Habitusstrukturkonflikt

Es gibt Menschen,
die waren noch nie im Museum. Und fast gehörte ich dazu.

Habitus!, nießt da jemand. 
Gesundheit!, antworte ich.
 

 
„Du Tante“, sagt das Kind, „ich hatte letztes Mal einen Gedanken.“
„Was war das für ein Gedanke, Kind, hm. Erzähl’ ihn mir.“
„Ich habe das erste Mal gedacht, dass wir arm sind“, sagt das Kind.
 
Habitus Hat-schi!

Hat hier jemand Habitus gesagt?
Hier hat doch jemand Habitus gesagt!
Komisch.
 
Gesundheit!, sage ich fast schon ganz nebenher.
 

 
Tür zu.
Tür auf.
 
Ha ha, hallo Habitus!
Da bist Du ja wieder. Na.
Hast Du dich heute mal wieder um einen Mann gelegt, hm? Den frage ich jetzt Na, wo bist Du die letzte Zeit gewesen und mit wem, hm? Was hast Du erlebt und was nicht.
Was, Angst? Vor Dir, vor mir? Ja, aber wird schon nicht so schlimm werden, wir passen ja beide auf, wir passen ja beide auf, wir beide, oder?
 

 
Rein?
Raus?
 
Ich finde, wer die Antwort weiß, der sollte sich melden. 
 

 
Es gibt Tage, da ist die Sehnsucht größer als die Vernunft. Größer vermutlich als der Besehnsuchte, wer kann das schon so genau wissen. So ein Tag ist jedenfalls heute, jedoch war er gestern genau so, davor auch und davor auch. Eigentlich war es doch immer schon so, denke ich getroffen, ich kann ruhig auch mal sagen wie es ist jetzt und Euch dabei erzählen, wie es war, damals. 
 

 
Charmant in den Weg legen, ich mich, hallo hier lieg ich!, so hatte ich mir das damals nämlich überlegt, ganz leise und ziemlich nebenbei. Damit dem verehrten Mann nichts anderes mehr würde übrig bleiben, als mir aufzuhelfen. Einfach über mich drüber steigen, über mich hinweg gehen, das würde selbst er nicht über sein Herz bringen, egal, wie groß seine Angst, beim Aufheben gesehen zu werden, auch sein würde. Das glaubte ich damals. Heute denke ich naja und meine, es wäre anders vielleicht besser gewesen. Er hätte sich bei meinem Wagnis nun einmal ein Bein brechen können, beispielsweise, und dann? Hallo hier lieg ich, hätte ich gesagt, und nun auch Du. Wie hätte ich das je wieder gutmachen können. Aber manchmal, denke ich, manchmal muss es auch einen Verschlimmerungsschmerz geben, damit es besser wird. Beruhigung. Beruhigung: Ich wäre ja da gewesen, mit all meinem Dasein, was grundsätzlich nicht unterschätzt werden sollte und nur manchmal ebendiese verdient. Und überhaupt, was ist schon ein Bein, wenn es sich doch eigentlich um zwei Herzen handelt. Herzenhandeln. Herzhandel. Ach. Ich jedenfalls wäre da gewesen, mit all meinem Dasein, um Herzen und Beine zu bandagieren. Mit warmem Wasser hätte ich uns ein Haus aus Bindemittel gebaut, Störung verbunden, und das Wasser wäre von meinen Händen zu Deinen Füßen gelaufen. 
 

 
Nicht nur Joseph Beuys war es, welcher mit einer kurzen Aneinanderreihung darauf aufmerksam machte, wie unabdinglich und selbstverständlich es für ein gelebtes Leben ist, Liebesbriefe zu schreiben.
 
Der Boy verdreht während der Autofahrt die Augen und ein kleines Lächeln umspielt auch seinen Mund. Girl, sagt er, meinst Du nicht, es könnte so sein, dass Mann über Dich denkt, Du seist leicht psy-cho. Boy, erwidere ich, mir fallen sehr plötzlich viele Dinge dazu ein, so lass mich sortieren. Erstens: 
Ich denke das so wenig, dass es eigentlich schon nicht mehr relevant ist. Zweitens: Mehr denke ich, dass eigentlich Du derjenige bist, der denkt, ich sei leicht psy-cho. Und da Du mein Freund bist, der Freund, mit dem ich bereits als Kind auf Schaukeln schaukelte, bei dem ich bereits damals meiner Motivations-Position gerecht wurde, indem ich Dich so sehr aufregte und anheizte, bis wir beide kurzzeitig Angst hatten, die Schaukel, die wir abwechselnd bedienten, könnte sich überschlagen, aber es war (mir) noch immer nicht genug, denn ich sagte: „Und jetzt spring!“, Du sprangst, und schlugst Dir beide Vorderzähne aus, glaube ich, dass Du es dir nur nicht eingestehen willst, dass eigentlich Du diesen Gedanken denkst. Drittens: Wäre es so, dass der Mann denken würde, ich sei leicht psy-cho, dann wäre er nicht der richtige Mann für mich. Das ist doch klar, das ist doch klar, es ist so einfach wie logisch! Auch hätte es dann viel mehr mit ihm, als mit mir zu tun. Du weißt, es war gemeint als ein Kompliment. Viertens, ich empfinde all das als eine Art gesellschaftspolitischen Auftrag, das Private ist politisch, das weißt Du ja. Denn eigentlich finde ich, dass diejenigen, die durch das Leben gehen, und sagen wir mal, (immer wieder) (einen) Menschen treffen, der etwas in ihnen auslöst, dass diese Menschen nicht mehr in der Lage sind, ihre Gefühle zu äußern, mehr noch (als) zu ihnen zu stehen, ja, was soll ich sagen, ich finde, dass eigentlich diesen Menschen das Prädikat auffällig gebürt und zwar sehr viel stärker noch als mir. Ich möchte also auch die verkrustete, gutbürgerlich verklemmte Scheiße durchbrechen, sie vielleicht in etwas animalisch-lebendiges verwandeln. Es ist also, neben diesem persönlichen Drang und einem kleinen Teil des Nichtvereinbarenkönnens eines etwaigen Verlustes, einem kleinen Glauben, etwas verpassen zu können, verpasst zu haben, eine Notwendigkeit nicht nur für mich, sondern vielleicht sogar für die Gesellschaft und für Dich auch. Und fünftens: Eigentlich ist es das nicht, und eigentlich ist es das doch, neben ambivalent nämlich egal. Was soll, das wird, boy. Du weißt doch, dass es so ist. 
 
Ok girl, so gesehen, eigentlich, hast Du recht.  
 

 
Ein Mann, der nichts sagt, ist das ein Mann, frage ich mich heute, ganz leise und nebenbei. Wenn sich ein Mann von einem Tier unterscheidet, dann doch darin, dass der Mann spricht.
Währenddessen sehe ich Spülschaum von Tellern auf Böden tropfen.
 
Es müsste sich mal eine Wut einstellen, denke ich heute.
 

 
History is only a repetition, murmele ich so vor mich hin, auf dem Hocker in einer Küche sitzend, lehnend an einer Wand. Ein ewiges Trauma, stellt das Mädchen heute murmelnd fest, während es auf meinen Wunsch hin eine Suppe zubereitet. Es wird nie anders sein, befürchtet das Mädchen. Das Mädchen sitzt vor mir, es dreht und wendet Worte und Löffel, bis es nebenbei sagt: Ich weiß nicht, wofür ich meine Eltern gebrauchen soll. 
 
Es wird vorbei gehen, Mädchen, sage ich, die Zeiten werden anders sein. Wir werden anders sein. Nichts bleibt, wie es ist, es war schon immer so. 
 
Hier guck mal, sagt das Mädchen. Rote Bete Salat. 
Aber die Suppe, die braucht noch. 
Ja, Mädchen, ich weiß. Ich kenne Dich schon gut mittlerweile. 
So gut, dass wir auch miteinander warten können.


 
Mädchen heute Morgen ist was passiert!, sage ich plötzlich ganz aufgeregt. Er erinnert mich ja ein wenig an ihn, das sagte ich bereits. Und auch nur ganz wenig, keine Angst. Guten Morgen, sagte er jdf. heute, und dann sah er mich nochmals an und sagte: Ich grüße Sie! Mich?, habe ich mich dann schon kurz gefragt, aber dann auch direkt wieder selbst beantwortet weil ja klar mich, es stand ja niemand hinter mir. Naja und später, da ist mir mein Stift runter gefallen, Du weißt ja, oft spiele ich mit etwas in den Händen, ich ließ ihn jedenfalls liegen und dachte so: später, und wenige Minuten später, hat er dann meinen Stift aufgehoben. Zu meinen Knien hat er sich gebeugt und dann von dort aus gefragt – Ist das Ihrer.

Das Mädchen sieht mich an.

Ich verspreche, sage ich, ich steigere mich nicht rein, aber bemerkenswert ist es doch schon denke ich aber Mädchen, darum geht es gar nicht, denn was ich mich seither frage, ist: 

glaubst Du, ich habe auch mal jemanden an jemanden erinnert?

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