ich, schnell, schnell und der bedrohte Inhalt, wie eine Ladung Ozean, schwappt er doch über sein Ufer, Nein!, und Spritzer dann aus Blut auf dem Boden aus Holz und ich wurde erinnert. Nein!, ein Schrei. Und wenn ich könnte, ich hätte meine Hände auf die Seiten der Wangen gelegt und Deine Hände dann vor meine Augen.

Ähnlich damals, da legtest Du mir meine Hände auf die eigenen Augen. Was sollte das wohl heißen. Sollte es was bedeuten? War es ein Zeichen, und war ich es, die das nicht deuten konnte?

-Und wenn ich könnte, ich hätte meine Hände auf die Seiten der Wangen gelegt und Deine Hände dann vor meine Augen.

Aber Du bist nicht da und meine Hände sind nicht frei.
Frei machen, frei machen, ablegen, abgeben. Auf den Tisch.

Boy, sag mal, damals, schreibe ich fast atemlos, als hätte ich was zu vergessen, damals hast Du mir wenige Stunden danach die Haare geschnitten, es war mein Wunsch und als ich meine Haare wusch, da sahen wir es, wie da plötzlich überall Blut war, und Du hast es einfach weg gewischt, so erinnere ich das, erinnere ich das richtig?

Ja, ich erinnere es genau so. Ich habe Dir einen Zopf gebunden und genau darüber abgeschnitten. Aber es warst nicht Du, die blutete. Vergiss nicht, dass es nicht Du warst, die blutete. Ich habe das trotzdem alles aufgewischt. Ich werde das nie vergessen.

Ok danke ich auch nicht.
Essen wir zusammen zu Mittag vllt?
Ich arbeite girl es tut mir leid.
Ach so.

Moment mal, da ist ja noch Suppe.
Moment mal, Suppe, sage ich so und nehme Dich in Deiner Schüssel in die Hände,
ich bin der Fluß, und Du bist das Floß ja. Ich bin der Fluß und Du bist das Floß ok.
Also bitte also wirklich come on.

Nicht künstlich sein. Kunst machen, Kunst sein. Mit meinen Händen, mit meinem Körper.
Mein Körper soll die Farben dieser Welt tragen & then I see my true colours. Finally & endgültig und finally. Nackt, wie ich bin, nicht metaphorisch, denn nach einem langen Tag ist alles zu viel, also ausziehen-ausziehen-ausziehen. Und wenn ich dann nackt und bunt auch bin so, lege ich mich auf den Boden und rudere mit den Armen und drehe meine Haare und forme Fäuste mit meinen Händen. Alles dann voll farbig und Hand-, Mund- und Brustabdrücke, alles nur von mir auf diesem Boden.
PVC.
Ich traue mich das nicht.

Ich muss mir Möglichkeiten schaffen.
Ich muss mir neue Räume schaffen.
Wer hat einen Kunstraum für mich.
Ich bleib hier liegen. Egal, was passiert oder wer was sagt. Ich bleib hier liegen.

Du bist edel, sagst Du.
Auch die Wünsche, die Du hast. Edel.
Ich habe Angst, sage ich.
Du bist edel, sagst Du.
So von innen heraus.
Ich habe Angst, sagst Du.

Dieses Gespräch und eine letzte Idee ausgetauscht, aber das ist nicht zu verstehen als ein Fazit weil wir keinen Schlussstrich unter unsere Thesen ziehen.

Die Idee: „Tja, so schnell geht’s von einem wilden, lauten und übermütigen ‘Wir haben doch nichts zu verlieren’ zu einem leisen und zurückhaltenden ‘Vorsicht, Mensch, Vorsicht’“. Ich habe das gesagt und Du hast zugestimmt, beide Male, und es sogar selbst verwendet und mit immer neuen Kontexten versehen. Auch ich mache das, aber meine Idee, während ich hier sitze: So schnell geht’s von ‘Nichts zu verlieren’ zu ‘Wir haben verloren, wir haben verloren. Was ist, wenn wir verloren haben. Was ist, wenn nicht?’. Meine Idee ist das also während ich hier sitze und mir den Kopf halte, während ich allein mit ihr bin, mit der Idee, und das ist meist nicht gut, denn das Alte gewinnt, nicht das Wilde, die Idee, sie kriegt Kinder oder baut sich einen Strick daraus und ich kann es nicht mehr vom Kessel nehmen.

Ein Ergebnis, welches für Minuten gilt: Ich denke mal, das wars. Ich denke mal, das, was wir sind, sind wir nicht mehr. Das habe ich in der Nacht vor Tag 0 gedacht. Im fiebrigen Halbschlaf. Immer der zitternde Wimpernkranz.

Und gerade jetzt, als wir dann sprechen und uns schnell atmend fragen: sollen wir doch nochmal, nur auf ein schnelles Glas Tee, zwischen gepackten Koffern und Arbeit, Arbeit, Arbeit? Macht es all das nicht schlimmer. Weil wer weiß, welches Bild wir dann mit uns nehmen, wir Verstörten, wenn wir verreisen. Und ich liege doch hier schon so, so nackt und so erschöpft, dass ich nicht mal mehr Unterwäsche tragen kann, aber das sage ich Dir nicht. Nein, entscheiden wir irgendwie gemeinsam, lassen wir es besser sein. Und kurz bevor die Wochen beginnen, Tag 0, möchte ich heulen vor Verzweiflung. Warum eigentlich? Vor Verzweiflung, ja ja, schon klar, aber warum denn eigentlich? Schau doch, girl, nichts ist, wie Du es denkst. Ja und? meint Ich, Ich heult jetzt, beschließt Ich – ich heule jetzt, beschließt wer? aber dann – dann bringst Du mich mit Deiner Maßlosigkeit so zum laut lachen, dass ich das schon wieder vergaß und erst heulte, als wir auflegten und uns kurz zuvor auf ein großes Wiedersehen für danach einigten. – Ich bin nicht wie meine Mutter. Und wer weiß, ob wir das durchhalten. Wer weiß, ob wir uns festhalten. Wer weiß, ob ich das festhalte, wer weiß, ob ich mich vor lauter Angst und Schmerz nicht frei schwimme. Ich bin gut darin, mich frei zu schwimmen.

Es gab Zeiten, da lief ich durch Räume, und dann roch es nach Feuer. Und als ich meine Hände wusch, dann stieg aus mir heraus Rauch auf und es roch nach Feuer. Fielen mir die Haare über das Gesicht – es roch nach Feuer dabei. „Mensch, wonach riechst Du denn?“ wurde ich zu dieser Zeit, sie ist nicht so lang her, immer wieder gefragt, immer fordernd, so tendenziell mit skeptischem Blick, weil so wie ich, so roch keine, und so wie ich damals roch, so roch ich auch noch nie zuvor, Menschen erkannten mich nicht mehr. Aber ich antwortete genau darauf dann immer mit besonders viel pride: „Ich?“, fragte ich, „Ich rieche nach Feuer!“
Jemand, der Du immer noch bist, hat stets Zündstoff dabei, und manchmal Feuer für sich und mich gemacht, immer mal wieder. Neben einer Skateranlage, auf einem Balkon, an einem Fluss, und ich habe es lange Zeit mit nach Haus genommen, obwohl man das eigentlich nicht darf, aber es war so schön und danach dann war alles erleuchtet.

Das Feuer hatte mich gesucht,
nicht ich das Feuer.

Feuerwehr 112. Hallo hilfe ich bins. Feuer, deswegen rufe ich an. Hi.

Und da sagen sie es schon, nun, da draußen und drinnen diese Trockenheit herrscht und selbst die tapfersten Geschöpfe gezwungen sind loszulassen:
Das hätten Sie doch vorher wissen müssen. Es hätte Ihnen doch klar sein müssen!

Ja vielleicht, aber was ist ein Leben ohne Risiko?

Ein Waldbrand!, ein Waldbrand kann entstehen!, das rufen sie, weil sie sind grade so glücklich, überhaupt etwas sagen zu können: Menschen.

Das Feuer, es könnte einen Waldbrand auslösen, so tönt es aus allen Lautsprechern, weißt Du das denn nicht. Mach es aus jetzt, mach es aus, jeder sagt es Dir. Ich halte mir die Handflächen an den Kopf, schon wieder, aber Fehler, schon wieder, weil diese Warnungen die kommen auch von innen. Es hilft also nicht, das mit den Händen. Mach es aus, es ist doch so einfach.

Mich macht alles traurig, schreibe ich. Someone please call 911. Das tut mir so leid, schreibst Du.

„Sie haben eben einen unsicheren Bindungsstil“, sagt meine Therapeutin und will mich wohl beruhigen. „Was denn schwierig, Beziehungen eingehen oder halten?“ fragt mein Therapeut und will mich wohl provozieren. Ich komme darauf, weil er mich so ansah und lächelte dabei. Oder war ich es, die zuerst lächelte? Ich komme darauf, weil er fragte Warum lachen sie denn so und ich sagte Weil ich immer schon die komischsten Dinge witzig fand.

0

Entschuldung, hallo, darf ich, darf ich vielleicht da sitzen? Ich zeige mit dem Finger auf einen Sitz, auf dem ein Rucksack liegt und die Männer verstummen und ich nutze diese Lücke, diese entsetzliche Lücke: „Ich muss unbedingt nach draußen sehen und diese Scheibe”, ich zeige auf ein ergrautes Stück Grau, “die ist beschlagen, aber das war nicht ich, das war vorher schon so“, sage ich erklärend. „Oh, ja klar“, so einer der beiden Männer, als er sich wieder fand. Und der Andere hebt seine Tasche ebenfalls und sagt: „Möchten Sie in Fahrtrichtung oder eher anders sitzen?“ Ich zeige mit dem Finger noch immer auf die gleiche Stelle und glaube, nicht ernst genommen zu werden und sage: “Da möchte ich gerne sitzen.” Sehe ich etwa aus wie eine Frau die nicht weiß was sie will oder was.

„Setzen Sie sich“, sagen beide Männer gleichzeitig. Männer haben laute Stimmen. Ich setze mich. Das ist so nett, danke, sage ich und denke: Entspann Dich mal Frau Du bist auch nett.

0

Heute Morgen noch, als ich aufwachte, und kurze Zeit später das Handtuch über die Heizung legte, dachte ich es das erste Mal in diesem Jahr. Ich habe Sehnsucht nach einem Wetter, welches nach Heizung verlangt. Und dann das Auffälligste: Ich bewege mich zu wenig. Ich bin steif geworden. Vor Angst, mich falsch zu bewegen, was heißen würde, von Dir weg, spanne ich alles an und die Schultern sind schmal und angespannt und ich kenne mich, demnach weiß ich, was das heißt.

Diese zwei Wochen, beschließe ich, die lebe ich nun nur für mich. Ich gehe in der Nacht spazieren, ich koche eine große Schüssel Nudelsalat, nur für mich. Ich werde auf meinem Bett sitzen und staunen. Ich höre auf, Obst für zwei zu kaufen. Wieso verlerne ich so schnell für mich allein zu sorgen und stattdessen immer für den anderen mit, sobald jemand mit mir ist und falls es dafür einen Grund gibt, ist das ein guter?

0

Ich bin ein Mensch, dem entgegengekommen werden sollte.

0

Eine kurze Geschichte von einem Mädchen, mehreren Frauen und vielen Tauben

Ein großer Platz. Tauben, viele. Menschen, viele.
Ein Mädchen, eine Freundin, Kinder und Erzählerin. Das Mädchen wird begleitet von einer Gang.
Mädchen und Gang treten nach Tieren.
Erzählerin: Hey girl. Mach das mal besser nicht so. Denke mal, das tut den Tauben weh und Dir eigentlich auch, ok?
Mädchen: Ok.
Frau 1: Ja richtig! Wie fühlst Du dich denn, wenn jemand nach Dir tritt, hm? Wie fühlst Du dich dann? Soll mal jemand nach Dir treten? //

Frau 1 geht weiter, bevor Mädchen hätte antworten können:
Nein, nach mir soll auch keiner treten. (for example)
Erzählerin: Hör mal Kind, es ist nicht schlimm, dass Du das getan hast, nur vllt. für später mal einfach anders, ok? Also alles gut. Bis bald.

Eine Freundin, Kinder und Erzählerin:
Sonne, Pommes, keine Angst und Zufriedenheit. Alle und keiner von uns. 1,1,2,1.
Da kommt das Mädchen mit der Gang und in seinen Händen hält es Brot. Wie es lacht, das Kind, und dabei Tauben füttert. Die Tauben-Traube wird immer größer und alle lachen und fast alle halten sich die Hände vor die Münder, so war es doch. Oder?

Alle lachen, bis Frau 2 kommt, sich nur wenig zu dem Kind beugt und mit strenger Stimme sagt:
Hey Du da! Tauben darf man nicht füttern. Weißt Du das denn nicht.

Ende.

0

Erwachsene Menschen sind die allerschlimmsten Menschen, die es gibt. Stellt Euch mal vor, es gäbe eine Welt nur mit Kindern und Tauben, und das Ergebnis wäre Frieden und Tauben aber ich meine nicht Friedenstauben.

Ende.

Likes

42 – 49

42

Vor vierzehn Tagen noch. Ausgebreitet wie die Hälfte einer geschälten Mandarine, alles muss raus, denke ich, alles alles muss raus, auf dem Rücken liegen, atmen. Die Schenkel weit geöffnet, weit auseinanderstehende Schenkel, wie ein Frosch so weit denke ich. Oder wie die Flügel eines Schmetterlings. Nur, dass dieser grad nicht fliegen, sondern nur noch fallen kann. Hände auf dem Bauch, Herz aus dem Hals heraus. Alle Gefühle entfesselt, ich schlucke und schwitze und heule auch. Dieses Mal, da war die Angst so schlimm, dass ich mich besser hinlegte auf eine Matratze dachte ich, weil wer weiß, how long can I still stand this und nicht, dass ich nachher noch auf den Kopf falle. Ich sorge mich ja um mich, weil ich mich eigentlich auch lieb hab so. Naja.

Also ich dann. Wie eine Ergebene. Ich denke an kalten Orangensaft, ein Glas nur, das würde vielleicht helfen. Die Farbe. Und ich bin mutig, so mutig, das denke ich auch, während ich so daliege und mich ergebe, fast auch übergebe, (wem?) und auch denke ich kurz mal lachend über den Übermut der Angst von wegen Über-Ich: Nimm doch was Du willst, das Wichtigste bekommst Du nicht. Denn wie Du weißt, ich habe das jetzt schon mehrmals gesagt und das heißt, dass ich es genau so meine, ich habe den Kampf eröffnet, deswegen nochmal rebellieren und Grenzen testen jetzt, schon klar, so ein letzter Akt der Verzweiflung. Und natürlich auch nochmal aufbegehren, weil ich mich nicht mehr aufhalten lasse von Dir, tust Du so groß, aber ich gehe trotzdem weiter. Du weißt, ich habe Recht und eines Tages wirst Du dich mit Deinen eigenen Waffen schlagen und wenn hier jemand Existenzberechtigung im Körper dieser Frau hat, heutzutage, dann bin das ich. Aber ok, bitte, you scared rebel you, do what you need to do. Ich ergebe mich derweil und spare mir die Kräfte. Ich kämpfe nicht mehr gegen Dich, ich kämpfe für mein Leben jetzt. Augen zu.

43

-Hallo ich wollte fragen ob Du Lust hast, dass wir uns bald zusammen irgendwohin legen, auf eine Wiese zum Beispiel.
-Sehr gerne
-Kool.
-Bzgl. Hinlegen vllt. wenn nicht heute wann dann?
-Ja, Du hast Recht. Ok, ich komme.
-Also kool. Dann bis gleich.

44

Bäume, Bäume. Diese Bäume, so habe ich sie noch nie gesehen. Ok, komm, lass uns hierhin legen und wie eigentlich immer erzählst Du mir dann eine Geschichte und oft lachst Du am Ende, weißt Du das? Vielleicht über die Ironie einer Sache oder ich weiß es nicht. Ich jedenfalls, ich sage oft nichts, weil so Geschichten, die finde ich iwie groß weil universell. Ja, Zeit denke ich mal. Weiter liegen, Kirschen essen.

Und irgendwann dann zeigst Du mir etwas, das Du kannst und ich bin so vergnügt dass ich mir die Hände vor den Mund halte und wäre ich weniger müde dann wäre ich sicher noch vergnügter gewesen. Wie amüsierend muss es sein, sich ein ganzes Leben lang zu amüsieren? Das habe ich mal in einem Theaterstück gehört.

Als Du dann so neben mir sitzt und auf einmal meine Hand nimmst und dazu auch noch meinen Arm und ich kurz zurück ziehe weil nicht dass Du mir was brichst, Du aber sanft fest hieltst und mich dehntest um mir zu zeigen, wie Du gern eingerenkt werden würdest, und ich mich fallen ließ, als Du das getan hast, und das fiel mir erst Tage später ein, obwohl irgendwas daran besonders war, hab ich irgendwas gefühlt, aber auch das erst Tage später. Seltsam.

Kurz noch challengen im Unterarmstütz, Du hast gewonnen.
Ok, lass mal gehen jetzt.
Ich bin müde, ich bin so müde, und kognitiv so überlastet,
dass ich Angst hab, zusammenzubrechen wenn ich jetzt aufstehe.

Guck mal, sagst Du, als wir aufgestanden und schon ein Stück gegangen sind, Du bist gar nicht zusammengebrochen. Ja, stimmt, hey!, kurz freue ich mich und dann sage ich; Erinner‘ mich nicht daran, denn sonst wird es doch noch passieren.

Hereinspaziert! steht da. Warum auch nicht. Ok dann. Komm einfach. Hereinspaziert! Warum auch nicht?

Dich in meiner Küche stehen sehen, mein Musikinstrument lehnt an Deinem, denke mal, das braucht es vorerst auch so.

  • Tauschen?

Und dann, kurz als Du gar nicht siehst was ich sehe und Du was liest, da stehst Du da, als hättest Du kurz geträumt von Wundern, die Du nicht verstehst, dabei bist Du doch eigentlich das Wunder in here.

Ich weiß gar nicht recht, denke ich – wohin mit Dir? In Armbeuge? Kopf? Herz? – In meine Mitte? Zwischen die Schenkel?
Aber dann, wenn ich Dich so beobachte, denke ich auch: Eigentlich bist Du ein Mann, von dem man niemals zu träumen wagen könnte. Hab ich aber trotzdem schon gemacht.

45

Mir ist, als wäre mir schlecht vor Liebe, schlecht vor Angst, schlecht vor allem, was mir entgleiten könnte. Als hielte das innere Kind fest, was doch die erwachsene Frau schon längst begriffen und losgelassen hat. Hallo hallo, you dont need this anymore.

Aha ja ja so so.
Na gut, dann weitermachen mit Leben, weil is schön iwie auch.

Im Leben beeindruckende Frauen treffen, immer wieder. Beeindruckende Frauen treffen, die erfolgreich sind und dennoch, mit einer Hand an ihrem Ring der anderen Hand drehend, mit sich und dem Leben hadern und immer und immer wieder einen Schluck Wasser trinken. Ja, so wird sie vielleicht aussehen, eine Art der Zukunft.

46

Ich sehe das schon in Deinem Blick, er ist ehrlich, auch das sehe ich, aber hey, möchte ich sagen, es sind über zehn Jahre vergangen seither und es war ja auch nur ein Treffen glaube ich. „Mehr“, sagst Du so, als hättest Du gezählt, die Jahre meine ich. „Ich habe ein Foto gefunden, als Du damals…“ „Ja, ja, ich weiß, aber ich war jung, tut mir leid, ich war jung.“ Ok dann – sage ich und nehme die Hand des Patenkindes, wir müssen jetzt echt los, wir müssen zu einem Spielplatz jetzt, es war ihr ausdrücklicher Wunsch, ciao dann.

Du wirst es wohl nicht gewusst haben, aber während ich mit Dir sprach, hätte doch der Mann, dessen Sein ich derzeit einerseits verstehe und auch nicht verstehe, weil was habe ich damit zu tun und andererseits bedenke und begehre, das habe ich damit zu tun, direkt aus mir heraus kommen müssen. Ich bin besetzt von etwas, werde geliebt und gewertschätzt grade für das, was ich bin fühle ich. Siehst Du das echt nicht? Also ich schon, deswegen frag ich. Weiß ich ja auch generell grad nicht, wie die Anderen mich sehen. Und Du hast es wohl echt nicht bemerkt,
bemerkenswert.
Wie konntest Du nicht wissen, dass ich derzeit mit einem anderen Mann Tee trinke, so, wie man ihn in Palästina trinkt? Oder auch so, wie man ihn aus dem Ayurvedischen kennt, wenn nichts anderes mehr hilft. Je nachdem. Ich versteh das nicht. Wie konntest Du nicht wissen, dass da derzeit auch nichts heran kommen kann, dass ich derzeit unantastbar bin? Ich meine: hello from the other side.

Denn später, später, als hättest Du auf mich gewartet, klopfst Du an eine Scheibe, hinter der ich sitze, und sprichst schon mit einer aufgeregten, aber doch erwachsenen Stimme: „Entschuldige, entschuldige, ich wollte Dich nicht erschrecken. Ich wollte, ich wollte nur fragen, ob… ob vielleicht… ob Du Lust hättest, nächste Woche oder auch jetzt bald schon einen Kaffee oder ein Bier oder was Du willst also…“ Ich schüttle den Kopf, „Nein“, sage ich, „nein, tut mir leid.“ „Ok“, sagst Du, „ok, ich verstehe.“ Ok ciao.

Hoffentlich war ich dem Patenkind jetzt ein gutes Vorbild, denke ich, während wir fahren. „Bist Du angeschnallt?“ frage ich. Hoffentlich konnte ich ihr subtil, also ohne Vorschrift, weil sie soll selbst denken weil sie kann das, klar machen, dass man immer Nein sagen kann. Erziehung bringt ja nichts, Kinder machen einem eh alles nach. Erziehung bringt ja nichts, Kinder machen einem eh alles nach. Hoffentlich habe ich das jetzt richtig gemacht für sie. Hoffentlich. Naja.

47

Manchmal möchte ich, dass mich jeder versteht.

48

Wenige Tage später auf dem Weg zurück sein und auf diesem Weg zurück, wird mir klar, dass mit mir etwas passiert ist. Ich merke schon, wie ich die Dinge anders ansehe, wie ich plötzlich auch größer sehe. Mein Blick ist weiter, geht das? Wie alles plötzlich ein differenziertes Bild ergibt, als hätte es auch gleichzeitig nichts mehr mit der Frau zu tun, die ich zuvor war. Dinge fügen sich, es ist ein Bild, es hat mehr Farbe, es ist eine Performance, es hat mehr Flexibilität.

Von Dir zu kommen heißt in Frieden zu gehen schreibe ich in mein Notizbuch.
– Wer schreibt da?

Menschen gucken mich an.
So lang sie mich nicht erkennen, ist alles gut.
Ich möchte allein auf dieser Welt sein.
Vielleicht.
Christoph Schlingensief hat sich das auch mal gewünscht, damit er heulen und schreien kann.

Warum bin ich so confident, wenn ich allein bin?
Warum fühle ich mich so wohl, wenn ich mit mir allein bin?
Warum laufe ich dann so furchtlos?

Das Musikinstrument, welches Du ausgebessert hast, ich halte es noch ungeschickt in den Händen, genau so aber ist es vielleicht auch mit Dir. Vielleicht, man wird sehen, passt Du zu mir, und wenn es da etwas geben sollte, repariere ich das, aber noch halte ich Dich ungeschickt in meinen Händen.

Jedenfalls – das Instrument, es schläft seitdem auch mit mir in meinem Bett, es ist jetzt ein Teil von mir geworden, weil ich immer auch daran denke, es zu Ausflügen mitzunehmen, wenn ich welche mache und wie es wohl wäre, es dabei zu haben und wie, wenn nicht. Und wie es wohl wird, wenn ich es spielen kann. Falls überhaupt.

Aber Du denkst, ich kann das. Und ich weiß wirklich nicht, ob Du das sagst, um mich zu komplementieren oder um mir Sicherheit zu geben oder weil Du dir vielleicht auch so sehr wünschst, dass ich eine Frau mit musikalischem Talent bin, aber das bin ich nicht, ich glaube wirklich, das bin ich nicht.

Doch, ich denke schon, dass Du es kannst, sagst Du.
Vielleicht kann ich es dann irgendwann auch nur, weil Du es von Anfang an glaubtest, denke ich.

Ich kenne diesen Mechanismus. So funktionierte mein ganzes Leben. Was habe ich nicht alles schon einfach gekonnt, weil ich glaubte, dass ich es kann? Mich selbst genährt, gehalten, erzogen. Was habe ich nicht schon alles einfach getan? Frag mich lieber, was ich alles noch nicht getan habe. Aber anders herum, so herum, habe ich das seltener kennengelernt. Das wäre bestimmt auch zu schön gewesen.

So schlendere ich also nach Hause, Friede ist mit mir, das erste Mal seit langem fühle ich mich sehr sicher und ich bitte darum, möge ich all meinen personifizierte Ängsten begegnen, jetzt, denn ich kann das. Aber nichts passiert! Das darf eigentlich echt nicht wahr sein.

Ich setze mich dann noch auf die Holzbank einer Gaststätte. Wie oft bin ich früher hier gewesen?

„Bist Du Musikerin?“ fragst Du mich, wie immer mit interessiertem Blick.
Ich finde Dich lustig, weil Du kellnerst, und ausgerechnet Deine größte Schwäche ist das Vergessen. Es passierte schon so oft, dass ich etwas bei Dir bestellte, und Du nochmals raus kamst und mit einem verlegenen Kratzen hinter dem Ohr sagtest: „Eh…“
„Nein“, sage ich, „aber vielleicht irgendwann mal.

Ich bin zu winzigen Teilen ein Wunder an der Bar. Wunderbar und wandelbar.

Wie sehr wünsche ich mir, dass Du mich mal so sehen könntest, wie ich bin, wenn ich mit mir bin. Wenn ich mir einfach sicher bin. Wenn die Nähe mich nicht vermeintlich angreifbar macht. Vermeintlich vermeintlich, bald hab ich’s.

49

SMS-Verlauf 1

20:12: „Hiiii… Deine Freundin hält morgen einen Vortrag zum Thema Institutioneller Rassismus glaubst Du sie schafft das? Deine Freundin datet seit zwei Wochen den gleichen Mann, glaubst Du, das wird was? Deine Freundin ist morgen Abend in Deiner Nähe, glaubst Du, da passt was?“
23:12: „Nina hab das grad erst gelesen aber bin noch wach und habe Muffins im Ofen also könntest kommen“
07:00: „Meine heute“
14:34: „Ja geht auch“

SMS-Verlauf 2

„Hi. Findest Du, ich bin leicht zu lieben? Wenn man mich neu kennenlernt?“
„Ich denke, ganz am Anfang ja, mit viel Begeisterung usw., dann könnte ich mir vorstellen, dass eine Phase mit Hürden und sich finden kommt, und wenn man es in Phase 3 schafft, glaube ich mit sehr viel Tiefe und Kraft.“
„Kool danke.“

SMS-Verlauf 3

„Du hast vorgestern, als wir so da saßen, iwie meine Hand und meine Finger genommen, und dann hab ich glaube ich kurz weg gezogen, Reflex vllt, und Du hast dann Arm genommen und kurz gehalten und gestreckt so, um zu zeigen wie für Dich wenn einrenken. Und seltsam. Ich habe mich erst gestern Abend daran erinnert, obwohl irgendwas daran besonders war. Ich hab das nicht geträumt denke ich.“

Ein Anruf! Ein Anruf! Bist Du es? Ja Du bist es! Du bist es!

Du sagtest was von elektrischer Schock oder so
Ja
Ja ich hab das auch gefühlt
Ehrlich?
Ja klar.

Ich versteh halt nicht so viel von sowas bzw. eher so verstörend wenn jemand fühlt wie ich weil eher selten so deswegen sorry.

Likes

30 – 41

30

Imagine there‘s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky

31

Bike, Zug, Fuß, Zug, Bike. Stadt 1, Stadt 2, Stadt 1. Beeilung damit ich Dich noch telefonisch erwische weil ich eine Antwort von Dir brauche: Würdest Du auch so fühlen wie ich?

Dann wieder Bike, dann wieder Arbeit, dann vertan, weil doch kein Firmenwagen, oh nein, ok, egal, I manage anyhow. Bike, schwitzen, Vorfahrt nehmen. Sorry Leude, aber es ist unser erster Termin allein und ich möchte nicht zu spät kommen.

Schwitzender dann im eigenen Auto sitzen, der Kopf voll mit Was meinen wir nur, wer wir sind? Und wenn Du jetzt darauf antwortest, dann breche ich zusammen, das sehe ich ein, und zu meiner eigenen Seenotrettung schalte ich den Flugmodus an. So. Und dann bin ich schon bei Ihnen, es ist nur eine Minute, die ich zu spät bin, also eigentlich bin ich gar nicht zu spät möchte ich damit sagen. „Wollen Sie einen Kaffee“, fragen Sie. “Darf ich aufrauchen”, fragen Sie. Natürlich, sage ich, wer bin ich denn, Ihnen eine Zigarette zu verweigern. Und dann: gemeinsam Gedanken sortieren, Schulden begleichen und als Letztes noch Lebensmittel einkaufen.

Und während ich so da stehe, zwischen Regalen, Sie ließen mich zu lang außerhalb der Hilfestellung, weil Sie das allein machen wollten, kann ich nicht widerstehen, ich beende den Schwebezustand mit nur einem Klick und aus den Wolken heraus fallen sie in meine Hände, es sind kleine Luftballons, die nach einer langen erschöpften Reise, it’s such a question of perception, endlich in meine, meine Hände fallen, ich kann sie gar nicht zählen, so viele sind es. Alle schmiegen sie sich an mich und ich beginne zu lesen und doch nicht, denn ich bin nicht allein, ich bin nicht allein hier, erinnere ich mich, als ich mit trommelndem ❤️ in einem Supermarkt stehe und es geht jetzt nicht um mich und dann sehe ich Sie an, wie Sie das Leben ansehen, und es doch nicht verstehen, ich verstehe Sie.

„Geben Sie mir einfach die Tasche, ich trage das“, bestimme ich und lege die Hand mit den Luftballons beiseite. “Ich mach das schon, entspannen Sie sich, wir haben Zeit.”
Danke, sagen Sie, ohne Sie hätte ich das jetzt nicht geschafft.

Einsteigen, aussteigen, rein kommen, ankommen. Katzen begrüßen uns, wie viele sind es.

„Wir frühstücken jetzt erstmal“, bestimmen diesmalig Sie. Wer hat wem das Bestimmen abgesehen? Als ob Sie es wüssten, dass Essen bei mir gerade nicht so, was möglicherweise an einem Medikament liegt, welches endlich zulässt, dass auch ich mich genau so wie ihr konzentrieren kann, nur eben nicht beim Essen, das eben eher nein und sollte ich das bei Gelegenheit ansprechen? Andererseits, I’ve never been a bitchiges, billiges, williges skinny girl und man sagt ja, man sollte alles im Leben mal ausprobieren und verwehre Dich keiner Transformation, demnach.

„Wir frühstücken jetzt erstmal“, sagen Sie nochmal, wie bitte? Habe ich vielleicht geträumt? Bin ich wirklich so blass? Aber ich kann tragen, tragen kann ich, tröste ich mich. Und weil es 16 Uhr ist, stimme ich dem Angebot zum Frühstücken zu, weil es zu meiner Verfassung passt, das Verspätete, das Verschlafene, das Verträumte auch. Und weil es schon so lang her ist, dass eine Mutter für mich den Tisch deckte, weil ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann, wie es ist, wenn eine Mutter den Tisch deckt, vielleicht deshalb lasse ich mich fallen und werde ich ganz ruhig und beobachtend. So, als dürfte ich von all Ihren Handlungen und Gesten und Gewohnheiten nichts verpassen. Sogar eine Serviette drücken Sie mir in die Hand, obwohl ich danach nicht gefragt hatte, aber einer Mutter widerspricht man nicht. Ihre Tochter möchte ich trotzdem nicht sein, denke ich und fast hätte ich es ausgesprochen, denn ich bin derzeit besonders sensibel, was Inbesitznahme betrifft und vielleicht auch, weil ich noch nie wirklich eine Tochter war. Ich weiß gar nicht richtig, wie das geht.

Geschmückt und gedeckt sagen Sie: „Ich bin ganz ruhig jetzt, danke.“

Und dann gibt es eingesperrtes, missbrauchtes, ängstliches, aufgehängtes, ausgeblutetes, also totes, Tier in Scheiben auf Brot für alle, also für Sie, nicht für mich. (“Essen Sie etwa kein Fleisch?” “Nein, eher nein” “Na gut, ok, ist ja nicht so schlimm” sagen Sie, und holen ein Glas Nutella aus dem Küchenschrank). Und dann erzählen Sie mir die Geschichten Ihres Lebens, einfach so, und eigentlich sind alle davon traurig. Nur die Letzte nicht, nämlich die, wie Sie es geschafft haben, allein zu leben. Wichtiger noch: allein zu sein. Und mit Sein meine ich Sein im eigentlichen Sinn.

„Naja, nun sprachen wir, als würden wir uns schon Jahre kennen, hm?“
Ja, so sprachen wir. Dann bis zum nächsten Mal. Alles Gute.
„Danke, dass Sie mit mir gegessen haben, allein ist es doch nicht so schön.”
Ja, ich sehe das genau so, sage ich und ziehe die Tür hinter mir zu.

Lustballons überall auf dem Weg.

32

Noch einmal ist es gestern und da schlage ich mein linkes über das rechte Bein, ich berühre Sie dabei ausversehen und natürlich, natürlich entschuldige ich mich und noch während ich mich entschuldige, was Sie nicht zur Kenntnis nehmen, berühre ich Sie abermals. Sie schnalzen lauter mit der Zunge als beim ersten Mal und ich denke Nee, das lasse ich jetzt nicht unausgesprochen: Ich habe mich doch entschuldigt, sage ich, nicht angegriffen, sondern leise und fragend, weil ich nicht weiß, was stört Sie so. Fast flüstere ich meine Beobachtung.

Sie müssen mich ja trotzdem nicht treten, sagen Sie laut und klingen dabei nach Wut und ich antworte und ich glaube auch, ich lege den Kopf dabei ein wenig schief: Ich habe Sie nur berührt.

Und die Beine übereinander schlagen, das brauchen Sie auch nicht, wenn es doch eh schon eng ist!

Das wagen Sie mir zu sagen und dann denke ich: Diese Zeiten sind vorbei und ich schaue Sie gerade heraus an und sage: “Was ich mache oder was ich lasse, wenn es eh schon eng ist, das entscheide ich, wissen Sie.”
Sie schauen mich an und ich denke nicht, dass Sie verstanden haben.

Heute, als wäre das bereits wieder ein Test, komme ich da rein und eigentlich habe ich es wieder eilig, weil etwas auf mir lastet, ich will es los werden. Und da stehen Sie, dahinter, und da steht er, davor. Sie sind fast weiß und er ist fast rot und er brüllt so, wie es nur Männer können und ich stehe daneben und muss erst begreifen und sage dann,
fast so, als wäre ich verwundert: Nun schreien Sie doch nicht so.
Ob ich schreie oder nicht, das geht Sie überhaupt nichts an!
Ich werde diesen Drecksladen nicht verlassen, ohne dass Sie mir gefälligst gibt, was ich will!
Ironisch beeindruckt muss ich fast nicken und sage:
Es geht mich etwas an, denn ich bin Zeugin dessen deswegen.
Und manchmal glaube ich, man kommt mit Ruhe weiter als mit Lautstärke.
Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß, denn auch das geht Sie nichts an!
Sie täuschen sich, sage ich und füge hinzu: Ich möchte nur helfen, vielleicht kann ich helfen.
Scheren Sie sich was, mir können Sie nicht helfen! Und jetzt halten Sie sich gefälligst raus!
Sie meinte ich nicht, sage ich mit Blick auf ein Gesicht. „Kann ich Ihnen helfen?“ frage ich und die Addressatin antwortet: „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich sage ihm, dass ich nicht habe, was er will, und er versteht es nicht!“ Ich sehe den Mann an und er sieht mich an und brüllt nochmal und das geht an uns beide und ich lasse ausbrüllen und dann dreht er sich um und geht. Ich sehe die Frau an, die mich ansieht, blass, wie sie ist. Sie sagt: “Danke dass Sie sich für mich eingesetzt haben.“

Ich habe das gerne getan sage ich und ich denke an einen Satz des Mädchens, welchen ich drehe, bis ich habe, was ich meine, bis er meiner ist:

Wer gelernt hat, sich für sich selbst einzusetzen, kann sich auch für andere einsetzen. So vielleicht.

Dann gehe ich raus und sehe ihn an einer Ampel stehen und tatsächlich fährt er ein Fahrrad. Wie kann ein solcher Mann ein Fahrrad fahren, frage ich, denn Fahrradfahren braucht feeling. Ich verstehe das nicht.
Und mein Blick geht zu meinem Fahrrad, auch das steht angelehnt an einer warmen Hauswand. Kurz habe ich Sorge, dass er mir dieses, welches ich eben nicht abgeschlossen habe weil manchmal glaube ich an Gerechtigkeit, weg nehmen will, dass er es fahren wird, und dann bin ich es, die ohne es da steht. Was dann?

Frau, sage ich, Du gibst dir alle Antworten selbst, Du musst sie nur noch glauben.

33

Es ist schon spät aber doch rufe ich Dich zurück, denn irgendwas lag in der Stimme und Du sagst: Weißt Du Nina, es kann sein, dass dieser Tod kein Natürlicher war, die Dinge, die Dinge, es gibt Dinge, die darauf hinweisen. Dinge. Nicht schon wieder, denke ich, nicht schon wieder. Ich halte meine Haare, ich lege alles auf die Stirn. Es gibt bereits genug Sterbefälle, die sich nicht natürlich ergaben, wie viele kann eine Familie noch ertragen?

Ich kann nicht mehr, sage ich, ich muss auflegen.
Ja gut, dann viel Erfolg. Danke, sage ich.

Wobei denn?

34

Schlafen, schlafen, irgendwie.
Und dann aufstehen, Kilometer fahren, irgendwie.
Ein Schild das meint, hier könnte ich richtig sein, denn hierher gehen Frauen mit Angststörungen, Essstörungen, Depressionen und akuten sowie posttraumatischen Belastungsstörungen.

In dem Wartezimmer: Frauen.
Frauen, das sind Wir, die hier ihre Fragebögen ausfüllen. Bitte kreuzen Sie an: Ich gehe Problemen lieber auf den Grund, als sie nur zu beschreiben. Ja oder nee / Ich finde es schwierig zu beschreiben, was ich für andere Menschen empfinde. Ja oder nee / Durch die Suche nach verborgenen Bedeutungen nimmt man sich das Vergnügen an Filmen oder Theaterstücken. Ja oder nee. Die Frau neben mir streicht überall Minus minus an, auch bei den Fragen, die von Gefühlen handeln, das wirkt auf mich sehr ernst. Ich kenne das, all das, möchte ich Euch zurufen. Auch ich zerbreche manchmal an den einfachsten Dingen. Zudem bin ich manchmal sehr müde, ängstlich, gestresst, überfordert: Wieso ich?

Alle Frauen hier sind schön auf ihre Art. Und alle sind magisch, wenn sie lächeln. „Ich habe halt nichts anderes mehr getan außer gegessen“, sagt eine Frau zu uns. Die Anderen nicken verständnisvoll. „Aber jetzt ist damit Schluss“, sagt sie, und sie sieht dabei so aus, als würde sie das auch so meinen. Frauen, das sind wir, die ihre Aggressionen tendenziell und im Gegensatz zu Männern verstärkt nach innen und gegen sich selbst richten. Deswegen die Psychiatrien auch tendenziell mehr mit Frauen als mit Männern und die Gefängnisse naja.

Und dann bin ich dran, endlich bin ich dran und ich versuche so gut es geht meine ganze Geschichte in eine Stunde zu packen. Und immer noch, selbst heute, als gestandene Frau, überrascht es mich, wenn mein Gegenüber versteht, was ich sage, Fragen stellt, aber nicht infrage stellt, nicht mich, und auch nicht meine Gefühle dazu, meine Empfindungen, all die Schäden und Narben, die ich seit der Geburt, die natürlich auch schwierig war und mich bereits fast umgebracht hätte, mit mir herumtrage, als logische Schlussfolgerung und nicht als Selbstzerstörung ansieht. Endlich. „Ja, das verstehe ich“ und ein mitfühlender Blick und mal ein Lächeln, alles zum richtigen Zeitpunkt. Es ist für mich wie ein achtes Weltwunder, wenn so etwas geschieht. „Danke“, sage ich, „ich fand sie sehr angenehm.“

Später abends klopft es an die Tür, da bist Du. Endlich bist Du da.
Dir öffne ich die Tür, ich falle in Deine Arme und Du in meine und sage leise: Was sind wir nur für Frauen?

35

Deine Hände und die Wärme und die Flüssigkeit auch und wie immer bewundere ich Dich, wie Du als so viel kleinere und zierlichere Frau mit so viel Kraft und Selbstverständlichkeit auf einer Frau wie mir klettern, auf mir stehen und sogar balancieren kannst. Auf einem schiefen Geschöpf wie mir verstehst Du, Gleichgewicht zu halten. Sag mir, wie machst Du das? Deine Antwort ist das Biegen, Drehen und Ziehen an Armen, Beinen, Fingern und Köpfen, immer wieder. Aber nichts renkt sich ein, verweigert sich da was? Ist das mein Fehler, habe ich einen Fehler?, frage ich.
Fester, sage ich, bitte fester.
Locker, sagst Du, locker.

36

Später abends dann das Telefonat mit Dir als derzeitiger. Und so beginnst Du ein Mantra für mich zu singen und das Mantra macht mich stumm, obwohl ich Dir noch ein Gedicht vorlesen wollte, eigentlich hatte ich mir das vorgenommen. Sowas habe ich noch nie erlebt. Danke, sage ich am Ende. Bitte, sagst du am Ende und dann: dieses Mantra, wenn Du willst, kannst Du es nachsprechen. Es ist ein Mantra gegen Angst und ein Mantra von einer Frau, die sagt, dass sie immer da sei, wenn die Angst käme. Dass sie komme und die Angst mitnähme. So ähnlich irgendwie und ich sage: Danke, aber ich kann mir so schlecht Dinge merken.

Was ist wenn das was ich bin dir nicht gefällt, ich stelle mir diese Frage nur noch sehr, sehr selten.
Denn die Situation ist so klar: Sollte einer von uns dem Anderen nicht gefallen, so hat einer von uns den Anderen nicht erkannt. Mindestens. Es ist wirklich so einfach und deshalb so tragisch.

37

Es ist ein weiterer Tag und es sind nackte Füße, leise Strömungen, ein warmer Sturm und ein Musikinstrument, Fragen, Antworten, Schweigen. Und meine zarte und zerbrechliche Gelassenheit, nur innerhalb dieses Kontextes, sie wandert neben Dir mit. Denn eigentlich bin ich so, gelassen. Und manchmal passiert es, dass ich Dich als die Frau, die ich wirklich bin, von der Seite ansehe. Und als ich Dich so ansehe, sind es nur wenige Sekunden, in denen ich denke: Genau jetzt wäre ich bereit, von Dir angesehen zu werden. Es läge darin keine Scham mehr, keine Unsicherheit, keine Angst. Es sind nur wenige Sekunden und das konntest Du ja auch nicht wissen.

Ok dann, danke. Ja, danke auch.

Was auch immer daraus wird.
Ich werde in jedem Fall.

Am Ende ein Zug, eine Stange geeignet zum Anlehnen wie ich feststelle, eine Frau, die auf ihren Namen hört.
Wie viele Leben lebe ich eigentlich?

38

Reinhängen, Gegenlehnen. Ich möchte mich irgendwo reinhängen und gegenlehnen. Anlehnen vielleicht?
Auf etwas ausstrecken und dann soll sich jemand auf mich drauf legen, mit all seinem Gewicht, sodass ich keine Luft mehr kriege und so auch keine mehr anhalten kann, bis mir fast schwarz vor Augen wird und mein Instinkt mich erinnert.

Du musst atmen, weißt Du, auch wenn es ein Trauma war, Du musst weiter atmen und es dabei ausatmen. Loslassen, nicht festhalten.

Ich liebe das Leben in all seinen Momenten. Sogar in diesen.

Meine Pupillen, die sind so groß, wenn ich mit Menschen wie Dir zusammen bin,
sodass ich sogar bei Regenwetter Sonnenbrille trage, weil ich sonst fast erblinde. Das erzähle ich nicht Dir, aber Dir, weil ich weiß, Du hältst mich nicht für verrückt, was Du auch wie immer direkt unter Beweis stellst.

„Wenn Du sehr konzentrierst bist zum Beispiel ist das normal, dass sich Deine Pupillen weiten und wenn Du Stress hast oder auch Angst, aufgrund dieser Gefühle und der kognitiven Überlastung, noch mehr.“

Das kann doch nicht sein, sage ich versteckt hinter meiner Hand.

Das kann doch nicht sein, ich dachte, es ist nur der Atem und nur mein Herz,
nur der Verstand und nur mein Gesicht, nur der Blutdruck und nur meine Gedanken, die sich verändern.
Wie kann man mich denn so lieben und bin ich damit denn überhaupt gemeint?
Das Letzte konntest Du nicht gehört haben und

„Naja“, sagst Du, „die Augen gehören zu den sensibelsten Organen im Körper, Nina.“

Bisher dachte ich immer, es sei das Herz welches dazu gehöre and people should fall in love with their eyes closed. Alles verrät mich, alles verrät mich, ich kann mich nicht halten, nur verhalten, wenn ich bei Dir bin oder so tun wenigstens. Beides scheiße.

„Aber ich würde ihm gerne mal in die Augen sehen, ohne UV-Schutz.“
„Wirst Du auch, hab Geduld mit Dir“, sagst Du so, als wüsstest Du.
Und ich selbst kann mir das meistens gar nicht vorstellen. Es ist so unvorstellbar. Wie soll das jemals für mich möglich sein?

Aber das ist nur die eine Seite, welche Kunst in mir erzeugt. Andererseits weiß ich doch, wie viele Wunder habe ich mir schon selbst gezeigt?

39

Ich verstehe Dich nicht, ich verstehe sie nicht. Ich verstehe nicht, ob und eigentlich bin ich doch noch gar nicht da also bitte mach Deine Entscheidungen nicht abhängig von mir, gute Entscheidungen stehen für sich allein, gute Entscheidungen, sie bleiben bestehen, sie öffnen Türen, Fenster, Münder, Beine, Herzen.

Und nun ja, das ist jetzt unser erstes Mal. Wir wissen ja gar nichts voneinander. Wir müssen darüber nochmal sprechen, sprechen. Ja, müssen wir. Aber gerade, da bin ich in einem Zug.

Welche Richtung ist mein Satz daraufhin und irgendwas in mir weiß nicht warum, aber es bewegt sich und: Vielleicht in meine Richtung, vielleicht in meine Richtung.

40

Das, was hier passiert, sind kreative Gedankengeburten, bis alles an mir schwer und leicht wird. Full and empty all at once. Wer gebärt, der muss auch nähren, denke ich, und versuche es mit einer Tomatensuppe. Ich habe ein Gerät, ein teures Gerät, ich wollte es nicht haben, aber nun habe ich es. Es war noch die Zeit, als Andere darüber bestimmten, was ich zu haben wolle. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist eine Familiengeschichte und Familiengeschichten sind immer lang und Papier zwar geduldig aber so nicht jede Schreibende. Ich zwinge mich aber, denn ich bin nicht für Verschwendung, ausgerechnet habe ich, wenn ich das Gerät in etwa einmal via Monat nutze, so wird es sich in etwa 11,4 Jahren rentiert haben, all das Geld. So also heute und ich drehe an einem Regler und plötzlich geht alles hoch wie bei einem Vulkan sieht das aus sogar die Farben, rot und grau, alles weil ich den Deckel vergaß den Deckel, ich sage ja, Konzentration und Kreativität und alles an meiner Wand und es läuft runter und hinterlässt Spuren und ich stehe nur da und überlege: Ist da ein Muster? Ist das, kann das sein, ist das Kunst oder…

Die Antwort ist:
Dieses Gerät ist nur was für praktisch veranlagte Menschen und ich bin unpraktisch / emotional veranlagt.

Likes

9 – 18

09

Frühdienst und leise leise durch den frühen Morgen fahren.
Fahrrad fahren.
Niemand atmet die Luft, die ich atme.
Ich bin einzigatmig.
In den Zug steigen. Sitzend Fahrrad ansehen.
Fahrrad einsam und angekettet in einem Zug stehen sehen. So fehlplatziert. Die Zeit zur Seite legen.
Melancholisch werden. Und plötzlich Einfall: Fahrrad, Du bist Metapher für mich. Denn genau so, wie Du da stehst, fühle ich mich manchmal auch. Einsam und angekettet und fehlplatziert.
Fahrrad, ich hab feelings for you.

10

Aussteigen und da sind sie. Männer mit dunkel grauen melierten Haaren und roten Hemden. Männer, die auf ihr Smartphone starren und den Kopf schütteln aufgrund von Fassungslosigkeit aufgrund von was frage ich mich aber nehme nur die Frage ohne Antwort mit. Frauen, die ihre jugendlichen Söhne an der Kapuze zurückhalten weil Zug fährt ein und Sorge Sorge Sorge. Ein ehemals großes Begehren personifiziert auf einer großen Straße treffen und nicht wissen, was zu sagen, also nur ein bisschen rote Wangen haben und schweigen und Luft anhalten auch. Kaffee to go in die eigentlich fremde Hand drücken, weil selbst das für diesen Moment zu schwer in der Eigenen geworden ist. Halt doch mal kurz bitte, damit ich Dich fassen und mich halten kann. Ein unendliches Lächeln dafür bekommen, weil es erinnert, an was nur? Eigentlich an nichts, denn alles nur im Kopf stattgefunden. Ansehen. Und jetzt? Ich habe noch einen halben Tag vor mir und einmal, einmal den Kaffee bitte, den hätt ich gern zurück. Jetzt. Danke.

11

Die Kontrolle über seinen body verlieren, sich selbst in die Mitte eines Raumes stellen und einmal einen ganzen Eimer Scheiße darüber auskippen. Schande, Schande, Schande. Scham, Scham, Scham. Hass, Hass, Hass. Irgendwo, unter all dem, bin ich. Bin ich doch, oder?

Nach fünf Jahren Psychoanalyse ein neues Thema auf die Tagesordnung setzen.
„Ja, hi, ich würde gerne über Selbsthass reden.“
„Oh – oh -, ja, das ist, also ja, wirklich ein großes Thema.“
Dann: Können wir es nicht erstmal umbenennen in fehlende Selbstliebe? Das macht auch was im Kopf.
Und ich so ja ok meinetwegen.

– Ist das jetzt diese Psychoanalyse?

Während dieser fünf Jahre gab es immer wieder Phasen, in denen ich wusste, mir kann niemand mehr was erzählen. Schon gar nicht mehr über mich selbst. In so kleine Scheibchen habe ich mich selbst zer-legt und wieder ge-legt. In die richtige Position, in die meinige. Diese Phasen enden, wenn ich bereit bin alles zu glauben, was man(n) mir erzählt.

Endkonditionierung denke ich und atme mich in Ruhe. Endkonditionierung is the key.

Später, sortierter, ehrlicher gesagter. Immer ist es zu viel. Und immer denke ich, ich schaffe zu wenig.
Manchmal auch nichts, aber meistens eher zu wenig.
Das bin ich, in der Mitte auseinandergerissen, von nie genug, aber immer zu viel,
nackt und breitbeinig wie eine geschälte Mandarine, wenn ich sie schäle.
Ich denke an die Worte des Mädchens: Akzeptier das endlich, dass Du so bist!
Und dann denke ich daran, dass das Mädchen sagte: Das hat auch was mit einer besonderen Ebene der Intelligenz zu tun. Und dann denke ich daran, dass da letztlich jemand neben mir saß, der ganz unprätentiös sagte:
Ich glaube das auch.

Leben. Eigentlich voll anstrengend.
Leben. Eigentlich voll schön so.

12

Ich bin mit einem Mann in einem Supermarkt, weil ich spontan fragte: Musst Du vielleicht auch einkaufen? Ja, er musste. Und plötzlich, zwischen all den Regalen, fiel es mir ein, des Mädchens weiterer Rat an mich: Du musst es zulassen, sagte sie, mit Männern auch positive Erfahrungen zu machen. Lass Dich fallen, sagte sie. Here we are.

Ich weiß noch, wie ich damals mit dem Auto von einer Stadt in die nächste fuhr und mich kosmopolitisch fühlte.
Genau so ist das jetzt auch, nur anders.

13

Gewellte, lange Haare. Deine Haare, deine Haare, sagen die Anderen. Und eine sagt: wenn ich von Dir erzähle, dann erzähle ich Deine Haaren immer mit. Ich denke: Wenn ich mit mir ausgehe, dann nehme ich meine Ängste immer mit. Ich denke: mich endlich wieder raus trauen, endlich wieder unter Menschen sein. Endlich wieder selbst ein Mensch sein.
– So müsste das doch gehen, oder?

Geht so.
Also dann endlich mal wieder ein Mädchentreffen und ich mache mit.
Gleichberechtigung – eigentlich immer noch voll gescheitert. Und ich höre mich empören, dass das doch ein gesellschaftliches Problem ist. Und dann stehe ich wieder da.
Nämlich als eine von uns sagt: „Ok, formulier doch mal die Frage zu diesem Problem!“

Wie mein Thema, meinen Kosmos, mein Universum, in eine Frage packen? Hallo hallo, das ist eine von möglichen Metaphern meines Lebens, metastasiert. Denn ich kann nicht. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr implodiert meine Farbwolke, bildet dennoch Ableger, die letztlich explodieren, verschwimmen, zu Staub verfallen. Alles Kolorit, Staub, Husten, Husten. So ist das in meinem Kopf. Und dann soll ich – was? Hat hier grad jemand was gesagt?

Später genau davon träumen, dass der verehrte Mann, der heimlich geliebte Mann, in meinem Traum, in meiner Utopie, der wie nach dem Aufwachen noch, aber auch noch zu wenig, da ist, mit an dem Tisch sitzt und dann eine Wiederholung: Ok, formulier doch mal eine Frage zu diesem Problem! und ich kann, kann, kann nicht, weil ich alles immer so groß und laut und bunt denke, sodass es letztlich nirgendwo mehr herein passt. Einfach und echt nirgendwo bitte glaubt mir das. Aber auch der in meinem Kopf Geliebte denkt das geht so nicht, denn er denkt anders als ich, es muss doch möglich sein, würde er vielleicht sagen, strukturiert zu denken, und ich bin empört, stehe auf, bin krank und ängstlich zugleich, alles sitzt tief und schwer und atmen ist auch nicht mehr so wie zuvor und es ist wie immer: nicht verstanden.
Ich gehe jetzt, ich gehe, das sage ich, ich verlasse Euch jetzt. Habt ihr wenigstens das verstanden?
Aller Weltschmerz in mir versammelt. Ich werde nicht verstanden. Ich werde nicht verstanden.

14

Ich wachte auf und plötzlich saßst Du da. Wieder: wie erklären? Meine Hände formen Schalen, damit sich endlich auch die Antworten setzen, sanft wie Regentropfen sich an meine Hände schmiegen, aber nichts geschieht, nichts geschieht und alles bleibt leer. Was soll ich tun, wo soll ich hin. Wie losgehen?

15

Ich habe zu viele Stifte. Vielleicht ist es das?
Würde mir bitte einmal jemand die Stifte wegnehmen, vielleicht dann.

Beuys hören. Kafka lesen. Danach geht’s meistens wieder ein bisschen.

16

Klingeln an der Tür.
“Können Sie ein Paket für Ihren Nachbar annehmen?”
“Ja, eh, sicher” (Sie erwischen mich im verwirrten Modus)
“Super. Name?”
“NH”
“Handynummer?”
… “Eh. Was?”
Lächeln. Lächeln: „Handynummer!“
… “Eh. Was?“

17

Mit Kaffeetasse auf den unteren Türrahmen setzen. Ein Bein innen und eins draußen, auch das wie immer.
Sehnsüchtig das Wetter erwarten, Sturm, Regen, Wind. Endlich.
Der Zorn muss raus, die Selbstzweifel auch.
Was ich empfinde ist zu groß für mein Herz und für meinen Kopf auch, es passt ja noch nichtmal auf meine Zunge, zum Schlucken, in meinen Mund auch nicht, obwohl ich genau für die Prägung eben dessen auch immer mal wieder Komplimente bekomme oder anderes – je nach Selbstbewusstsein und je nach Rolle, die ich nach Meinung der Anderen gerade habe. Aber ich bin so nicht. Egal, was wer sagt, ich bin so nicht. Put me on your „topics I know nothing about“-list.

18

Ich bin eine Frau auf einem bike.
Ich bin keine Frau ohne Ideen.
Wenn ich nicht alles auf einmal haben kann, dann nehme ich lieber nichts. So?

– Draußen: Regen. Jetzt. Endlich. Wind auch. Endlich endlich. Der Tag ist vorbei.
Ich bin es nicht. Guten Abend.

Likes