krise in palästina

Es war eine Dose Limonade auf einem Dach. [flimmern.]

Oben Sonne, unten Palästina.

Handkante wahrgerecht an die Stirn legen, um der Sonne entgegen in die Weite zu sehen.
– Brachte das etwas?

Neben mir ein Fitnessstudio, vor mir auf dem Schoß: Nachrichten mal 2.
 
Ist alles ok?

Und fast ärgerte ich mich
[Augen verdrehend].
Natürlich ist alles ok!
[Das Smartphone auf den Tisch legend]

Es ist alles ok.
Was sonst, nicht ok?
Und was dann, hm?

Krise ist Dauerzustand.
Überall und nirgendwo.
 
Ja, so war das damals.
Heute flimmern auch die Wege,
aber sie führen mich eben noch woanders hin.



Sie wollen schon wieder ausziehen?
Nein, sage ich verärgert, wer behauptet so etwas?
Und meine: Ich weiß es nicht, vielleicht schon, vielleicht nicht, wahrscheinlich ja.
Wer kann das schon genau wissen?
 
Nicht wissen konnte ich immer schon sehr gut. Das ist die größte Stärke, auch wenn [mir] das keiner glaubt.
 
Wer behauptet so etwas?, hake ich noch verärgerter nach.
Die Frau Nachbarin.
Aha, sage ich, ich weiß überhaupt nicht, wer das ist.
Die Frau Nachbarin.
 
Folgendes passt zu beidem:
Die Nichtwissenden sind die, die einiges erfahren. Sie erheben sich der Dinge nicht, aus dem Vorhinein heraus – sie öffnen sich.
Voller Mut, Neugierde, Vorfreude und Stolz auch sagen sie es:
Ich habe eine Frage.
 
Komm, erzähl Du mir doch was.
Lemon Squash derweil.
 
Warum zieht es Dich eigentlich immer so in die Krisengebiete?, ist Deine Frage, Du möchtest sie beantwortet haben, von mir, und sie steckt voller Vorwürfe, die Frage, die Du jedoch mit Dir selbst ausmachen musst.

Lächerlich, wollte ich sagen, liebe ich aber das Spielen in Sprache versteckt so sehr, deswegen:
Weil ich selbst ein Krisengebiet bin, vielleicht deswegen?

Du lachst, was auch sonst.
Denn die Zeiten, in denen Du mir etwas sagen konntest, sind schon länger vorbei.
Langweilig. Lächerlich.
Langweilig: Herkunft.
 


Ich kann ihn nicht vergessen, sage ich viel später.
Ich weiß, sagt sie.
Aber eigentlich bin ich auch unsicher. Vielleicht kann ich schon, wenn ich will. Will ich?

Das Narrativ meines Lebens: Ich kann alles, wenn ich will. Will ich?

Bin ich es vielleicht nur manchmal noch sehr gewöhnt, das Leben aus der Sicht eines Opfers zu entscheiden. 
Opfer der Liebe und der eigenen Obsession, in [je]dem Fall.
Ich meine, wer hat das Begehren begonnen?
Ja, richtig.
 
„Ich liebe meinen Großvater sehr“, sage ich, als ich jetzt an der Kasse in einer fremden Stadt, einem vertrauten Supermarkt, stehe.

Alles so gleich hier.
Hinter mir legt der boy das Katzenfutter auf das Band und swiped auf dem Display. Da erzähle ich ihm ungeachtet dessen eine Geschichte, an welche ich auch jetzt wieder zurückdenken muss.
 
Da saß ich nämlich damals, auf einem viel zu hohen Baum, verwurzelt und beschränkt, dem Boden und der Sicht beraubt. Und der Freund in meiner Kindheit stand mir so weit entfernt, unerreichbar. So sehr ich Hände und Finger auch nach ihm streckte – zu weit weg, in dem Fall. Fester Boden unter seinen Füßen, oder sah es vielleicht auch nur von oben so aus. Ich komm’ hier nie mehr wieder runter, dachte ich ganz leise.
„Ich komm’ hier nie mehr wieder runter!“ rief ich.
Unbeeindruckt stand er da, und sagte:
„Wer hoch klettern kann, kann auch wieder runter klettern.“
 
Ich wurde immer schon mir selbst überlassen, dachte ich.Ich kann alles, wenn ich will. Will ich?


Ich konnte eine Obsession beginnen,
und ich kann sie auch wieder beenden. Nur all das in Sprache formen, damit kann ich nicht aufhören. Ich will nicht. Das ist es ja.
 
Aber eigentlich ging es doch um etwas ganz anderes.
 
Reise. Sehnsucht.
Boy, sage ich, als wir zu schwere Taschen tragen. Das war keine Planung meinerseits. Aber dieser boy, der trägt alles mit mir, im praktischen Sinne.
 
Boy, sage ich.
Manchmal halte ich es gar nicht mehr aus. Ich weiß, sagt er.
Ich muss hier weg, sage ich im Auto sitzend. Hände an die Schläfen legend.
 
Aber nein, denke ich.
Bevor Du richtig gehst,
musst Du noch einmal zu Dir selbst kommen. Da sein.
Sonst weicht das eine dem Anderen aus, reist das Eine dem Anderen hinterher. Es wäre ein niemals ankommen. Völlige Verwirrung. 
 
So hast Du es dir selbst ausgesucht, denke ich. Finger an Zähne legen während der Autofahrt, Lücken fühlen. Nachdenken, mich selbst beruhigen.
 
Ich bin ein Krisengebiet. Und jedes Krisengebiet hat gelernt, sich selbst
a. auszuhalten 
b. zu beruhigen
c. zu lösen
 
Wer das nicht weiß, ist unerfahren.
 
„Kind vertrau’ mir,
Dein Großvater ist in tausend Schlachten erfahren.“
 
Vielleicht erfuhr ich erst viel zu spät, was es damit alles auf sich hatte und wo genau mein Wunsch nach verzweigten Wurzeln seinen Ursprung fand. 
 
Krise in Palästina?
Ja, vielleicht.

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Was ich so an manchen Tagen mache: 3

Ein Kaffeehaus. Ein Kaffeehaus und hier riecht es wie Zuhause, nach Wärme, Romantik und Geborgenheit. Nach Leben und auch nach Entschleunigung. Am gleichen Ort: stehen, staunen, hören.

„Ganz ehrlich, ich würd‘ wieder die AfD wählen. Was hier los ist in Deutschland, das ist doch nicht mehr normal!“

Laut.


Dass die da vorne so über die AfD sprechen, ist das normal?


Leise.



Ja und schrecklich!, sagt die Frau hinter der Kaffeeverkaufstheke. Jeden Tag geht das so! Sie glauben gar nicht, was die für einen Blödsinn erzählen. Und wir dürfen hier ja nichts sagen. Aber die Theke haben sie uns weiter nach hinten gebaut, damit hören wir sie wenigstens nicht mehr.

Die Theke weiter nach hinten gebaut.
Die Theke weiter nach hinten gebaut.

Hinter mir ein freundlich blickender Mann. Ich nehme einen Kaffee für Jetzt. So hatte ich das nicht geplant, fühle ich mich doch noch nicht fertig genug für Kaffee in einer Welt, aber ich setze mich. To-go das Getränk, ich mag es nicht besonders, dafür gibt es viele Gründe, aber im Notfall kann ich damit eben wieder gehen. Die Möglichkeit zu haben mag ich schon. Ich sitze an einem langen hohen Tisch, der Blick legt sich nach draußen. Da ist das Leben, da ist das Leben. Hinter einer Glasscheibe sitze ich. Da sitze ich. Da sitze ich. Die vierte Wand. Auf welche Seite gehöre ich. Neben mir der Mann, der die AfD wählt. Der freundlich lächelnde Mann setzt sich dazu und sagt Guten Tag. Guten Tag, sage ich. Kann ich hier meinen Kaffee abstellen, fragt der AfD-Mann. Ja sicher, antworte ich. Es ist genug Platz für alle da. Sind das Ihre Freunde?, frage ich den freundlich Lächelnden. Nein, eher entfernte Bekannte, wieso frage Sie das. Na weil sie die AfD wählen, sage ich und dann beginnen wir, uns zu unterhalten, es ist früh am Morgen. Wann sind Sie denn geboren?, frage ich. 1932 antwortet der Mann. Das sieht man Ihnen gar nicht an, sage ich.

Gestern ein Bick, den ich auch heute noch schwer auf meinen Schultern trage. Denn irgendwie habe ich mir mich selbst ganz anders vorgestellt. Denn so, wie ich dort stehe, weiß ich nicht, ob ich was sagen soll, und falls ich was sagen soll, was. Wenn man frei ist, soll man dann nicht auch frei sprechen? Ich jedoch soll hier stehen und ich soll was sagen und ich weiß nicht was, also frei sieht auf jeden Fall anders aus, das weiß ich, und ich will nicht s(t)ehen, wo ich bin und wo genau ich stehen soll weiß ich auch nicht. Halb-frei gibt es nicht, es ist eine Katastrophe und die Katastrophe steht mir ins Gesicht geschrieben. Katastrophe steht da Katastrophe. Holt jemand bitte die Notärztin. 

Frau Notärztin hallo ich hab Schmerzen. Aber wo, das kann ich nicht sagen. Überhaupt: Bin ich Ärztin oder Patientin? Wie kann man den Schmerz beschreiben eines Individuums, welches kann und will und nicht darf. Oder welches darf und will und noch nicht kann. So? Und ich bin mit mir selbst nicht zufrieden, wie könnt ihr es dann sein, aber das ist kein Grund für Vorwurf, sondern für Verständnis. Alle sehen mich an und manchmal auch Niemand aber alle wissen es: You don’t belong here, you don’t belong here, es ist ein Sprechchor, oder bilde ich mir das nur ein? Aber eins bilde ich mir nicht ein, denn da ist er, ein Blick. Er bohrt sich durch meine Haut, mein Herz, mein Selbst und durch alles, was ich glaubte, zu dürfen. Ich kriege kaum Luft und meine Haut ist, sie ist mir zu dünn.

Stopp jetzt!
Augen schließen.

Niemals mehr soll mich jemand so ansehen.

Perspektivwechsel: sich gegenseitig blöd ansehen. Ja, warum denn auch nicht könnte man sich fragen. Was soll ich denn sonst tun, könnte sich der blödguckende Mensch fragen. Sag doch mal jetzt, was könnte ich sonst tun, abgesehen von blöd gucken. Ich kann nur das. Ich kann nur so.

Doch das kann nicht die Lösung sein und das ist auch nicht mein Schmerz. 

Gesprächswertig ist ein anderes Wort für reißerisch. Das ist ihre Meinung.

Antwort.
Stunden vergehen.
Es ist so viel passiert.
Gegenfrage: Ich kann es nicht sehr gut ertragen, unter Niveau zu bleiben. Sag mal, ist das gut oder ist das schlecht.



Mensch, sitzen Sie etwa die ganze Nacht hier draußen?
Nee, erst seit halb 6, antworten Sie. Ich hab Stress mit dem Amt. Danke, sagen Sie später.

Es muss, sagen Sie. Es muss.

Gestern habe ich mit ihm geschlafen, obwohl ich nicht wollte.
Wieso haben Sie das getan?, frage ich leise und bin erschrocken. 
Sie glauben nicht, was dann passiert wäre. Aber wenigstens hat es nicht lang gedauert. Aber wenigstens hat es nicht lang gedauert.


Stand ich wirklich am gleichen Tag noch woanders und war so viel schlechter als jetzt?

Verdiente ich wirklich sehr viel mehr Geld damit, über Nebensächlichkeiten zu diskutieren und dabei sehr schlecht zu argumentieren?


Mit dem Gedanken an einen Blick einschlafen und mit dem Gedanken und mit dem Schmerz wieder aufwachen. Heute. Kaffeehaus. Stumm sein. Stimmt, hier bin ich, hier bin ich. Keine richtigen Worte finden, nicht für die Welt und nichtmal für mich selbst. Aber mich ohrfeigen wollen dafür, das schon. 

Ja, so ist es wohl, wenn man sich selbst sucht – eigentlich findet.

Stumme Schmerzen und laute Zweifel. Hinter den Zweifeln, irgendwo, liege ich.

Beiseite räumen. 
Darunter liege ich. 

Es ist wie eine Überraschung, dass ich da bin, und so soll es auch betont werden.

Ach da liege ich! 
Ach so!
Da liege ich also!

Hatte mich bisher immer (wo-)anders vermutet. 

Was macht Mensch, wenn er eine Krise hat. An sich aber eigentlich an der Welt. Krise=Kraft würde Beuys vielleicht auf eine Tafel schreiben. Das habe ich jetzt jedenfalls gesagt.



 

*„Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ (WMDEDGT) ist ein Projekt von Frau Brüllen.

An jedem fünften eines Monats fragt sie Bloggerinnen und Blogger, was sie so erlebt haben, an diesem einen Tag im Monat. Dabei ist es nicht wichtig, ob es Montag, Dienstag, Mittwoch, kalt, warm, regnerisch oder stürmisch draußen oder im Herzen ist. Wer antworten will, findet Antworten.

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